Solvency II: Lebensversicherer bauen Kapitalpolster deutlich aus

Clara Busch
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Clara Busch

Die Solvency-II-Quoten deutscher Lebensversicherer sind 2025 sprunghaft gestiegen. Eine erste Auswertung zeigt deutlich verbesserte Kapitalpositionen – getrieben vor allem durch sinkende Kapitalanforderungen. Doch wie nachhaltig ist dieser Effekt?

Die Kapitalausstattung deutscher Lebensversicherer hat sich im Jahr 2025 deutlich verbessert. Das zeigt eine erste Auswertung der Solvabilitäts- und Finanzberichte (SFCR) durch das Beratungsunternehmen WTW. Demnach ist die durchschnittliche Solvency-II-Bedeckungsquote der größten Anbieter innerhalb eines Jahres deutlich gestiegen.

„Eine erste Auswertung der Solvenzberichte der größten deutschen Lebensversicherer zeigt, dass die durchschnittliche Solvency-II-Bedeckungsquote um rund 80 bis 90 Prozentpunkte angestiegen ist – die Größenordnung dieses Anstiegs ist außergewöhnlich“, sagt Aleksander Rejman, Senior Director bei der WTW Versicherungsberatung.

Konkret dürfte die durchschnittliche SCR-Bedeckung von rund 295 Prozent Ende 2024 auf etwa 375 bis 385 Prozent zum Jahresende 2025 gestiegen sein. Die Analyse umfasst rund 82 Prozent des Marktes gemessen an den versicherungstechnischen Rückstellungen. Nur wenige Unternehmen weichen vom Branchentrend ab.


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Die Solvency-II-Bedeckungsquote ergibt sich aus dem Verhältnis anrechenbarer Eigenmittel zu den Solvenzkapitalanforderungen. Der deutliche Anstieg ist laut WTW vor allem auf einen Rückgang der Kapitalanforderungen um etwa 17 Prozent zurückzuführen. Der Zuwachs der Eigenmittel von rund sieben Prozent spielt eine untergeordnete Rolle.

Als zentraler Einflussfaktor gilt der Zinsanstieg im Jahr 2025. Die risikofreie Zinsstrukturkurve lag zum Jahresende je nach Laufzeit um etwa 50 bis 90 Basispunkte über dem Vorjahresniveau. Höhere Zinsen wirken im Rahmen von Solvency II in der Regel risikomindernd, insbesondere bei Spread-, Langlebigkeits- und Kostenrisiken.

„Die reine Zinswirkung allein reicht jedoch nicht aus, um die Größenordnung des Kapitalanstiegs vollständig zu erklären“, sagt Rejman. „Die zum Jahresende 2024 veröffentlichten Sensitivitätsanalysen lassen einen solchen Effekt nur teilweise erwarten. Als weitere Ursachen sehe ich daher die Risikominderungsmaßnahmen – etwa Rückversicherung – oder Veränderungen in der Risikomodellierung der Versicherer.“

Mehr Spielraum – aber begrenzte Umsetzung

Die gestiegenen Solvenzquoten erweitern grundsätzlich den strategischen Handlungsspielraum der Versicherer. Höhere Kapitalpolster ermöglichen es theoretisch, die Kapitalanlage stärker auf renditestärkere und risikoreichere Anlagen auszurichten.

In der Praxis wird dieser Spielraum jedoch durch stille Lasten begrenzt. Viele festverzinsliche Wertpapiere, insbesondere aus älteren Beständen, liegen infolge des Zinsanstiegs unter ihrem Buchwert. Eine Umschichtung würde diese Verluste realisieren und könnte sich negativ auf Bilanz und Solvenzkennzahlen auswirken.

„Entsprechend sollten Asset-Liability-Management-Überlegungen bei den Unternehmen verstärkt in den Fokus rücken“, sagt Clara Busch, Director bei der WTW Versicherungsberatung.

Neugeschäft gewinnt an Bedeutung

Vor diesem Hintergrund rückt das Neugeschäft stärker in den Fokus. Insbesondere Einmalbeiträge bieten die Möglichkeit, neue Mittel gezielt in veränderte Asset-Allokationen zu investieren, ohne bestehende Portfolien auflösen zu müssen.

Damit wird das Neugeschäft zu einem zentralen Instrument, um die verbesserte Kapitalausstattung langfristig in eine optimierte Anlage- und Ertragsstruktur zu überführen.

„Inwieweit das aktuell hohe Solvenzniveau der Lebensversicherer nachhaltig ist, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Wir gehen weiterhin von volatilen Entwicklungen infolge makroökonomischer Unsicherheiten aus“, sagt Rejman. Zudem steht im kommenden Jahr die Überarbeitung des Solvency-II-Regelwerks an, was zusätzliche Bewegung in die Solvenzpositionen bringen dürfte.

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