Anders als vermutet: US-Notenbankchef Kevin Warsh, der das Amt von Jerome Powell jüngst übernommen hat, schlägt einen restriktiveren geldpolitischen Kurs ein, als viele Beobachter vor seinem Amtsantritt erwartet hatten. Dies bedeutet: Zinssenkungen scheinen auf kurze Sicht mehr als unwahrscheinlich, im Gegenteil. Aktuell rücken stattdessen Zinserhöhungen in den Bereich des Möglichen.
Es kommt also nicht von ungefähr, dass die Anleiherenditen zuletzt kräftig anzogen. So erklomm die Rendite 30-jähriger US-Staatsanleihen mit zuletzt rund 5,3 Prozent das höchste Niveau sei 2007. Gold, das keine laufenden Erträge wie Zinsen oder Dividenden bietet, verliert in einem solchem Umfeld somit an Attraktivität – und damit einhergehend auch häufig an Wert. Wertet dann auch noch der US-Dollar auf, der zuletzt zwar schwächelte, seit Anfang 2026 aber unter dem Strich Stärke zeigte, ist das eine zusätzliche Belastung für den Goldkurs. Schließlich wird Gold rund um den Globus fast ausschließlich in Dollar gehandelt; steigt der Greenback, wird Gold für Anleger aus dem Nicht-Dollarraum also teurer.
Die alten Korrelationen gelten nicht mehr unbedingt
Obwohl die US-Renditen und der Dollar auf hohem Niveau verharren, hat sich Gold von seiner jüngsten Korrektur trotzdem schon wieder kräftig erholt. Das ist bemerkenswert – und lehrreich zugleich. Denn es zeigt: Die einst recht zuverlässig geltenden Zusammenhänge zwischen steigenden Zinsen, einem starken Dollar und einem schwächeren Goldpreis funktionieren nicht mehr wirklich – zumindest nicht immer. Fakt ist: Es ist ein Zusammenspiel aus zahlreichen sich wandelnden Faktoren und Entwicklungen, die den Goldpreis bestimmen.
Ein ganz entscheidender Faktor derzeit: die politische Unsicherheit in den USA. Die innenpolitischen Verwerfungen, die unberechenbare Zoll- und Wirtschaftspolitik und das weltweit wachsende Misstrauen gegenüber den US-Institutionen veranlassen zahlreiche private Anleger und institutionelle Investoren den sicheren Goldhafen anzusteuern. Hinzu kommen anhaltend hohe geopolitische Risiken – allen voran im Nahen Osten und in Osteuropa –, die nicht unbedingt schnelle Entspannung erwarten lassen.
Notenbanken stützen den Goldmarkt – und der Kreis der Käufer wächst
Ein weiterer, strukturell nicht zu unterschätzender Treiber ist die anhaltend starke Nachfrage der Zentralbanken – nicht nur, aber auch, um ihre Abhängigkeiten vom US-Dollar zu reduzieren. Vor allem kaufen die Notenbanken Polens und Chinas in erheblichem Umfang Gold zu. Und: Nach Angaben des World Gold Council sind inzwischen auch Indonesien und Malaysia wieder zu Käufern geworden, nachdem sie längere Zeit eher zurückhaltend agiert hatten. Der Kreis der staatlichen Goldnachfrager wächst also – und damit die strukturelle Basis der Nachfrage.
Und: Sollte sich der aktuelle US-Zinszyklus drehen, Fed-Chef Warsh also laut über mögliche Zinssenkungen nachdenken – und das wird er über kurz oder lang –, dürfte das dem Goldkurs zusätzlichen Rückenwind verleihen.
Schwankungen gehören dazu – auf lange Sicht lukrativ
Wer in Gold investiert, muss mit Phasen leben, in denen das Edelmetall immer mal wieder unter Druck gerät. Steigende Renditen, ein fester Dollar oder nachlassende Inflationsraten – es gibt immer wieder Konstellationen, die kurzfristig belasten können. Doch das sollte nicht zwingend ein Argument gegen Gold sein, sondern ein Argument für einen besonnenen und langfristig orientierten Umgang mit dem Edelmetall. Korrekturen wie zuletzt sind in einem langfristigen Aufwärtstrend nichts Ungewöhnliches und haben in der Vergangenheit häufig gute Einstiegsgelegenheiten geboten.
Autor Önder Çiftçi ist Gründer und Geschäftsführer der Ophirum GmbH. Vor der Gründung des bankenunabhängigen Anbieters von Edelmetallen im Jahr 2010 war er bei verschiedenen Banken in führender Position tätig.















