Technologieaktien: Warum die zweite Börsenreihe aufholt

Rennwagen, die Technologieaktien symbolisieren
Foto: ChatGPT
Technologietitel der zweiten Reihe überholen Big Tech

Die Dominanz großer US-Technologiewerte bleibt ein Thema. Doch Investitionen in Energie, Infrastruktur und Verteidigung lenken Kapital auch in andere Branchen und Regionen. Für Anleger rückt damit eine alte Portfolio-Tugend wieder stärker in den Fokus.

Die alleinige Dominanz der technologielastigen US-Mega-Caps neigt sich dem Ende zu. Gerade in Europa legen auch andere kapitalintensivere Branchen zu. Steigende Ausgaben für Verteidigung und den Ausbau Erneuerbarer Energien sichern die Nachfrage in Sektoren wie Industrieausrüstung, Werkstoffe und Versorgung. Segmente, die in globalen Portfolios während der Wachstumszeit verschlankter Bilanzen unterrepräsentiert waren, gewinnen jetzt an Aufwind – doch auch die Rohstoffmärkte und einige Schwellenländer profitieren. Wer von diesem Umschwung am meisten profitiert und wie Künstliche Intelligenz das Sektorgefüge innerhalb und außerhalb der USA verschiebt


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Die Verfechter der Rotationstheorie verweisen darauf, dass neben den technologielastigen Mega-Caps aus den USA auch kapitalintensivere Branchen aus anderen Regionen zulegen. Weltweit gehen Investitionen in Infrastruktur und Energiesicherheit sowie die Verlagerung von Lieferketten von der Planungs- in die Umsetzungsphase über. Deshalb steigen sowohl Investitionen in Sachgüter als auch die Gewinne in Sektoren, die von diesen Investitionen profitieren.

Dieser Prozess lässt sich in Europa sehr gut beobachten: Steigende Ausgaben für Verteidigung und den Ausbau erneuerbarer Energien sichern die Nachfrage in kapitalintensiven Sektoren wie Industrieausrüstung, Werkstoffe und Versorgung über Jahre hinweg. Zu den Profiteuren gehören Unternehmen mit materiellen Vermögenswerten, langfristigen Cashflows und Preissetzungsmacht – also genau die Segmente, die in globalen Portfolios während der Wachstumsära der Bilanzverkürzung unterrepräsentiert waren. Auch an den Rohstoffmärkten und in Schwellenländern, die wichtige Vorprodukte für diese Investitionen liefern, sind die Auswirkungen spürbar.

Zudem machen sich die Kapitalinvestitionen in KI-Infrastruktur auch in anderen Segmenten des US-Aktienmarkts bemerkbar. Der Ausbau Künstlicher Intelligenz treibt die Nachfrage nach Halbleitern, fortschrittlichen Fertigungsanlagen und elektrischen Geräten. Viele der bedeutendsten Unternehmen, die von dieser Entwicklung am meisten profitieren, sitzen allerdings außerhalb der USA. Doch auch innerhalb der USA verschiebt Künstliche Intelligenz das Sektorgefüge. Versorgungs- und Energieunternehmen, die in der Vergangenheit eher nach Gewinnen als nach Wachstum bewertet wurden, profitieren von einer steigenden Stromnachfrage und notwendigen Netzinvestitionen. Dadurch steigen Bewertungen. 

Status quo: die Bedeutung technologielastiger US-Aktien


Die Verteidiger des Status quo sehen in US-Technologieaktien nach wie vor attraktive Anlagen. Langfristig tragen vergleichsweise wenige, sehr erfolgreiche Unternehmen den Großteil zur Aktienmarktrendite bei. Zwar wechseln die Unternehmen an der Spitze im Laufe der Zeit, doch noch immer kommen die meisten von ihnen aus den USA. Da erleichtern große Kapitalmärkte, ein robustes Ökosystem für Risikokapital und die amerikanische Innovationskultur die Entwicklung und den Ausbau neuer Technologien.

Auch „institutionell“ sind die USA ein Ort, an dem sich Innovationen schnell durchsetzen können. Die Arbeitsmärkte sind flexibel, die Corporate Governance ist vergleichsweise robust und die Risikobereitschaft ist hoch. Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Produktivitätssteigerungen in Gewinnwachstum niederschlagen.

Die geopolitische Lage stärkt die Position der USA mit ihrer großen und relativ autarken Wirtschaft und ihrer verlässlichen Energie- und Lebensmittelversorgung zusätzlich. In Zeiten steigender geopolitischer Unsicherheit – wie aktuell – zieht diese Autarkie in der Regel Kapital an, weshalb die Volatilität an den US-Märkten tendenziell niedriger ist. Das ist auch der Grund, warum US-Aktien nach wie vor mit einem Aufschlag gehandelt werden.

Das A und O: Bewertungen


Noch immer stehen die Bewertungen im Zentrum der Debatte um eine mögliche Rotation. Zwar sind sie als Timing-Instrument ungeeignet, dennoch haben sie entscheidenden Einfluss auf die Marktentwicklung, wenn sich das Narrativ verändert. Dass angespannte Bewertungen riskant sein können, konnte zuletzt im Februar beobachtet werden, als die wachsende Sorge vor KI-Disruption die Kurse mehrerer Software- und IT-Dienstleistungsunternehmen zum Einsturz gebracht hat. Hier hat sich gezeigt, wie schnell sich die Stimmung drehen kann, wenn sich das Narrativ ändert und Geschäftsmodelle bedroht sind. Nach Jahren steigender Kurse und Multiplikatoren war in den Bewertungen kaum noch „Luft“ für eine Korrektur.

Während überzogene Bewertungen eine Kurskorrektur auslösen können, wenn ein Geschäftsmodell ins Wanken kommt, können die in den günstigen Bewertungen eingepreisten niedrigen Erwartungen eine Aktie resilienter machen – und womöglich sogar den Kurs nach oben treiben. Viele Unternehmen außerhalb der USA waren zu Beginn des Jahres 2025 historisch günstig bewertet, und als sich die Stimmung drehte, legten die besonders günstigen Aktien auch am stärksten zu (siehe Grafik). 

US-Bewertungen: Zwischen Optimismus und Skepsis


Der S&P-500-Index liegt dagegen weiterhin am oberen Ende seiner historischen Bewertungsspanne. Neben dem hohen Gewinnwachstum ist darin auch eine Prämie für die Resilienz von US-Unternehmen eingepreist. Nach vielen Maßstäben sind diese Bewertungen angespannt und nur durch kontinuierliches Ertragswachstum zu rechtfertigen. Vor allem darf die Konjunktur nicht einbrechen und den derzeitigen Trend gefährden. 

Im Gegensatz zu den USA liegen die Bewertungen in vielen anderen Märkten weiterhin näher an ihrem langfristigen Durchschnitt. Nach Jahren steigender Kurse sind die aktuellen US-Bewertungen immer noch das Resultat eines nachhaltigen Optimismus, die Bewertungen in anderen Märkten dagegen Ausdruck von Skepsis. Auch viele Segmente des globalen Aktienmarktes außerhalb des Mega-Cap-Technologiesektors sind in globalen Portfolios weiterhin untergewichtet. 

Globale Diversifizierung macht Portfolio resilienter 


Das heutige Marktumfeld unterscheidet sich stark von der Zeitspanne, in der US-Wachstumsaktien mit großer Marktkapitalisierung verlässlich Mehrrenditen abwarfen und Stil, Marktkapitalisierung und regionale Diversifizierung zu scheinbar überflüssigen Abwägungen machten. Anleger können daher von einer Ausweitung ihres Exposure auf die günstiger bewerteten Segmente der globalen Aktienmärkte profitieren. Eine solche Diversifizierung kann das Portfolio resilienter machen und sein Renditepotenzial erhöhen, zumal die rasanten Fortschritte in der Entwicklung Künstlicher Intelligenz, die bereits jetzt Geschäftsmodelle und Investitionsentscheidungen beeinflussen, immer mehr in der Weltwirtschaft ankommen.

Autor Kevin Khang ist Senior Global Economist bei Vanguard.

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