Mit dem Ende der Amtszeit von Jerome Powell übernimmt mit Kevin Warsh ein neuer Vorsitzender das höchste Amt der US-Notenbank. Bereits im Vorfeld seines Amtsantritts war die Personalie Gegenstand intensiver Diskussionen – insbesondere mit Blick auf sein Verhältnis zu US-Präsident Donald Trump.
Zu den ersten Bewährungsproben für Kevin Warsh dürfte gehören, das Vertrauen in die Unabhängigkeit der US-Notenbank zu festigen. Die Tatsache, dass seine Vereidigung jedoch im Weißen Haus stattfand, dürfte es Warsh zusätzlich erschweren, seine Unabhängigkeit gegenüber dem Weißen Haus zu demonstrieren. Eine solche Zeremonie außerhalb des Fed-Hauptsitzes hatte es zuletzt beim Amtsantritt von Alan Greenspan unter Präsident Ronald Reagan gegeben. Zwar sprach sich Donald Trump ausdrücklich für eine unabhängige Amtsführung des neuen Fed-Vorsitzenden aus, doch auch der symbolische Rahmen eines Amtsantritts wird von den Märkten genau beobachtet.
Der US-Präsident hat gute taktische Gründe, Warsh nicht unmittelbar unter Druck zu setzen. Angesichts steigender Inflation, geopolitischer Unsicherheit und hawkischer Gegenstimmen wird Warsh bei der anstehenden Fed-Sitzung im Juni keine Zinssenkung durchsetzen können – oder gar wollen. Die Schonung des eigenen politischen Kapitals ist daher nur folgerichtig. Ferner muss Trump das Vertrauen in Warsh öffentlich stärken, um dessen Position zu legitimieren. Da Warsh nach Christopher Waller, Rick Rieder, Michelle Bowman und Kevin Hassett nicht die erste Wahl für diesen Posten war, ist eine klare Rückendeckung des Präsidenten von strategischer Bedeutung. Warsh agiert folglich momentan mit großem Spielraum. Dieser „Freibrief“ ist jedoch auf Zeit ausgestellt. Sobald diese Phase endet, dürfte der Druck – nicht zuletzt über die sozialen Medien – spürbar zunehmen.
Eine Anpassung des aktuellen Zielkorridors für den Leitzins, der derzeit bei 3,50–3,75 % liegt, auf der anstehenden Juni-Sitzung des Offenmarktausschusses der US-Notenbank (FOMC) gilt als nahezu ausgeschlossen. Für den weiteren Jahresverlauf wächst jedoch die Unsicherheit: Zwar zeigen sich die Konsumausgaben angesichts des Inflationsdrucks bislang resilient, die Besorgnis nimmt jedoch spürbar zu. Die Inflation dürfte sich weiter beschleunigen, wenngleich der Preisauftrieb nach einer Deeskalation des Iran-Konflikts an Dynamik verlieren sollte. Während die geldpolitischen Projektionen in der Zusammenfassung der Wirtschaftsprognosen (Summary of Economic Projections, SEP) vom März noch eine Zinssenkung um 25 Basispunkte für dieses Jahr signalisierten, steht für Juni mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Revision der Mediane an. Es ist nicht auszuschließen, dass der kommende „Dot Plot“ bereits vereinzelt restriktivere Stimmen für eine Zinserhöhung enthalten wird.
Die Debatte um den „Dot Plot“
Mit Blick auf den „Dot Plot“ zeigt sich der Fed-Vorsitzende Warsh als erklärter Kritiker der Forward Guidance. Er argumentiert, dass die explizite Kommunikation künftiger Pfade die Zentralbank einenge und ihre geldpolitische Effektivität mindere. Bei seiner Senatsanhörung präzisierte er: „Die Fed teilt der ganzen Welt mit, wie ihre Punkte und Prognosen aussehen werden.“ Da Entscheidungsträger menschlichen Verhaltensmustern unterliegen, würden sie laut Warsh oft starrer an einmal formulierten Ausblicken festhalten als ökonomisch geboten. Diese Einschätzung greift jedoch zu kurz, da gerade die Anonymität der Abstimmungen im Ausschuss Raum für Kurskorrekturen bietet.
Grundsätzlich gilt: Der Fed-Vorsitzende verfügt nicht über die gleiche Entscheidungsmacht wie die Führung eines Unternehmens, einer Stiftung oder anderer Gremien. Um strukturelle Berichte wie die SEP formell zu modifizieren oder abzuschaffen, ist eine Mehrheit im Offenmarktausschuss zwingend erforderlich. Kevin Warsh wird daher strategisch vorgehen und die Dynamik innerhalb des Gremiums genau analysieren müssen, bevor er strukturelle Änderungen forciert. Sollte er auf harten Widerstand stoßen, bliebe ihm die Möglichkeit, die Bedeutung der Prognosen im Rahmen seiner Pressekonferenzen rhetorisch zu relativieren. Falls es ihm jedoch misslingt, in Verfahrensfragen Konsens unter seinen Kollegen herzustellen, dürften auch die zentralen Kernpunkte seiner Agenda – wie die Reduzierung der Fed-Bilanzsumme – nur schwer durchzusetzen sein.
Geldpolitische Unsicherheit stärkt US-Geldmarktfonds
Der Mai war ein solider Monat für US-Geldmarktfonds. Nach den Daten von iMoneyNet stieg das verwaltete Vermögen im Monatsverlauf um mehr als 100 Milliarden US-Dollar. Da sich die Fed weiterhin im Wartemodus befindet und politische Unruhen das Basisszenario bleiben, könnten die Volumina diesen Sommer neue Höchststände erreichen.
Ein weiteres Zeichen für die Gesundheit der Branche zeigt sich am Overnight-Markt: Die Reverse-Repo-Fazilität der Fed verzeichnet weiterhin eine minimale Nutzung, sowohl beim Kapital als auch bei den Kontrahenten. Je weniger Liquiditätsprodukte den Staat in Anspruch nehmen müssen, desto besser funktioniert das System.
Autorin Deborah A. Cunningham ist Chief Investment Officer bei Global Liquidity Markets.













