Seit Kevin Warshs Amtsantritt als neuer Vorsitzender der US-Notenbank am 22. Mai ist die gewichtete Durchschnittsrendite des US-Treasury-Index um 14 Basispunkte gestiegen. Warsh hatte bereits im Vorfeld angekündigt, die Forward Guidance der Fed zurückfahren zu wollen und seine Pressekonferenz nach der Juli-Sitzung des Offenmarktausschusses (FOMC) deutet darauf hin, dass er sich auch hinsichtlich der aktuellen geldpolitischen Ausrichtung bewusst zurückhält. Statt konkrete Hinweise auf den weiteren Kurs zu geben, bekräftigte er vor allem die Entschlossenheit des FOMC, unterschiedliche Positionen innerhalb des Gremiums sorgfältig abzuwägen und gleichzeitig konsequent gegen die Inflation vorzugehen.
Diese Kommunikationsstrategie birgt jedoch Widersprüche. Zwar betont Warsh regelmäßig die Notwendigkeit, die erhöhte Inflation einzudämmen, gleichzeitig lässt er jedoch offen, unter welchen Bedingungen die Fed ihre Geldpolitik weiter straffen würde. Dies nährt Zweifel an seiner Entschlossenheit im Kampf gegen die Inflation. Für zusätzliche Verunsicherung sorgte seine Einschätzung, dass letztlich die Marktteilnehmer die Zinsen bestimmten und die Fed eher die Rolle eines Schiedsrichters einnehme als die eines zentralen Akteurs bei der Steuerung von Geldmenge und Leitzinsen. Damit dürften seine Äußerungen die Unsicherheit über den künftigen geldpolitischen Kurs der Notenbank eher verstärkt als verringert haben.
Gleichzeitig zeigt sich die US-Wirtschaft weiterhin robust. Getragen von einer anhaltend starken Konsumnachfrage und soliden Unternehmensinvestitionen setzt sich das Wirtschaftswachstum fort. Die Inflation bleibt jedoch aufgrund der anhaltenden Volatilität der Ölpreise im Zuge des Iran-Konflikts erhöht. Dieses Zusammenspiel hat in den vergangenen Wochen maßgeblich zum Anstieg der Renditen von US-Staatsanleihen beigetragen.
Auch die Finanzmärkte sowie das internationale Umfeld sprechen derzeit für ein höheres Renditeniveau. Starke Unternehmensgewinne haben die Aktienmärkte nahe ihrer Rekordstände gehalten und damit insbesondere bei einkommensstarken Haushalten positive Vermögenseffekte ausgelöst. Gleichzeitig dürfte die Finanzierung des KI-Ausbaus – kombiniert mit dem weiterhin hohen Finanzierungsbedarf des US-Bundeshaushalts – zu einer anhaltend hohen Emissionstätigkeit führen. Um ausreichend Kapital anzuziehen, erscheint daher ein erhöhtes Gleichgewichtszinsniveau weiterhin erforderlich.
Auch international scheinen angesichts anhaltender Inflationsrisiken und einer überraschend widerstandsfähigen Konjunktur sowohl die Europäische Zentralbank als auch die Bank of Japan (BOJ) eher zu einer restriktiveren Geldpolitik zu tendieren. Hinzu kommt die jüngste koordinierte Devisenmarktintervention der BOJ und des US-Finanzministeriums zur Stabilisierung des japanischen Yen. Sollten die positiven Effekte lediglich temporär sein, könnte die BOJ gezwungen sein, ihre Leitzinsen weiter anzuheben.
Dennoch gibt es auch Faktoren, die für eine Stabilisierung oder sogar einen teilweisen Rückgang der US-Treasury-Renditen sprechen. Das aktuelle Renditeniveau entspricht inzwischen weitgehend dem Niveau der frühen 2000er-Jahre – der Zeit vor der globalen Finanzkrise. Solch attraktive Renditen könnten weiterhin kräftige Mittelzuflüsse in Anleihefonds begünstigen und institutionelle Investoren dazu veranlassen, nach der starken Entwicklung an den Aktienmärkten wieder stärker in festverzinsliche Wertpapiere umzuschichten. Darüber hinaus könnten die bevorstehenden Zwischenwahlen in den USA angesichts zunehmender politischer Unsicherheit für höhere Schwankungen bei Risikoanlagen sorgen. Die jüngsten US-Inflationsdaten fielen niedriger aus als erwartet, da der Preisdruck infolge der Zölle allmählich nachlässt. Auch das schwächere Wachstum Chinas und der steigende Handelsüberschuss des Landes wirken tendenziell disinflationär auf die Weltwirtschaft. Schließlich dürfte jeder Fortschritt bei einer Entspannung des Konflikts mit dem Iran den Ölpreis entlasten und damit zusätzlichen Druck von der Inflation nehmen.
Obwohl in der Gesamtabwägung der Risiken, diese eher für weitere Renditeanstiege bei US-Staatsanleihen sprechen, halten wir an einer neutralen Positionierung fest. Anstehende Inflations- und Arbeitsmarktdaten, mögliche Entwicklungen des Konflikts im Persischen Golf sowie weitere geldpolitische Signale der Fed könnten jedoch zukünftig einen geeigneten Zeitpunkt bieten, eine taktische Short-Position zu attraktiveren Kursniveaus einzugehen.
Autor R.J. Gallo ist CIO Global Fixed Income bei Federated Hermes.













