Der Anleihemarkt nimmt der Fed einen Teil der Arbeit bereits ab. Brent ist letzte Woche auf 100 US-Dollar je Barrel gestiegen. Noch Anfang Juli notierte der Ölpreis bei rund 70 US-Dollar – ein Anstieg, den vor wenigen Wochen kaum jemand erwartet hätte. Auslöser war die erneute Eskalation im Nahen Osten. Damit gerieten die bisherigen Markterwartungen ins Wanken. Die Hoffnung, den Höhepunkt der Inflation bereits hinter uns oder zumindest in greifbarer Nähe zu haben, bekam einen deutlichen Dämpfer.
Aktien vs. Anleihen
Aktien- und Anleihemärkte zeigen derzeit eine unterschiedliche Sensibilität gegenüber den geopolitischen Spannungen im Nahen Osten und den außenpolitischen Impulsen von Donald Trump. Während der Aktienmarkt die Risiken bislang erstaunlich gelassen hinnimmt, reagiert der Anleihemarkt deutlich nervöser. Viele Aktienanleger scheinen davon auszugehen, dass es trotz des Hin und Hers zwischen Donald Trump und dem Iran nicht zu einer weiteren Eskalation kommt. Trumps unberechenbarer außenpolitischer Stil wird häufig eher als aggressive Verhandlungstaktik denn als Vorbote eines unkontrollierbaren Krieges interpretiert.
Der Anleihemarkt bewertet die Lage deutlich kritischer. Die Renditen sind spürbar gestiegen. Der Rentenmarkt gilt als der makroökonomisch sensiblere Markt, und dafür gibt es gute Gründe. Jede Eskalation mit dem Iran bedroht die Schifffahrtswege im Nahen Osten und erhöht das Risiko weiter steigender Ölpreise. Höhere Energiepreise bedeuten unmittelbar mehr Inflationsdruck. Gleichzeitig verlangen Investoren höhere Renditen, um das Risiko langfristiger US-Staatsanleihen in einem Umfeld geopolitischer Unsicherheit und hoher Staatsverschuldung zu tragen.
Fed sitzt in der Zwickmühle
Für die Fed ist jetzt maximale Flexibilität gefragt. Wie sich der Konflikt im Nahen Osten entwickelt und welche Folgen er für die Inflation haben wird, lässt sich derzeit kaum verlässlich abschätzen. Genau deshalb dürfte die US-Notenbank noch stärker datenabhängig agieren und sich bewusst alle Optionen offenhalten. Das erschwert zugleich jede Prognose über den weiteren Zinspfad. Auch der neue Fed-Chef Kevin Warsh gibt den Märkten bewusst keine klaren Hinweise auf den nächsten Zinsschritt, um den geldpolitischen Handlungsspielraum möglichst groß zu halten.
Märkte sind verunsichert
Rund 30 Prozent der Anleger rechnen bereits in der kommenden Woche mit einer Zinserhöhung, rund 70 Prozent erwarten eine Zinspause. So kurz vor einer Fed-Sitzung ist eine derart gespaltene Erwartungshaltung ungewöhnlich. Entscheidend wird sein, wie Kevin Warsh die Inflationsentwicklung und den jüngsten Ölpreisanstieg einordnet. Der Markt rechnet derzeit mit einer Zinserhöhung im September. Die hohe Unsicherheit erhöht das Risiko für Überraschungen und entsprechend kräftige Marktreaktionen, zumal die Anlegerstimmung ohnehin bereits angeschlagen ist.

FedWatch Tool. Quelle: CME
Folgen für Aktien
Höhere Zinsen bleiben Gegenwind für Aktien. Vor allem hoch bewertete Technologieunternehmen könnte unter Druck geraten, weil steigende Zinsen den heutigen Wert zukünftiger Gewinne verringern. Gleichzeitig entzieht ein Ölpreis auf hohem Niveau der Wirtschaft zunehmend Kaufkraft. Der DAX ist aufgrund seiner Branchenstruktur deutlich anfälliger für einen solchen Schock als der US-Aktienmarkt. Doch auch die USA bleiben davon nicht verschont. Je länger der Ölpreis auf einem hohen Niveau verharrt oder sogar weiter steigt, desto größer wird der Druck auf die Wirtschaft.
Worauf achten?
Für neue Rekordhochs brauchen die Märkte vor allem das Gefühl, dass die größten Risiken unter Kontrolle sind. Eine geopolitische Entspannung und ein fallender Ölpreis würden den Inflationsdruck spürbar verringern und der Fed unter Kevin Warsh wieder mehr geldpolitischen Spielraum verschaffen. Das muss jedoch nachhaltig sein. Nur dann könnte dies das grüne Licht für die nächste Aufwärtsbewegung an den Aktienmärkten sein.
Autor Maximilian Wienke ist Marktanalyst bei eToro.












