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Wenn KI den Kundenzugang übernimmt – was bleibt vom klassischen Versicherungsvertrieb?

Stephen Voss, CEO Neodigital Versicherung
Foto: Neodigital/Jennifer Weiland
Stephen Voss: "Sind Versicherer bereit, in einer Welt zu bestehen, in der nicht der Mensch, sondern der Algorithmus zuerst entscheidet?"

KI-Systeme übernehmen zunehmend Aufgaben entlang der Wertschöpfungskette von Versicherern. Doch was passiert, wenn sie künftig auch den Kundenzugang kontrollieren? Ein Szenario, das die Rolle von Vertrieb, Marke und Beratung grundlegend verändern könnte. Von Stephen Voss

Die Versicherungswirtschaft diskutiert derzeit intensiv über den Einsatz künstlicher Intelligenz in Prozessen, Tarifierung und Schadenbearbeitung. Deutlich weniger Aufmerksamkeit erhält jedoch eine viel grundlegendere Frage: Was passiert, wenn nicht mehr der Mensch, sondern ein KI-Agent den primären Kontakt zwischen Versicherer und Versichertem hält?

Was heute noch wie ein Szenario wirkt, ist technologisch längst angelegt. Digitale Assistenten organisieren Reisen, vergleichen Energieanbieter, verwalten Termine und kommunizieren mit Dienstleistern. Der nächste logische Schritt ist, dass sie auch Versicherungsangelegenheiten übernehmen – zunächst unterstützend, perspektivisch eigenständig agierend.

Die Motivation auf Kundenseite ist einfach: Bequemlichkeit. Warum selbst Bedingungen lesen, Tarife vergleichen oder Schäden melden, wenn ein KI-Agent diese Aufgaben schneller und strukturiert erledigen kann?

Was KI-Agenten heute bereits leisten

Schon heute können KI-basierte Systeme Versicherte in vielen Bereichen unterstützen: Sie erklären Vertragsinhalte in verständlicher Sprache, strukturieren komplexe Bedingungen und fassen Leistungsbausteine zusammen. Sie vergleichen Tarife anhand klar definierter Kriterien und priorisieren Angebote. Sie helfen bei der Vorbereitung von Schadenmeldungen, sammeln relevante Informationen und prüfen Plausibilitäten. Natürlich wird hier und da noch halluziniert, aber das wird täglich besser.


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Technologisch ist es zudem möglich, Policen automatisiert zu verwalten, Fristen zu überwachen oder Deckungslücken zu identifizieren. In Kombination mit offenen Schnittstellen könnten KI-Agenten künftig Vertragsdaten konsolidieren und Optimierungspotenziale vorschlagen – vergleichbar mit digitalen Vermögensübersichten im Banking.

Noch agieren diese Systeme überwiegend reaktiv: Der Versicherte stellt eine Frage, die KI antwortet. Doch der Übergang zur proaktiven Assistenz ist absehbar. Dann würde der KI-Agent eigenständig darauf hinweisen, dass sich Lebensumstände geändert haben könnten, dass ein Tarifwechsel sinnvoll erscheint oder dass eine Unterversicherung droht. Der Unterschied ist fundamental: Der Mensch fragt nicht mehr – er wird beraten, ohne aktiv danach gesucht zu haben.

Die nächste Evolutionsstufe: KI als eigenständiger Intermediär

Wenn KI-Agenten diese Rolle übernehmen, verschiebt sich die Marktlogik. Der Versicherer kommuniziert nicht mehr primär mit dem Kunden, sondern mit dessen digitalem Stellvertreter. Dieser Agent filtert Informationen, vergleicht Angebote und trifft – zumindest vorbereitend – Entscheidungen. Die Sichtbarkeit einzelner Anbieter hängt dann nicht mehr von klassischer Markenkommunikation oder Vertriebskraft ab, sondern davon, wie gut Produkte maschinenlesbar, vergleichbar und algorithmisch bewertbar sind.

Es wird daher für Versicherer zunehmend relevant, wie gut die mit externen KI-Agenten interagieren können, Informationen für diese bereitstellen können und ob alle Daten und Erläuterungen zum eigenen Produkt so aufbereitet wurden, das eine KI die Vorteile für seinen jeweiligen Auftraggeber erkennt.

Knallige Markenversprechen und aufwendige, emotional aufgeladene Marketingkampagnen verfehlen bei der KI komplett ihre Wirkung. Die Art und Weise, wie Produkte und Dienstleistungen präsentiert werden müssen, ändert sich fundamental. Ein Beispiel: Wenn eine KI ohnehin derjenige ist, der sich primär um die Informationsbeschaffung kümmert müssen Daten und Fakten zur Police und dem Leistungsumfang nicht mehr zusammengefasst und für Menschen leicht zu erfassen zur Verfügung gestellt werden. Die KI kümmert sich nicht darum, ob die Produktseite schön aussieht oder ob wichtige Details lediglich im Kleingedruckten auftauchen. Sie analysiert das komplette Bild in Sekundenbruchteilen. Das hat weitreichende Konsequenzen.

Komplexität wird zum Nachteil

Was bedeutet das für die Versicherungsunternehmen? Erstens wird Standardisierung wichtiger. KI-Systeme benötigen strukturierte Daten, klare Leistungsbeschreibungen und transparente Bedingungswerke. Komplexität, die im persönlichen Beratungsgespräch erklärt werden kann, wird im algorithmischen Vergleich schnell zum Nachteil.

Zweitens rückt die Frage der Schnittstellen in den Mittelpunkt. Versicherer müssen entscheiden, ob und wie sie ihre Daten KI-Agenten zugänglich machen. Wer keine offenen, technisch sauberen APIs bereitstellt, riskiert Unsichtbarkeit. Wer sie bereitstellt, verliert jedoch einen Teil der direkten Kundenschnittstelle. Fast schon die Gretchen-Frage.

Drittens verändert sich der Wettbewerb. Wenn KI-Agenten im Sinne des Kunden optimieren, zählen primär Preis-Leistungs-Relation, Servicequalität und Schadenerfahrung. Emotionale Markenbindung tritt in den Hintergrund. Die Entscheidung wird rationalisiert. Früher war es eine Allianz fürs Leben, aber was wird es dann in Zukunft sein?

Bequemlichkeit als Treiber – und Risiko

Für Versicherte bietet diese Entwicklung unbestreitbare Vorteile. Transparenz steigt, Informationsasymmetrien sinken, Prozesse werden effizienter. Gerade bei standardisierten Produkten wie Hausrat, Kfz oder Privathaftpflicht kann ein KI-Agent erhebliche Vereinfachung bringen.

Doch Bequemlichkeit hat eine Kehrseite. Wer Entscheidungsprozesse vollständig auslagert, verliert ein Stück Kontrolle und Verantwortungsbewusstsein. Versicherungen sind keine rein technischen Güter. Sie betreffen existenzielle Risiken, individuelle Lebenssituationen und langfristige Absicherung.

Ein KI-Agent kann vergleichen, strukturieren und optimieren. Er kann jedoch nicht die individuelle Risikoaffinität, familiäre Dynamiken oder unternehmerische Ambitionen vollständig erfassen. Hier bleibt menschliche Beratung ein relevanter Faktor – insbesondere in komplexen Sparten. Aber: die Beratung kann hier hybrid erfolgen. Eine effiziente Kombination aus emphatischer menschlicher Kompetenz und der Analytik der KI.

Was bedeutet das für Versicherungsunternehmen?

Die zentrale Frage lautet nicht, ob KI-Agenten kommen, sondern wie Versicherer sich strategisch positionieren: Unternehmen müssen dafür intern KI-Kompetenz aufbauen. Es reicht nicht, externe Agenten zu beobachten. Mitarbeitende sollten ermutigt werden, KI-Tools produktiv einzusetzen – etwa zur Unterstützung in der Kundenkorrespondenz, bei der Strukturierung komplexer Anfragen oder bei der Vorbereitung von Angeboten. Das steigert Effizienz und schärft zugleich das Verständnis für die Logik algorithmischer Systeme.

Das bedeutet aber auch, dass Versicherer eigene, kontrollierte KI-Lösungen bereitstellen sollten. Wer keine unternehmenssichere Umgebung für KI-Nutzung anbietet, riskiert, dass Mitarbeitende auf externe Tools ausweichen – mit entsprechenden Datenschutz- und Governance-Risiken. Eine klare Strategie für interne KI-Anwendungen ist daher ebenso wichtig wie die Öffnung nach außen.

Und: Governance und Regulierung dürfen nicht unterschätzt werden. Wenn KI-Agenten im Namen des Kunden handeln, stellen sich Fragen nach Haftung, Transparenz und Verantwortlichkeit. Wer trägt die Verantwortung für Fehlentscheidungen? Wie wird Beratung dokumentiert? Welche Rolle spielt der Versicherer im Zusammenspiel mit externen Agentensystemen?

Hier entsteht ein neues regulatorisches Spannungsfeld, das die Branche frühzeitig adressieren muss. Bereits etliche auf Regulatorik spezialisierte Kanzleien bringen sich hier in Stellung, ein neues lukratives Beratungsumfeld entsteht gerade.

Der menschliche Vermittler verliert Einfluss – oder entsteht eine neue Partnerschaft?

Die Sorge vor einer vollständigen Verdrängung menschlicher Vermittler greift zu kurz. Wahrscheinlicher ist ein hybrides Modell. KI-Agenten übernehmen Standardprozesse, Vorqualifikation und Vergleich. Der Mensch greift dort ein, wo Komplexität, emotionale Aspekte oder strategische Entscheidungen gefragt sind. Für Versicherer bedeutet das: Sie müssen sowohl technisch anschlussfähig als auch beratungsstark bleiben. Die Zukunft liegt nicht im Entweder-oder, sondern im intelligenten Zusammenspiel.

Wenn KI den Kontakt zwischen Versicherung und Versichertem übernimmt, verändert sich nicht nur ein Prozess, sondern die Marktarchitektur. Kundenzugang, Produktgestaltung und Wettbewerb verschieben sich in Richtung datengetriebener, algorithmischer Auswahlmechanismen.

Versicherer, die ihre Daten strukturieren, Schnittstellen öffnen und Servicequalität konsequent ausbauen, können von dieser Entwicklung profitieren. Wer jedoch am exklusiven Kundenzugang festhält und technologische Anschlussfähigkeit vernachlässigt, riskiert Sichtbarkeit und Relevanz. Die entscheidende Frage ist daher nicht, ob KI-Agenten den Vertrieb verändern. Sondern ob Versicherer bereit sind, in einer Welt zu bestehen, in der nicht mehr der Mensch, sondern ein Algorithmus zuerst entscheidet.

Autor Stephen Voss ist CEO der Neodigital Versicherung AG


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