Die Reform der geförderten Altersvorsorge sorgt für ein uneinheitliches Bild in der Bevölkerung. Eine Allianz-Umfrage unter Riester-Bestandskunden zeigt, dass drei Viertel von ihnen Beratung durch ihren Anbieter wünschen. Eine repräsentative Studie von BarmeniaGothaer zeichnet für die Gesamtbevölkerung ein anderes Bild: Ein Drittel der Deutschen kennt die Reformpläne überhaupt nicht, und selbst unter den Informierten sieht die Mehrheit kaum Beratungsbedarf.
Beide Befragungen richten sich an unterschiedliche Zielgruppen. Während Allianz gezielt Menschen mit bestehendem Riester-Vertrag befragt hat, hat BarmeniaGothaer die Gesamtbevölkerung ab 18 Jahren einbezogen, unabhängig davon, ob überhaupt eine geförderte Altersvorsorge besteht. Für Letztere hat das Meinungsforschungsinstitut Forsa im Mai 2026 im Auftrag des Versicherers bundesweit 1.002 Personen telefonisch befragt.
67 Prozent der Teilnehmenden gaben an, die Reform zumindest wahrgenommen zu haben. Von ihnen fühlen sich jedoch 65 Prozent eher schlecht oder sehr schlecht über Inhalte und Auswirkungen informiert. Bei Frauen fällt der Wert mit 72 Prozent deutlich höher aus als bei Männern mit 57 Prozent. Trotz dieser Wissenslücken geben insgesamt 69 Prozent aller Befragten an, kaum oder keinen Unterstützungsbedarf zu sehen. Gerade dieser Kontrast zwischen mangelndem Wissen und ausbleibendem Beratungswunsch gilt als zentrales Ergebnis der Studie.
Junge Sparer sehen größten Beratungsbedarf
Besonders ausgeprägt sind die Wissenslücken bei jungen Erwachsenen: Mehr als die Hälfte der 18- bis 29-Jährigen hat noch nie von der Reform oder den neuen Produkten gehört. Beim Beratungsbedarf zeigt dieselbe Gruppe allerdings ein umgekehrtes Bild. Jede zweite Person zwischen 18 und 29 Jahren meldet hohen oder sehr hohen Beratungsbedarf. Mit steigendem Alter sinkt dieser Anteil kontinuierlich: bei den 30- bis 44-Jährigen auf 38 Prozent, bei den 45- bis 59-Jährigen auf 31 Prozent und bei den Über-60-Jährigen auf 16 Prozent. Zusätzlich erwarten 67 Prozent der Befragten komplexe oder sehr komplexe Produkte im Zuge der Reform, lediglich 21 Prozent rechnen mit einfachen Lösungen.
Im Interview mit Cash. betont Alina vom Bruck, Lebensversicherungsvorständin der BarmeniaGothaer, die Bedeutung persönlicher Begleitung gerade bei komplexen Vorsorgeentscheidungen. Zwar könnten sich manche Kundinnen und Kunden gut selbst informieren, doch das gelte längst nicht für alle. Mit Blick auf den im Zuge der Reform vorgesehenen Kostendeckel von einem Prozent warnt vom Bruck zudem vor einer strukturellen Schieflage: Damit lasse sich hochwertige Beratung kaum wirtschaftlich darstellen. „Gerade die Menschen, die nicht automatisch ein digitales Direktprodukt nutzen, brauchen Beratung“, sagt vom Bruck. Genau diese Gruppen liefen aus ihrer Sicht Gefahr, künftig außen vor zu bleiben.
Sparbereitschaft hoch, Unsicherheit ebenfalls
Ergänzende Zahlen liefert eine Umfrage des Anlageportals Quirion: Interessierte am neuen Altersvorsorgedepot wollen im Schnitt 181 Euro monatlich einzahlen. Auch Quirion sieht darin einen hohen Beratungsbedarf, zumal die Ergebnisse zeigen, dass Männer das neue Produkt deutlich positiver einschätzen als Frauen. Die Diskrepanz zwischen Sparbereitschaft und Produktverständnis deckt sich damit im Kern mit den Befunden der BarmeniaGothaer-Studie: Interesse an der neuen Altersvorsorge ist vorhanden, Orientierung und Aufklärung fehlen jedoch häufig.
Vermittler sollen Bestandskunden aktiv begleiten
Für die Praxis rückt vor allem der Umgang mit bestehenden Riester-Verträgen in den Fokus. Millionen Sparer stehen erstmals seit Einführung der Riester-Rente vor der Frage, ob ihr bestehender Vertrag noch die richtige Lösung ist oder ein Wechsel in die neue Förderwelt sinnvoll wäre. Benjamin Brummer, stellvertretender Bereichsleiter Mathematik bei Morgen & Morgen, verweist gegenüber Cash. auf den richtigen Zeitpunkt für einen möglichen Wechsel: „Die entscheidende Frage, die schon heute zählt, ist nicht nur, ob ein Wechsel sinnvoll ist, sondern vielmehr wann“, sagt Brummer. Mit einer automatisierten Riester-Bestandsanalyse könnten Vermittler und Versicherer ihre Kunden frühzeitig identifizieren, gezielt begleiten und auf die individuell beste Förderoption vorbereiten.
Das dafür entwickelte Tool berechnet für einzelne Kunden individuelle Break-Even-Zeitpunkte, an denen die künftige Förderung des Altersvorsorgedepots die bisherige Riester-Förderung übersteigt. Erst ab diesem Punkt wird ein Wechsel aus wirtschaftlicher Sicht überhaupt interessant. Morgen-und-Morgen-Geschäftsführer Christian Jaffke ordnet den Nutzen der Analyse vor allem vertrieblich ein: Versicherer und Vermittler könnten damit gezielt auf Kunden zugehen, bevor diese vorschnelle Wechselentscheidungen treffen, und sich so dauerhaft als Ansprechpartner in der neuen Förderwelt etablieren.
Große Nachfrage nach aktiver Ansprache
Wie groß die Nachfrage nach genau dieser aktiven Ansprache sein kann, zeigt sich bereits bei einzelnen Anbietern: Allianz Leben hat nach eigenen Angaben mehr als 20.000 Kundinnen und Kunden sowie Vermittlerinnen und Vermittler über einen eigens entwickelten Förderindikationsrechner informiert, der bestehende und neue Förderung individuell vergleicht. Die BarmeniaGothaer-Studie liefert dazu die Kehrseite: Ein erheblicher Teil der Bevölkerung hat von einem solchen Angebot noch nichts gehört und würde es entsprechend auch nicht von sich aus nachfragen.














