Allianz Trade: Kerosinknappheit treibt Flugpreise – Luftverkehr vor angespanntem Sommer

Ein Flugzeug wird mit einem Schlauch betankt.
Foto: Chalabala – stock.adobe.com
Allianz Trade: Sollte der Konflikt noch einen weiteren Monat dauern, könnten die Touristenzahlen um ein Viertel bis zu fast einen Drittel zurückgehen.

er Luftverkehr in Deutschland steht vor einem angespannten Sommer. Kerosinknappheit, steigende Kosten und geopolitische Risiken wirken sich bereits auf Preise und Angebot aus. Gleichzeitig verschieben sich Reiseziele und Nachfrage – mit spürbaren Folgen für Airlines und Tourismusmärkte.

Der Nahostkonflikt verschärft die Lage am europäischen Luftverkehrsmarkt. Laut Allianz Trade führen sinkende Kerosinlieferungen zu steigenden Kosten und wachsendem Druck auf Airlines. Europa produziert lediglich 50 bis 60 Prozent seines Bedarfs selbst und ist damit in hohem Maße auf Importe angewiesen.

„Europa produziert nur etwa 50 bis 60 Prozent des Kerosinbedarfs selbst. Diese sind durch den Nahostkonflikt drastisch eingebrochen und können auch durch rasant steigende Importe aus den USA (+782 % im März im Vergleich zum Vormonat) nicht annähernd kompensiert werden. Die kombinierten Lieferungen von Flugzeugtreibstoff aus den USA und dem Nahen Osten im April lagen bisher über 80 Prozent unter dem Vormonat.

Die Folge: Die Vorräte bauen sich schnell ab und das Risiko physischer Knappheit im Frühsommer steigt.“ Seit Beginn der Krise haben sich die Kerosinpreise etwa verdoppelt. Gleichzeitig stiegen die Raffineriemargen zeitweise auf über 100 Dollar pro Barrel, was den Kostendruck zusätzlich erhöht.

Steigende Ticketpreise und neue Zusatzkosten

Die höheren Treibstoffkosten wirken sich direkt auf die Preise für Flugtickets aus. „Treibstoff macht etwa ein Drittel der Betriebskosten von Airlines aus“, sagt Maria Latorre von Allianz Trade. „In der Folge kürzen sie ihr Angebot selektiv und geben Preiserhöhungen an die Passagiere weiter. In der Folge steigen Flugpreise direkt vor der Hauptreisezeit deutlich. Für Kurzentschlossene dürften es teure Sommerferien werden.“

Internationale Flugpreise sind bereits um fünf bis 15 Prozent gestiegen. Zusätzlich führen viele Fluggesellschaften wieder Kerosinzuschläge ein. Diese liegen auf Kurz- und Mittelstrecken zwischen 20 und 60 Dollar, auf Langstrecken zwischen 80 und 150 Dollar. Auch Zusatzkosten wie Gepäckgebühren und Sitzplatzreservierungen ziehen an.


Das könnte Sie auch interessieren:

Die Anpassungen betreffen nicht nur Preise, sondern auch das Angebot. Airlines reduzieren Kapazitäten bislang moderat um zwei bis fünf Prozent. Statt umfassender Kürzungen steht die Optimierung der Streckennetze im Vordergrund, etwa durch Streichungen zu Randzeiten, auf kurzen Strecken oder an kleineren Flughäfen.

Verschiebungen im Reiseverhalten

Die veränderten Rahmenbedingungen wirken sich zunehmend auf die Nachfrage aus. Fernreisen verlieren an Attraktivität, während Ziele in Südeuropa stärker nachgefragt werden. „Gewinner von geänderten Fernreiseplänen dürfte der mediterrane Süden sein: Buchungsdaten deuten aktuell auf einen Nachfrageanstieg von 32 Prozet im Jahresvergleich für Spanien und von rund 20 Prozent für Italien, Griechenland und Portugal hin“, sagt Latorre.

Gleichzeitig bleibt die Konsumstimmung in Europa verhalten. „Aber während ein Teil der Fernreisenden auf Nahreisen und regionale Ziele umschwenkt, vergeht einigen angesichts steigender Energiepreise, Inflation und schwacher Konsumstimmung auch die Reiselust. Einige Haushalte dürften dieses Jahr insgesamt weniger für Reisen ausgeben. Deshalb bleiben viele auch auf Balkonien. Der deutsche Inlandstourismus dürfte infolgedessen nicht automatisch von einem Schub profitieren.“

Eine kurzfristige Entspannung ist nicht in Sicht. Selbst bei einer schnellen Stabilisierung im Nahen Osten dürfte es drei bis sechs Monate dauern, bis sich Fördermengen und Raffinerieauslastung normalisieren. „Für Reisende in Deutschland wird Fliegen erst einmal spürbar teurer“, sagt Latorre. „Selbst wenn sich die Lage im Nahen Osten rasch entspannt, bleiben die Effekte auf Preise und Angebot über die Ferienzeit hinaus bestehen.“

Tourismus im Nahen Osten unter Druck

Während einige europäische Destinationen profitieren, drohen dem Nahen Osten deutliche Einbußen. Vor dem Konflikt wurde für 2026 ein Wachstum der internationalen Ankünfte um 13 Prozent erwartet, nachdem diese 2025 bereits 51 Prozent über dem Niveau von 2019 lagen. „Sollte der Konflikt noch einen weiteren Monat andauern, könnten die Touristenzahlen stattdessen um ein Viertel bis zu fast einem Drittel (25-30 %) im Jahresvergleich zurückgehen“, sagt Latorre. „Das bedeutet einen Verlust an Tourismuseinnahmen von etwa 60 Mrd. USD im Jahr 2026.“ Besonders betroffen sind kleinere Volkswirtschaften mit hoher Abhängigkeit vom Tourismus. Im Libanon macht dieser 9,1 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aus, in Bahrain 7,1 Prozent, in den Vereinigten Arabischen Emiraten 6,2 Prozent und in Jordanien 5,9 Prozent.

Die Auswirkungen reichen über die Region hinaus. „Insgesamt macht die direkte Anbindung an die Konfliktzone nur zehn Prozent der weltweiten Flugkapazität aus“, sagt Latorre. „Der Nahe Osten ist jedoch ein wichtiger globaler Luftverkehrsknotenpunkt, sodass jede Störung unverhältnismäßig große Ausstrahlungseffekte hat und sich auf die Langstreckenverbindungen und die Touristenströme in Regionen auswirkt.“

Vor allem Ziele in Asien, Afrika und im Indischen Ozean sind betroffen, da viele Verbindungen über Drehkreuze im Nahen Osten verlaufen. Dazu zählen unter anderem die Malediven, die Seychellen, Mauritius, Thailand, Indonesien, Australien, Singapur und die Philippinen.

Weitere Artikel
Abonnieren
Benachrichtigen bei
0 Comments
Inline-Feedbacks
Alle Kommentare anzeigen