Als US-amerikanische und israelische Streitkräfte am 28. Februar den Iran angriffen, verhielten sich die Bitcoin-Kursverläufe wie in früheren Krisenmomenten: Es kam zu einem Ausverkauf, während Gold zulegte und der Dollar an Stärke gewann. Angesichts eines Marktwerts von über 128 Milliarden Dollar, der sich bei den Kryptowährungen in Luft auflöste, verwiesen die Marktexperten auf eine Binsenweisheit: Bitcoin ist ein spekulativer Risikovermögenswert, kein sicherer Hafen. Sechs Wochen später scheint dieses Urteil auf den Kopf gestellt. Während sich Bitcoin erholte und um etwa 20 Prozent über sein Niveau vor dem Konflikt stieg, fiel Gold von seinem Höchststand nach dem Konflikt um fast 20 Prozent, bevor es eine Nettorückkehr in Richtung des Vorkonfliktniveaus andeutete.

Die Mechanik der Kapitalströme
Der Ausverkauf zu Beginn des Konflikts hatte eine spezifische Marktlogik. Bei geopolitischen Schocks neigen institutionelle Anleger dazu, Absicherungen (Hedges) aufzugeben, um Barmittel zu beschaffen. Bitcoin, 24/7 handelbar, fing diesen Verkaufsdruck auf, während die Goldmärkte über das Wochenende geschlossen waren. Sobald eine bewusste Neuausrichtung die Panikliquidation ablöste, kehrte sich das Bild um.
Als die iranischen Revolutionsgarden (IRGC) bekannt gaben, dass sie die Straße von Hormus blockiert hätten, schoss der Preis für Brent-Rohöl auf über 100 Dollar pro Barrel. Dieser Inflationsschock war heftig genug, um Anleiherenditen nach oben zu treiben, was Gold als Anlageform weniger attraktiv machte. Bitcoin dagegen, dessen Investmentthese nicht auf Renditevergleichen, sondern auf einem festen Angebot von 21 Millionen Coins beruht, profitierte von jener Dynamik, die Gold schadete. Institutionelle Käufer nutzten die anfängliche Panik, um Bestände in Bitcoin-ETFs aufzubauen. Dieses Muster – erst verkaufen, Kursrückgang kaufen, Grundrauschen aussitzen – ist typisch für die langfristige Positionierung von Institutionellen und nicht für die Spekulation von Kleinanlegern. Bitcoin-ETFs zogen zwischen März und Mai mehr als fünf Milliarden Dollar an neuem Nettokapital an, während Gold-ETFs allein vom 1. bis 21. März 2026 elf Milliarden Dollar verloren.

Die Abflüsse aus Gold setzten sich den März über fort, bis Daten von Mitte Mai Nettozuflüsse in fast gleichem Maße sowohl bei Bitcoin- als auch bei Gold-ETFs zeigten. Ein wichtiger Faktor für die Volatilität von Bitcoin waren Berichte über Beschlagnahmungen von Kryptowährungen durch die US-Regierung. Ein genauerer Blick zeigt jedoch, dass diese Berichte nicht ganz das waren, was sie zu sein schienen.
Das Narrativ der „Krypto-Zensur“
Zwei unterschiedliche Ereignisse, die während des Konflikts mit dem Iran stattfanden, wurden bislang scheinbar zu einem einzigen Narrativ über die Sicherheit von Kryptowährungen vermengt. Das erste ereignete sich im Juni 2025 während des zwölftägigen Krieges der USA und Israels gegen den Iran, als die mit Israel in Verbindung gebrachte Hackergruppe Gonjeshke Darande („Raubspatz“ auf Farsi) behauptete, Daten bei der staatlichen Bank Sepah zerstört zu haben. Zudem soll sie digitale Vermögenswerte im Wert von über 90 Millionen Dollar (hauptsächlich Bitcoin, Ethereum und Tron) der größten iranischen Krypto-Börse Nobitex unzugänglich gemacht haben, indem sie diese in Wallets transferierte, deren Namen die IRGC anprangerten und auf die iranische Behörden keinen Zugriff hatten.
Der Angriff auf das iranische Krypto-Ökosystem hatte eine gewisse strategische Logik: Seit der Verhängung von Sanktionen hat der Iran die Nutzung von Kryptowährungen zunehmend in seine strategischen Prioritäten integriert. Allein im vierten Quartal 2025 bewegten den IRGC nahestehende Adressen schätzungsweise mehr als drei Milliarden Dollar¹, um den Verkauf von Rohstoffen und Öl zu unterstützen, Geld zu waschen, Gelder und Waffen an die regionalen Stellvertreter des Irans zu transferieren sowie Dual-Use-Technologien zu beschaffen. Es wird geschätzt, dass die IRGC über die Jahre hinweg für mindestens die Hälfte aller iranischen Krypto-Aktivitäten verantwortlich ist. Diese Schätzung als eher konservativ, da die Wahrscheinlichkeit hoch ist, dass weitere Adressen bislang noch unentdeckt sind.
Im April 2026 setzte das US-Finanzministerium den mutmaßlich aus Israel stammenden Angriff auf die Krypto-Infrastruktur des Irans fort, indem es nach eigenen Angaben 344 bis 500 Millionen Dollar an Kryptowährungen einfror, die mit staatlichen Operationen des Irans in Verbindung standen. Auf den ersten Blick erzeugten diese beiden Vorfälle den Eindruck, dass Bitcoin nicht zwangsläufig so zensurresistent ist, wie zuvor immer behauptet wurde.
Das ist jedoch nicht unbedingt der Fall und beide Ereignisse müssen einzeln betrachtet werden. Der Vorfall vom Juni 2025 war ein Sicherheitsversagen der Krypto-Börse, kein Versagen von Bitcoin. Das Cold Storage (die Offline-Verwahrung) der Börse blieb unberührt; lediglich das Hot Wallet – also die Online-Konten, die für das tägliche operative Geschäft genutzt werden – wurde kompromittiert. Die Maßnahme vom April 2026 betraf größtenteils Tether – einen Stablecoin, der an den US-Dollar gekoppelt ist und von einem privaten Unternehmen herausgegeben wird – und nicht Bitcoin.
Analysen zeigen, dass iranische Regierungsnetzwerke meist mit Stablecoins arbeiten, da diese leichter in Fiat-Währungen umgetauscht werden können, um das physische Bargeld zu generieren, das die verschiedenen Organe des Regimes benötigen. Was beschlagnahmt wurde, waren größtenteils Stablecoins und was gehackt wurde, waren die operativen Konten einer Börse. Das Bitcoin-Protokoll lief unterdessen die ganze Zeit über ununterbrochen weiter.
Während die Krypto-Operationen der iranischen Regierung größtenteils auf einfrierbaren Stablecoins basierten, war das Aktivitätsmuster der iranischen Zivilbevölkerung wohl weitaus bemerkenswerter. Angesichts einer jährlichen Inflation von 40 bis 50 Prozent nutzt etwa jeder sechste Iraner Bitcoin², wobei das jährliche Transaktionsvolumen im Jahresvergleich um 11,8 Prozent gewachsen ist und mittlerweile rund 2,2 Prozent des iranischen BIP ausmacht.
Die Bitcoin-Nutzung schoss erwartungsgemäß rund um jede iranische Krisensituation in die Höhe. On-Chain-Daten zeigen einen deutlichen Anstieg von Abhebungen auf eigene Wallets (Self-Custody) während Protesten, Konflikten und Internet-Blackouts.
Bitcoin und Gold in der Zukunft
Der Iran-Konflikt liefert den wohl bislang klarsten Beweis dafür, dass sich Bitcoin zu einem hybriden Makro-Vermögenswert entwickelt hat – kein reiner sicherer Hafen wie Gold, aber auch kein reines Risiko-Asset wie Technologieaktien. Bitcoin hat Gold nicht ersetzt. Stattdessen hat er sich ihm zu etwas anderen Bedingungen und mit etwas anderen Eigenschaften in einem expandierenden Universum von Makro-Absicherungen angeschlossen – für eine Welt, die weit von der US-geführten globalen Wirtschaftsordnung entfernt ist, die nun zunehmend durch einseitige Maßnahmen mit erschreckend geringem globalem Konsens zerrissen wird.
Für institutionelle Vermögensverwalter ist die strategische Konsequenz eindeutig: Die geopolitische Risikoprämie, die früher ausschließlich von Gold vereinnahmt wurde, ist nun teilweise durch Bitcoin anfechtbar – insbesondere bei Anlagehorizonten, die über die erste Woche einer Krise hinausgehen. Da der Aufstieg des Unilateralismus durch die Trump-Regierung als Präzedenzfall etabliert und durch die Untätigkeit der europäischen Verbündeten größtenteils validiert wurde, wird die Notwendigkeit von Alternativen jenseits westlich zentrierter Institutionen und Rahmenbedingungen immer relevanter. Das Bitcoin-Protokoll – mit seinem dezentralen Netzwerk, das Transaktionen validiert und das Kassenbuch führt – hat keinen zentralen Kontrollpunkt und entzieht sich somit augenscheinlich der Kontrolle einer einzelnen Regierung. Wie die Erfahrung im Iran zeigt, wird der Fokus künftig auf einer sicheren Infrastruktur liegen; das Protokoll hat sich für eine zunehmende „erpressungsresistente“ Nutzung bewährt.
Autor Sandeep Rao ist Senior Analyst bei Leverage Shares.














