Christine Lagarde verlässt die EZB vorzeitig - der Poker um ihre Nachfolge beginnt

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Lagarde geht als EZB-Präsidentin vorzeitig
Bild: KI-generiert
Lagarde verlässt die EZB im Februar 2027. Die Nachfolge könnte mit zwei weiteren Posten im Direktorium verhandelt werden.

Christine Lagarde verlässt die EZB am 7. Februar 2027 und damit Monate vor dem regulären Ende ihrer Amtszeit. Die Suche nach einer Nachfolge beginnt umgehend. Dabei geht es auch um zwei weitere Spitzenposten - und um Europas Machtbalance.

Christine Lagarde tritt zum 7. Februar 2027 als Präsidentin der Europäischen Zentralbank (EZB) zurück. Sie habe den EZB-Rat und EU-Ratspräsident António Costa über ihre Entscheidung informiert, teilte die Notenbank kurz vor ihrem Zinsentscheid mit.

Regulär wäre Lagardes achtjährige Amtszeit Ende Oktober 2027 ausgelaufen. In den vergangenen Monaten hatten sich Hinweise verdichtet, dass sie die Führung des Weltwirtschaftsforums in Davos übernehmen könnte.

Ihr Rückzug kommt in einer schwierigen Lage für die EZB: Der Iran-Krieg trieb die Inflation im Euroraum im September auf 3,8 Prozent und damit auf den höchsten Stand seit drei Jahren. Das mittelfristige Inflationsziel der Notenbank von 2,0 Prozent ist vorerst in weite Ferne gerückt.

Nachfolge soll schnell geregelt werden

EU-Ratspräsident Costa würdigte Lagardes Amtszeit: „Europa hat von ihrer Führung in unsicheren Zeiten und ihrem unerschütterlichen Engagement für das europäische Projekt sehr profitiert.“ Inmitten einer globalen Pandemie, eines Krieges in Europa, von Energiekrisen und Inflationsschocks habe sie „eine beständige und entschlossene Führung gewährleistet und damit dazu beigetragen, die Stabilität und Widerstandsfähigkeit des Euro-Währungsgebiets zu sichern“.

Das Verfahren für Lagardes Nachfolge werde noch am selben Tag eingeleitet, kündigte Costa an. So solle ein reibungsloser Übergang an der EZB-Spitze gewährleistet werden.

Auch die Bundesregierung meldete ihren Anspruch auf Mitsprache an. „Deutschland wird sein Gewicht als größter Staat im Euroraum einbringen, um eine breit getragene und verantwortungsvolle neue Führungsspitze der EZB zu bilden“, sagte Finanzminister Lars Klingbeil (SPD). Er sei mit Kanzler Friedrich Merz (CDU) und den europäischen Amtskolleginnen und Amtskollegen im engen Austausch.

Mehrere Kandidaten im Gespräch

Der vorzeitige Rücktritt eröffnet Merz und dem scheidenden französischen Präsidenten Emmanuel Macron die Möglichkeit, noch vor der französischen Präsidentschaftswahl im April 2027 über die Besetzung des Spitzenpostens zu verhandeln. Laut einem Bericht der „Financial Times“ vom Februar 2026 erwog Lagarde schon damals, vor der Wahl zurückzutreten. Hintergrund seien Sorgen gewesen, dass eurokritische Rechtspopulisten um Marine Le Pen gewinnen und die Neubesetzung erschweren könnten.

Im September hatte Lagarde in einem Interview erstmals selbst erwogen, bei der EZB „ein paar Monate“ früher abzutreten. Der Französin, die am 1. Januar 71 Jahre alt wird, bleibt damit nur noch gut ein Jahr im Amt.

Als mögliche Nachfolger gelten der frühere niederländische Zentralbankchef Klaas Knot und Pablo Hernández de Cos, der die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) leitet. Auch Bundesbank-Präsident Joachim Nagel hat Interesse signalisiert. Deutschland stellte in der mehr als 25-jährigen Geschichte der EZB bislang noch nie deren Präsidenten.

Personalpaket für drei Spitzenposten?

EZB-Direktorin Isabel Schnabel, die ebenfalls Interesse an Lagardes Amt angemeldet hatte, wechselt Anfang Januar 2027 zum Internationalen Währungsfonds (IWF) nach Washington. Damit wird ihr Platz im sechsköpfigen Direktorium frei. Im Juni 2027 endet zudem die Amtszeit von EZB-Chefökonom Philip R. Lane.

Nach Einschätzung von Berenberg-Chefvolkswirt Holger Schmieding könnten die Staats- und Regierungschefs alle drei Posten gemeinsam verhandeln. Sie würden voraussichtlich versuchen, die 2027 frei werdenden Stellen „spätestens auf dem EU-Gipfel vom 17. bis 18. Dezember - möglicherweise sogar schon vorher - als Gesamtpaket zu besetzen“. Deutschland werde wohl einen Kandidaten für Schnabels Nachfolge benennen.

Ein Hindernis für einen deutschen EZB-Präsidenten könnte sein, dass mit Ursula von der Leyen bereits eine Deutsche die Europäische Kommission leitet. Zwei Deutsche an der Spitze wichtiger europäischer Institutionen dürften sich im Brüsseler Personalpoker schwer vermitteln lassen. Bei der Gründung der EZB 1998 erhielt der Niederländer Wim Duisenberg den Posten; auf ihn folgten der Franzose Jean-Claude Trichet und der Italiener Mario Draghi.

Lagardes Amtszeit war von Krisen geprägt

Lagarde übernahm das Amt am 1. November 2019 als erste Frau an der Spitze der EZB. Sie wollte eigene Akzente bei Klimaschutz, Frauenförderung und der Kommunikation der Notenbank setzen. „Wir werden jeden Stein umdrehen“, kündigte sie bei ihrer ersten Pressekonferenz an. „Ich habe meinen eigenen Stil.“

Zugleich musste sie den EZB-Rat wieder einen. Ihr Vorgänger Draghi hatte kurz vor Ende seiner Amtszeit gegen großen Widerstand eine weitere Lockerung der Geldpolitik mit Null- und Negativzinsen durchgesetzt.

Die Juristin und frühere französische Wirtschafts- und Finanzministerin war zuvor Chefin des IWF, hatte aber nie eine nationale Notenbank geführt. In ihrer Amtszeit musste sie auf die Corona-Pandemie, den Ölpreisschock und einen Börsencrash reagieren. Zu Beginn der Pandemie sorgte sie mit der Bemerkung, sie strebe kein „Whatever it takes 2.0“ an, für Verunsicherung an den Finanzmärkten. Eine Woche später beschloss die EZB ein neues Programm zum Kauf von Staats- und Unternehmensanleihen.

Der russische Angriff auf die Ukraine ließ die Inflation im Euroraum 2022 auf fast elf Prozent steigen. Mit zehn Zinserhöhungen in Folge bremste die EZB die Nachfrage und drückte die Teuerung. Im Juni 2024 begann sie, die Leitzinsen wieder zu senken. Der durch den Iran-Krieg ausgelöste Ölpreisschock treibt die Inflation erneut an. (fm/dpa-AFX)

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