Das Interesse an ETFs ist nach wie vor ungebrochen – das zeigen sämtliche Statistiken. Was sind aus Ihrer Sicht die Gründe für diese anhaltend hohe Nachfrage?
Rodewald: Es gibt eine ganze Reihe von Gründen, und diese Entwicklung hat sich über viele Jahre hinweg etabliert. Der ETF ist inzwischen gewissermaßen der „Wrapper of Choice“ für nahezu jedes Exposure geworden. Ein Blick auf die Kapitalflüsse unterstreicht das: Im vergangenen Jahr lagen die Nettomittelzuflüsse in Europa bei rund 350 Milliarden Euro. Seit Jahresbeginn sind es bereits wieder etwa 125 Milliarden Euro – vieles deutet darauf hin, dass wir erneut ein Rekordjahr erleben werden. Die Gründe liegen im Grunde auf der Hand: ETFs sind effiziente Produkte, sie sind breit diversifiziert, transparent und gut handelbar. Ein zentrales Argument sind zudem die Kosten. Durch den zunehmenden Wettbewerb sinken diese kontinuierlich – ein klarer Vorteil für den Endkunden. Auch wir haben im vergangenen Jahr die Total Expense Ratio nochmals gesenkt. Möglich wurde das durch Effizienzgewinne aus der Integration des Credit-Suisse-Geschäfts, die wir an unsere Kunden weitergeben konnten. Diese Kombination aus Effizienz, Transparenz und niedrigen Kosten führt dazu, dass am ETF aktuell kaum ein Weg vorbeigeht.
Gilt das auch in der aktuellen Marktsituation?
Rodewald: Ja, absolut. Krisen gab es schon immer. Gerade in solchen Phasen zeigt der ETF seine Stärke. Letztlich gibt er dem Investor das Versprechen, auch in volatilen oder schwierig handelbaren Märkten liquide zu bleiben – und dieses Versprechen muss er einlösen. Das ist eines der überzeugendsten Argumente überhaupt. Solche Marktphasen sind zudem eine gute Gelegenheit zu zeigen, dass ETFs genau das leisten können. In der Vergangenheit haben sie bewiesen, dass sie auch in schwierigen Zeiten flexibel einsetzbar sind. Bis Ende letzter Woche haben wir beispielsweise noch keine ausgeprägten Risk-off-Bewegungen gesehen. Sollte sich die aktuelle geopolitische Lage jedoch weiter zuspitzen, könnten im Aktienbereich Abflüsse auftreten, während Mittel verstärkt in Geldmarktprodukte oder kurzlaufende Staatsanleihen fließen. Genau hier zeigt sich die Flexibilität: Anleger können Positionen schnell reduzieren und Mittel ebenso schnell in andere Anlageklassen umschichten.
Welche strukturellen Unterschiede sehen Sie im Vergleich zwischen den USA und Europa?
Rodewald: Die USA sind uns in der Entwicklung von Finanzprodukten wahrscheinlich rund zehn Jahre voraus, vielleicht sogar etwas mehr. Viele Trends, die dort entstehen, setzen sich mit zeitlicher Verzögerung auch in Europa durch. Das sieht man auch an den Kapitalflüssen: In den USA haben ETFs beziehungsweise passive Vehikel bereits die aktiv gemanagten Fonds hinsichtlich der verwalteten Vermögen überholt. In Europa sind wir davon noch ein Stück entfernt, bewegen uns aber klar in diese Richtung. Ein wesentlicher Unterschied liegt im steuerlichen Umfeld: In den USA entstehen innerhalb aktiver ETFs keine steuerlichen Ereignisse durch Umschichtungen. In Europa ist das anders. Das bremst die Entwicklung aktiver ETFs hierzulande. Hinzu kommt die Fragmentierung des europäischen Marktes: unterschiedliche Länder, unterschiedliche Regulierungen und mehrere Börsenplätze. Das erleichtert zwar den Zugang für Anleger in ihren Heimatmärkten, erschwert aber die Effizienz des Gesamtsystems. In den USA gibt es im Grunde einen zentralen Handelsplatz – das ist ein klarer struktureller Vorteil. Würde man in Europa die Liquidität stärker bündeln, könnten Spreads verbessert und Kosten reduziert werden. Allerdings sehe ich mittelfristig keine Veränderungen in diese Richtung.
ETFs gelten häufig als universelle Lösung. Für welche Anlagethemen eignen sie sich aus Ihrer Sicht besonders gut?
Rodewald: Der ETF hat sich stark weiterentwickelt. Ursprünglich war er ein klassischer Core-Baustein im Aktienbereich. Heute ist das Angebot deutlich granularer. Man kann beispielsweise globale Indizes mit Emerging Markets kombinieren, Regionen und Länder gezielt gewichten oder Sektoren und Faktoren abbilden. Auch im Anleihebereich hat sich das Angebot stark ausdifferenziert – von breiten Indizes hin zu spezifischen Laufzeiten, Emittenten oder Bonitätsklassen. Damit lassen sich Portfolios heute sehr präzise steuern, etwa im Rahmen eines Core-Satellite-Ansatzes. Allerdings gilt: Je spezialisierter ein ETF ist, desto komplexer wird er. Und je exotischer ein Thema, desto größer können auch die Spreads sein. Hier ist es wichtig, realistische Erwartungen zu setzen und transparent zu kommunizieren.
Gab es in den vergangenen Jahren echte Innovationen oder waren es eher marketinggetriebene Entwicklungen?
Rodewald: Ich sehe durchaus echte Innovationen. Viele Konzepte – etwa Faktorstrategien – sind zwar nicht neu, wurden aber durch den ETF-Mantel breiter zugänglich gemacht. Auch aktive ETFs sind eine wichtige Weiterentwicklung. Hier lassen sich unterschiedliche Ansätze unterscheiden: systematisch, fundamental oder sogenannte Outcome-Lösungen, etwa mit Options-Overlay. Ein weiteres Beispiel ist die Währungsabsicherung. Auch hier haben wir bei UBS unsere Modelle weiterentwickelt, um Kosten zu senken und die Effizienz zu steigern. Insgesamt gibt es im ETF-Bereich zahlreiche sinnvolle Weiterentwicklungen.
Welche Rolle spielen aktive ETFs bei UBS?
Rodewald: Wir sind im vergangenen Jahr mit drei aktiven ETFs gestartet. Das ist aktuell noch ein überschaubares Angebot, aber wir werden es weiter ausbauen. Dazu gehören unter anderem ein AAA-CLO-ETF sowie Lösungen für Euro- und US-Staatsanleihen. Gerade in Nischenbereichen kann aktives Management seine Stärken ausspielen, weil es mehr Flexibilität bietet als ein reiner Indexansatz. Wir sehen in diesem Bereich großes Potenzial.
Einige aktive ETFs gelten als weniger aktiv, als der Name vermuten lässt. Besteht hier ein Etikettierungsproblem?
Rodewald: Das Thema ist nicht neu. Auch im klassischen Fondsmanagement gibt es unterschiedliche Ausprägungen von Aktivität. „Aktiv“ ist nicht gleich „aktiv“. Es gibt systematische Ansätze mit geringer Abweichung von der Benchmark ebenso wie fundamental gesteuerte Strategien mit hoher Abweichung. Entscheidend ist, dass Anleger die Methodik verstehen. Die Branche geht aus meiner Sicht transparent damit um, aber Anleger und Berater müssen sich die Produkte im Detail anschauen.
Die steigende Vielfalt erhöht auch die Komplexität. Wird das für Berater zum Problem?
Rodewald: Die Arbeit wird definitiv anspruchsvoller. Mit jeder Abweichung vom klassischen marktkapitalisierungsgewichteten Index steigt die Komplexität. Berater müssen sich intensiver mit den Strategien auseinandersetzen, um sicherzustellen, dass sie zu den Anlagezielen ihrer Kunden passen. Wer das nicht tut, riskiert, dass die Erwartungen nicht erfüllt werden. Insofern ist die wachsende Vielfalt sowohl Chance als auch Herausforderung.
Welche Rolle spielen ETFs im Versicherungsgeschäft?
Rodewald: Eine zunehmend wichtige – insbesondere im Bereich fondsgebundener Lebensversicherungen. Hier werden ETFs heute deutlich stärker eingesetzt als noch vor einigen Jahren. Auch aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Ich habe meine Policen im Laufe der Zeit von aktiven Fonds auf ETFs umgestellt. Für uns ist das ein sehr interessantes Kundensegment, das weiter an Bedeutung gewinnt.
Wo positioniert sich UBS im Wettbewerb der ETF-Anbieter?
Rodewald: Wir sind aktuell die Nummer fünf in Europa mit rund 180 Milliarden Euro Assets under Management. Unser Ziel ist es, diese Position zu halten und weiter auszubauen. Im vergangenen Jahr hatten wir Nettomittelzuflüsse von über 20 Milliarden Euro, in diesem Jahr liegen wir bereits bei rund 13 Milliarden. Wir sind breit aufgestellt und bieten Lösungen in den Bereichen Aktien, Anleihen, Rohstoffe, nahezu alle Exposures bieten wir darüber hinaus auch in währungsgesicherten Anteilsklassen an.
Wie differenzieren Sie sich gegenüber dem Wettbewerb?
Rodewald: Bei klassischen Produkten erfolgt die Differenzierung vor allem über den Preis. Darüber hinaus setzen wir auf Innovation – beispielsweise bei Währungsabsicherung, Rohstofflösungen oder defensiven Aktienstrategien mit Options-Overlay. Auch die enge Zusammenarbeit mit unserer Investmentbank eröffnet zusätzliche Möglichkeiten.
Wie sehen Sie die Entwicklung des ETF-Marktes in den kommenden fünf Jahren?
Rodewald: Ich gehe davon aus, dass der Wachstumstrend anhält und sich möglicherweise sogar verstärkt. ETFs bieten klare Vorteile in Bezug auf Kosten, Transparenz und Flexibilität. Gerade in volatilen Marktphasen können Anleger schnell reagieren und ihr Portfolio anpassen. Aktuell sehe ich keine wesentlichen Risiken für die weitere Entwicklung des ETF-Marktes.
Interview: Frank O. Milewski, Cash.














