Rund neun Prozent der Menschen in Deutschland überlassen der Künstlichen Intelligenz die vollständige Kontrolle über ihre persönlichen Finanzen – von der Budgetplanung über Investmententscheidungen bis zur laufenden Kontoführung. Das entspricht statistisch jedem elften Einwohner. Weitere 39 Prozent nutzen KI zumindest zur Optimierung ihrer Finanzplanung. Das sind Ergebnisse des „AI Sentiment Index 2026 – Fokusthema Finanzen“ von EY, für den weltweit rund 18.000 Menschen in 23 Ländern befragt wurden, darunter 1.000 in Deutschland.
Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit leicht unter dem Durchschnitt: Weltweit geben elf Prozent der Befragten an, Finanzentscheidungen vollständig an KI zu delegieren. Beim Einsatz von KI zur Finanzoptimierung liegt der globale Schnitt bei 49 Prozent. Das sind zehn Prozentpunkte über dem deutschen Wert. Besonders hoch ist die Bereitschaft zum autonomen Finanzmanagement in Indien (30 Prozent vollständige Delegation) und China (21 Prozent). Auf ähnlichem Niveau wie Deutschland bewegen sich Großbritannien mit neun Prozent, Kanada acht Prozent und Frankreich sieben Prozent.
Gefragt nach konkreten Anwendungsfeldern, geben 15 Prozent der Deutschen an, KI bei der Auswahl von Finanzprodukten wie Konten, Aktien oder Investmentfonds einzusetzen. Ebenso viele nutzen KI zum Schutz ihrer Finanzdaten. Jeweils 13 Prozent setzen die Technologie für Tradingstrategien oder die Haushaltsbudgetplanung ein.
KI als Finanz-Autopilot: Zwischen Effizienz und Kontrollverlust
Technisch ist die Grundlage für autonomes Finanzmanagement längst gelegt. Sogenannte Robo-Advisor analysieren Einkommensströme, Ausgaben, Risikoprofile und Marktbewegungen in Echtzeit, passen Portfolios automatisch an und lösen Transaktionen ohne menschliches Zutun aus. „Technologisch ist autonomes Finanzmanagement keine Spielerei mehr. KI kann heute Haushaltsbudgets steuern, Rücklagen bilden, Portfolios diversifizieren und Risiken laufend neu bewerten“, sagt Christopher Schmitz, EY Europe West Financial Services Fintech & Open Finance Leader. Dabei seien die Anwendungen zumeist schneller und datenbasierter als ein ,Amateur‘, der sonst gar nicht die Möglichkeit hätte, seine eigenen Finanzen neben seinem Berufs- und Privatleben bis in den letzten Winkel zu managen. „Aber auch für die Profis in der Finanzberatung wächst die Konkurrenz durch KI“, so Schmitz.
Gleichzeitig bleibt die Skepsis gegenüber dieser Automatisierung hoch. 71 Prozent der Befragten in Deutschland halten KI nicht für nützlich, wenn es um Beratung auf Basis eigener Finanzdaten geht. „Die Vorteile liegen auf der Hand: KI-gestützte Systeme arbeiten emotionslos, reagieren sofort auf Marktveränderungen und senken die Kosten im Vergleich zu klassischer Finanzberatung deutlich“, benennt Dr. Christian Wesp, EY Europe West Artificial Intelligence Lead, die Risiken. Allerdings würden Erfahrungen aus der Praxis zeigen, dass mit zunehmender Automatisierung auch neue Risiken entstehen. „Etwa durch intransparente Entscheidungslogiken, algorithmische Verzerrungen oder eine starke Abhängigkeit von der Qualität der zugrunde liegenden Daten“, so Wesp.
Nur knapp ein Viertel der Deutschen fühlt sich wohl dabei, Kontoaktivitäten und Ausgaben mit einer KI zu teilen – ein internationaler Tiefstwert. „Die Mehrheit der Deutschen bleibt skeptisch bei Thema KI und Finanzen“, fasst Wesp zusammen. Teilweise erklärt sich diese Zurückhaltung durch mangelndes technisches Grundverständnis: Gerade einmal 28 Prozent der Befragten gaben an, KI gut zu verstehen und sinnvoll einzusetzen. Der weltweite Durchschnitt liegt bei 34 Prozent, in Indien sind es sogar 67 Prozent.
Datenzugang als Schlüssel – und als Schwachstelle
Trotz der Vorbehalte gegenüber Datenweitergabe zeigt sich ein differenziertes Bild: Fast zwei Drittel der Deutschen (64 Prozent) fühlen sich mit dem Einsatz von KI im Alltag generell wohl, und 48 Prozent sind überzeugt, bereits jetzt positive Auswirkungen der Technologie auf ihr tägliches Leben zu spüren. Skepsis und vorsichtiger Optimismus bestehen also nebeneinander.
Für den weiteren Ausbau KI-basierter Finanzanwendungen ist der Zugang zu umfassenden Finanzdaten eine zentrale Voraussetzung – und gleichzeitig der kritischste Punkt. Schmitz betont: „Autonome Finanzlösungen funktionieren nur dann wirklich gut, wenn sie umfassenden Einblick in die finanzielle Gesamtsituation einer Person haben. Je besser die Datenbasis, desto präziser die Empfehlungen. Gerade deshalb ist es so wichtig, dass die Anbieter solcher digitalen Werkzeuge transparent machen, wie diese Daten genutzt, geschützt und gegebenenfalls weiterverarbeitet werden – sonst verspielen sie weit mehr als nur das Vertrauen der Kundinnen und Kunden.“
Datenschutz, IT-Sicherheit und regulatorische Rahmenbedingungen gelten als zentrale Voraussetzungen für eine breitere Marktdurchdringung. Wesp sieht den Trend trotz aller Vorbehalte als unumkehrbar und mahnt vor dem Hintergrund zur Differenzierung: „KI kann helfen, finanzielle Entscheidungen zu strukturieren und Menschen zu entlasten. Sie sollte aber nicht dazu führen, Verantwortung vollständig aus der Hand zu geben.“ Gerade bei existenziellen Fragen brauche es ein Zusammenspiel aus Technologie, menschlicher Kontrolle und klaren Regeln. Und am Ende den Faktor Mensch.













