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Claus Ruhe Madsen (CDU) im Interview: „Nichtnutzen von KI ist die größere Gefahr“

Claus Ruhe Madsen
Foto: Florian Sonntag
Claus Ruhe Madsen

Künstliche Intelligenz verändert Wirtschaft, Verwaltung und Arbeitswelt. Schleswig-Holsteins Wirtschaftsminister Claus Ruhe Madsen (CDU) sieht darin vor allem Chancen – und fordert im Gespräch mit Cash. mehr Offenheit im Umgang mit neuen Technologien.

Herr Madsen, haben Sie heute schon Künstliche Intelligenz (KI) genutzt und, falls ja, wofür?

Madsen: Ich nutze KI im Laufe des Tages häufig. Wenn ich sehr viel Zeit habe, werde ich kreativ und nutze KI als Gesprächspartner – auf langen Autofahrten zum Beispiel. Ich frage gerne mal analytisch: Wie groß ist eigentlich der Anteil von diesem oder jenem? Wie entwickelt sich das? Was wäre aus deiner Sicht im Moment ein Ansatz? Ein Beispiel: Schleswig-Holstein ist das Bundesland mit dem am besten ausgebauten Glasfasernetz. Also habe ich die KI gefragt: „Wenn du Minister eines Landes wärst mit dem am besten ausgebauten Glasfasernetz, was würdest du jetzt als nächsten Schritt angehen?“ Und die KI hat geantwortet: „Autonomes Fahren.“ Die Antworten sind zwar manchmal wahnsinnig naiv, aber immer inspirierend, und deswegen mag ich KI.

Für Sie stehen bei KI die Chancen im Vordergrund, nicht die Risiken?

Madsen: Ja, absolut. Das wäre ja sonst so, als wenn ich früher gesagt hätte: „Rechner nutzen wir nicht.“ KI ist eine Technologie, die verfügbar ist und die jeder vernünftige Mensch nutzen sollte. Sie gehen ja auch nicht ohne Harke in den Garten und sagen: „Nee, das mache ich lieber mit den Händen.“ Was man an Werkzeug hat, sollte man nutzen – aber man muss auch wissen, wofür eine Harke da ist. Damit kann man ganz schlecht Bäume schneiden. Deswegen ist entscheidend, dass man in den Werkzeugkasten guckt und entscheidet, wofür man die einzelnen Werkzeuge gebrauchen kann. Wo kann ich sie nutzen? Kann es Inspiration sein? Das ist für mich der richtige Ansatz, mit KI umzugehen.

Claus Ruhe Madsen im Gespräch (Foto: Florian Sonntag)

Schleswig-Holstein war 2019 eines der ersten Bundesländer, das eine KI-Strategie entwickelt hat. Rund 45 Millionen Euro Fördergelder hat das Land für Projekte im Bereich KI bereitgestellt. Wie kommen Sie mit der Umsetzung voran?

Madsen: Wir haben mit DiWiSH (Digitale Wirtschaft Schleswig-Holstein) ein KI-Cluster gegründet, um Kompetenz zu bündeln und Unternehmen Wege aufzuzeigen, wie man das Ganze umsetzen kann. Wir sind das erste Bundesland, das seine Landesverwaltung auf Open-Source-Software umgestellt hat. Das haben wir gemacht, um die digitale Souveränität zu stärken und die IT-Abhängigkeit von großen US-Konzernen zu reduzieren. Dieser Schritt war außergewöhnlich und hat weltweit für Aufmerksamkeit gesorgt. Innerhalb der Belegschaft der Landesregierung hat das zu ein wenig Widerstand geführt, denn Nutzer möchten nicht gerne von dem weg, was sie kennen. Aber ich glaube, man erkennt an der weltweiten Entwicklung, wie wichtig diese Souveränität ist.

Welche Rolle spielt KI beim Bürokratieabbau?

Madsen: Ein vollständiger Bürokratieabbau kann eigentlich nicht stattfinden. Das funktioniert nicht. Aber eine smarte, digitale Bürokratie würde den Aufwand für Unternehmen und Bürgerinnen und Bürger deutlich verringern. Wir verwechseln das in Deutschland. Wir glauben immer, wir müssen alles abschaffen. Natürlich können wir einige Sachen schlanker machen und abschaffen, aber im Grunde genommen ist das größte Problem, dass wir Daten mehrfach erheben. Ein Unternehmen muss hier melden, dort melden, überall melden, statt an eine zentrale Stelle. Das ist der größte Aufwand der Bürokratie, das müssen wir ändern.

In Deutschland kommt die Digitalisierung nur schleppend voran, skandinavische Staaten wie Ihr Heimatland Dänemark gelten als fortschrittlicher. Was macht man dort besser?

Madsen: Der allererste Schritt, der in Deutschland notwendig wäre, ist eine eindeutige Identifikation. Ich bin 1972 in Kopenhagen geboren und habe mein Geburtsdatum und eine vierstellige Personennummer. Das zusammen reicht, damit ich mich in Dänemark identifizieren kann. Dort sieht man dann: Mit Claus können wir diese und jene Daten zusammenfügen und fertig. In Deutschland dagegen haben wir lange Zeit unter dem Aspekt Datenschutz diskutiert, dass wir auf keinen Fall wissen müssen, ob Claus ein Buch aus der Bücherei ausgeliehen hat und ob er es auch wieder zurückgebracht hat. Auch die Akzeptanz der Bürger ist in Deutschland anders als in Skandinavien. Wie Sie wissen, war ich drei Jahre Oberbürgermeister von Rostock, und dort hat man mir gesagt: „Claus, wenn du ein paar Jahrzehnte in die Gesellschaftsstruktur zurückschaust, in der wir waren, dann kannst du vielleicht verstehen, wieso man Sorgen hat, Behörden alle Daten zu geben.“ Das hat mir klargemacht, dass es auch eine Frage des Mindsets ist. In Skandinavien ist das Vertrauen sehr hoch – gegenseitig, aber auch zwischen Staat und Bürger. Das ist etwas anderes, als wenn man in der ehemaligen DDR aufgewachsen ist. Das verstehe ich. Doch jetzt kommt mein großes Aber: Zu Corona-Zeiten habe ich in Impfzentren gesehen, was da an Kisten mit Papier aufbewahrt wurde. Und da frage ich mich, ob irgendjemand glaubt, dass Daten sicherer sind, nur weil sie in Umzugskisten lagern. Die Daten werden ohnehin erhoben. Es ist ein Trugschluss, zu glauben, dass diese Umzugskisten sicherer sind als die digitale Welt.

Lesen Sie hier, wie es weitergeht.

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