Nvidia hat am 26. August 2026 erneut Rekordzahlen vorgelegt – und die Aktie gab nachbörslich trotzdem nach. Der Umsatz im zweiten Quartal des Geschäftsjahres 2027, das am 27. Juli 2026 endete, stieg auf rund 96,2 Milliarden US-Dollar, ein Plus von etwa 106 Prozent gegenüber dem Vorjahr und über den Erwartungen der Wall Street.
Auch der Ausblick für das laufende Quartal fiel mit rund 108 Milliarden Dollar optimistisch aus. Dennoch verlor die Aktie im nachbörslichen Handel zeitweise mehr als zwei Prozent. Der Grund dafür liegt weniger im operativen Geschäft als in der zirkulären KI-Finanzierung: einem Geflecht aus Garantien, Beteiligungen und Abnahmeverträgen, das Nvidia mit seinen eigenen Großkunden geknüpft hat.
Diese Diskrepanz zwischen starken operativen Zahlen und verhaltener Kursreaktion ist kein Einzelfall. Bereits Mitte August war die Nvidia-Aktie innerhalb weniger Tage um mehr als vier Prozent eingebrochen, nachdem Berichte über eine geplante Garantie von bis zu 250 Milliarden Dollar für ein einzelnes Rechenzentrumsprojekt bekannt geworden waren. Der Markt fragt inzwischen also nicht mehr nur nach Umsatz und Marge, sondern danach, wie tragfähig das Finanzierungsgeflecht hinter dem KI-Boom tatsächlich ist.
Der Fall Ohio: Wie eine Garantie von 250 auf rund 100 Milliarden Dollar schrumpfte
Im Zentrum der Debatte steht ein geplanter Rechenzentrums-Campus im Süden Ohios mit rund zehn Gigawatt Kapazität, den die SoftBank-Tochter SB Energy für OpenAI errichten soll. Es wäre das erste große Rechenzentrum, das OpenAI selbst anmietet, statt Rechenleistung bei Cloud-Partnern wie Microsoft oder Amazon einzukaufen. Die Gesamtkosten werden auf rund 500 Milliarden Dollar geschätzt.
Nach Berichten des Wall Street Journal wollte Nvidia das Vorhaben ursprünglich mit bis zu 250 Milliarden Dollar besichern. Nach Kritik von Investoren und dem beschriebenen Kursrückgang wurde die Zusage deutlich zurückgefahren. Allerdings ist die Quellenlage zur finalen Höhe uneinheitlich: Das Wall Street Journal berichtete zuletzt von einer Obergrenze von weniger als 120 Milliarden Dollar, das Fachmedium The Information nannte rund 100 Milliarden Dollar.
Mehrere Berichte gehen inzwischen von einem besiegelten Deckel von rund 105 Milliarden Dollar aus, der zudem nur die erste Ausbaustufe von rund 4,25 der insgesamt geplanten acht Gigawatt absichert – nicht das Gesamtprojekt. Nvidia begrenzt darüber hinaus sein eigenes Kreditrisiko Berichten zufolge auf maximal 25 Prozent der jeweiligen Finanzierungssumme. Eine offizielle Nvidia-Mitteilung mit der exakten Zahl liegt bislang nicht vor.
Zusätzlich zur Garantie investiert Nvidia 1,5 Milliarden Dollar direkt in SB Energy, den Entwickler des Ohio-Campus. Firmenchef Jensen Huang bezifferte das langfristige Geschäftspotenzial aus OpenAIs gesamter Infrastrukturplanung auf bis zu 600 Milliarden Dollar an Nvidia-Rechenleistung bis 2030. Den Vorwurf der zirkulären Finanzierung weist er zurück: OpenAI werde die Miete für die Infrastruktur schließlich selbst zahlen.
Was zirkuläre KI-Finanzierung konkret bedeutet
Beim klassischen Vendor Financing, also der Absatzfinanzierung, unterstützt ein Hersteller seine Kunden finanziell beim Kauf der eigenen Produkte – etwa durch Kredite, Garantien oder Eigenkapitalbeteiligungen. Das ist branchenüblich und für sich genommen kein Warnsignal.
Wann wird aus Vendor Financing ein Kreislauf?
Kritisch wird es aus Sicht von Analysten, wenn mehrere solcher Beziehungen einen geschlossenen Kreislauf bilden: Ein Chiphersteller investiert in einen KI-Entwickler, der damit Rechenleistung bei einem Cloud-Anbieter least, der wiederum mit den Einnahmen Chips beim selben Hersteller kauft. Derselbe Dollar taucht so an mehreren Stellen der Kette als Umsatz auf. Die tatsächliche Endnachfrage lässt sich von außen kaum noch von finanzierungsgetriebener Nachfrage unterscheiden. Der Chip-Branchendienst The Next Platform sowie mehrere US-Marktbeobachter fordern deshalb strengere Offenlegungspflichten der US-Börsenaufsicht SEC für Umsätze aus solchen verbundenen Geschäften. </div>
Das Beteiligungsnetz wächst branchenweit
Der Fall Ohio ist nur der öffentlichkeitswirksamste Baustein eines deutlich größeren Geflechts. Nvidia hat seine Beteiligung am Cloud-Anbieter CoreWeave seit dessen Börsengang im März 2025 von rund sieben auf zuletzt etwa 11 bis 13 Prozent ausgebaut, zuletzt durch eine Kapitalerhöhung über zwei Milliarden Dollar im Januar 2026. Verbunden war diese mit einer Abnahmeverpflichtung für nicht anderweitig verkaufte CoreWeave-Rechenkapazität im Volumen von zunächst 6,3 Milliarden Dollar.
Parallel verpflichtete sich OpenAI im Rahmen einer separaten Vereinbarung mit Nvidia zu einem Investitionsvolumen von bis zu 100 Milliarden Dollar über zehn Jahre, im Gegenzug für die Zusage, rund zehn Gigawatt Nvidia-Infrastruktur abzunehmen. Nach Angaben von Nvidia eigener Finanzchefin Colette Kress handelte es sich dabei Stand Dezember 2025 allerdings weiterhin um eine unverbindliche Absichtserklärung, nicht um einen bindenden Vertrag. Auch andere Chiphersteller sind Teil des Geflechts: AMD räumte OpenAI Optionsscheine auf bis zu 160 Millionen Aktien ein, im Gegenzug für Zusagen, bis 2030 sechs Gigawatt AMD-Hardware zu beziehen.
Der Investor Michael Burry, bekannt für seine Wetten gegen den Häusermarkt vor der Finanzkrise 2008, verwies zuletzt auf eine von Bloomberg zusammengestellte Übersicht, wonach zwischen den großen KI-Akteuren rund 46 Milliarden Dollar an direkten Eigenkapitalbeteiligungen und rund 879 Milliarden Dollar an mehrjährigen Abnahmeverpflichtungen zirkulieren. Diese Zahl lässt sich allerdings nicht unabhängig aus Geschäftsberichten nachvollziehen, da viele Einzelvereinbarungen unterhalb der Meldeschwellen liegen oder – wie im Fall OpenAI – noch nicht bindend sind.
| Partner | Art des Engagements | Kolportierter Umfang | Bestätigungsgrad |
|---|---|---|---|
| OpenAI (Rechenzentrum Ohio, SB Energy) | Restwert-/Kreditgarantie für erste Bauphase | circa 100 bis 120 Milliarden Dollar (je nach Quelle abweichend) | Presseberichte (WSJ, The Information), keine offizielle Nvidia-Bestätigung der Exaktsumme |
| SB Energy (Entwickler Ohio-Campus) | Direktbeteiligung | 1,5 Milliarden Dollar | Nvidia/OpenAI-Mitteilung |
| OpenAI (Gesamtrahmen) | Geplante Investition gegen Abnahme von rund zehn Gigawatt Infrastruktur | bis zu 100 Milliarden Dollar über zehn Jahre | Gemeinsame Ankündigung, laut Nvidia-CFO Stand Dezember 2025 nicht bindende Absichtserklärung |
| CoreWeave | Aktienbeteiligung (kumuliert) | rund 11 bis 13 Prozent Anteil, circa 3,65 Milliarden Dollar Investitionswert | SEC-Meldung, Nvidia-Pressemitteilung |
| CoreWeave | Abnahmeverpflichtung für Restkapazität | 6,3 Milliarden Dollar (Startvolumen) | Nvidia/CoreWeave-Mitteilung |
| Branchenweite Finanzierungsinitiative | Plattform mit sechs Finanzinstituten zur Mobilisierung von Drittkapital | über 500 Milliarden Dollar Zielvolumen | Nvidia-Ankündigung |
Mehrere Angaben unterscheiden sich also je nach Quelle und Berichtszeitpunkt, und die Verhandlungen zu einzelnen Deals – insbesondere Ohio – waren zum Zeitpunkt der Recherche zum Teil noch nicht final unterzeichnet.
Warum SEC-Regeln das Wachstum solcher Deals begünstigen
Ein von Marktbeobachtern bislang wenig beachteter Punkt betrifft die Regulierung selbst. Die SEC veröffentlichte im Juli 2026 eine Stellungnahme, wonach bestimmte Formen von Rechenzentrums-Fremdkapital nicht unter die Verbriefungsregeln des Dodd-Frank-Gesetzes fallen.
Diese Regeln verpflichten Anbieter üblicherweise dazu, einen Teil des Risikos solcher Finanzierungen selbst zu tragen. Die Klarstellung erleichtert es Nvidia und anderen Akteuren, Drittkapital für Rechenzentren zu mobilisieren, ohne das Risiko in der eigenen Bilanz zu halten – ein regulatorischer Rückenwind, der die geplante 500-Milliarden-Dollar-Finanzierungsplattform mit sechs Finanzinstituten in diesem Umfang erst möglich macht.
Einordnung: Zwischen realer Nachfrage und Bewertungsrisiko
Die Faktenlage zur zirkulären KI-Finanzierung lässt sich nicht auf eine einfache Formel bringen. Für die These, dass die zugrunde liegende Nachfrage real ist, spricht Nvidias eigenständig verifizierbares Umsatzwachstum: Datacenter-Umsätze und Auslieferungszahlen der neuen Blackwell-Architektur beruhen auf physischen Chiplieferungen, nicht auf Buchungstricks. Analysten wie Gil Luria von D.A. Davidson unterscheiden entsprechend zwischen einem „gesunden“ Teil des Ökosystems, der auf echter Rechenleistungsnachfrage beruht, und einem „ungesunden“ Teil, der spezifisch aus Geschäften zwischen einer kleinen Zahl eng verflochtener Unternehmen entsteht.
Gegen eine vorschnelle Entwarnung sprechen jedoch mehrere Punkte. Erstens bleibt unklar, wie hoch der Anteil kreislaufgetriebener Umsätze an Nvidias Gesamtgeschäft tatsächlich ist, da viele Einzeltransaktionen keine eigene Offenlegungspflicht auslösen.
Zweitens hängt die Fähigkeit von Kunden wie OpenAI, ihre Verpflichtungen zu bedienen, überwiegend von künftigen Kapitalrunden ab und nicht von laufenden operativen Cashflows: OpenAI wies für 2026 nach verschiedenen Schätzungen einen Umsatz von gut 20 Milliarden Dollar bei geschätzten Verlusten im zweistelligen Milliardenbereich aus.
Drittens bestätigte eine Umfrage von Bank of America unter Fondsmanagern im Oktober 2025, dass 54 Prozent der Befragten den KI-Sektor als „Blase“ einstuften, bei gleichzeitig niedrigen Cash-Quoten von rund 3,8 Prozent. Das könnte im Korrekturfall prozyklische Verkäufe begünstigen. Der Internationale Währungsfonds bezeichnete die KI-Abhängigkeit der Weltwirtschaft zuletzt als neue systemische Risikoquelle für die globale Finanzstabilität, verwies zugleich aber auf das erhebliche Produktivitätspotenzial der Technologie.
Was das für Berater und institutionelle Anleger bedeutet
Für Vermögensverwalter und institutionelle Anleger mit KI-Exposure – ob direkt über Nvidia-Positionen oder indirekt über breit gestreute Technologieindizes – verschiebt sich die relevante Fragestellung. Es geht nicht mehr allein um Wachstumsraten oder Margen, sondern um die Qualität des ausgewiesenen Umsatzes: Wie viel davon speist sich aus eigenständiger Endkundennachfrage, wie viel aus Finanzierungskonstruktionen innerhalb eines überschaubaren Kreises weniger Unternehmen?
Da viele dieser Vereinbarungen nicht in Echtzeit und nicht immer vollständig offengelegt werden, bleibt eine abschließende Bewertung schwierig. Anleger sind hier auf Presseberichte und punktuelle Unternehmensangaben angewiesen, deren Details sich, wie die Causa Ohio zeigt, innerhalb weniger Wochen mehrfach ändern können.
Für Finanzberater mit tech-affinen Privatkunden empfiehlt sich entsprechend Zurückhaltung bei pauschalen Aussagen zur „Blase“. Weder lässt sich eine bevorstehende Korrektur seriös terminieren, noch widerlegt das Argument realer Chipnachfrage die strukturellen Bedenken zur zirkulären KI-Finanzierung. Sinnvoller ist es, Kunden für die Konzentrationsrisiken innerhalb vermeintlich diversifizierter Technologieportfolios zu sensibilisieren und regelmäßig zu prüfen, wie stark einzelne Positionen tatsächlich von den immer gleichen Gegenparteien abhängen.
Nvidias Rolle hat sich damit von der eines reinen Chiplieferanten zu der eines Finanziers, Miteigentümers und Bürgen der eigenen Kundenbasis gewandelt. Der Rückzieher beim Ohio-Projekt, von 250 auf rund 100 bis 120 Milliarden Dollar, zeigt zugleich, dass selbst Nvidia die Grenzen seiner eigenen Risikobereitschaft neu auslotet, sobald Investoren mit Kursverlusten reagieren.















