Handwerkspräsident Dittrich fordert höhere Abschläge bei Frührente

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Montage aus einer Dachdecker-Baustelle, der Fassade eines Ministeriumsgebäudes und einem älteren Arbeiter im Blaumann mit Akte, davor Euromünzen und ein Kalender.
Bild: KI-generiert mit OpenAI
Die von der Bundesregierung eingesetzte Alterssicherungskommission empfiehlt eine Schutzrente anstelle der bisherigen abschlagsfreien Rente mit 63.

ZDH-Präsident Jörg Dittrich verlangt höhere Abschläge für alle, die vorzeitig in Rente gehen - mitten in der Debatte, ob Union und SPD die Rente mit 63 abschaffen. Der neue Arbeitsminister widerspricht dabei seiner eigenen Koalition. Was Berater jetzt wissen müssen.

ZDH-Präsident Jörg Dittrich plädiert für höhere Abschläge beim vorzeitigen Renteneintritt - unabhängig von der Branche. Das sagte er der „Rheinischen Post“. Damit meldet er sich in einer Auseinandersetzung zu Wort, die Berlin seit Wochen beschäftigt: Sollen Union und SPD die abschlagsfreie Rente mit 63 abschaffen?

Seit Januar 2023 leitet Dittrich als Präsident den Zentralverband des Deutschen Handwerks. Als Dachdeckermeister führt er zugleich in vierter Generation einen Familienbetrieb in Dresden mit mehr als 100 Beschäftigten. Dass ausgerechnet er höhere Abschläge verlangt, ist bemerkenswert: Das Dachdeckerhandwerk zählt zu den körperlich besonders belastenden Berufen.

Dittrich verteidigt seine Forderung nach höheren Abschlägen

Den Unmut in den eigenen Reihen nimmt er dafür in Kauf. „Mir ist bewusst, dass ich damit auch bei einigen meiner Leute auf Ärger stoßen werde“, sagt er.

Pauschale Ausnahmen für sein Gewerk hält Dittrich dennoch für den falschen Weg. „Aber nicht alle Älteren in Deutschland sind Dachdecker. Wir müssen als Gesellschaft insgesamt das effektive Rentenalter steigern“, sagt er. Unehrlich fände er es, die Zwänge der Demografie für alle gelten zu lassen, nur nicht fürs Handwerk. Wenn man an allen bisherigen Ansprüchen festhalte, ohne zu klären, wie das finanziert werde, funktioniere das nicht, warnt er zudem.

Rentenkommission empfiehlt Schutzrente statt Rente mit 63

Grundlage der Debatte ist der Bericht der Alterssicherungskommission - von der Bundesregierung eingesetzt und meist schlicht Rentenkommission genannt. Am 23. Juni 2026 übergab sie ihn mit 33 Reformempfehlungen, wie das Bundesministerium für Arbeit und Soziales ausweist. Diese Empfehlungen bilden die Grundlage für die geplante Rentenreform.

Zentral ist der Vorschlag, die abschlagsfreie Rente für besonders langjährig Versicherte zu streichen und durch eine „Schutzrente“ zu ersetzen, die frühestens ab 64 Jahren greift. Zusätzlich soll die Regelaltersgrenze ab 2031 schrittweise von 67 auf 67,5 Jahre angehoben werden, wobei sie danach im Verhältnis von 2 zu 1 an die weiter steigende Lebenserwartung gekoppelt wird.


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Zahlen zur Rente mit 63 im Überblick

Wie weit die Praxis von der Zahl 63 bereits entfernt ist, zeigen die Daten der Rentenversicherung. Durch die laufende Anhebung der Altersgrenzen ist die Rente mit 63 längst eine Rente ab 64 Jahren und sechs Monaten - zumindest für den Jahrgang 1961. Wer 1964 oder später zur Welt kam, muss bis 65 warten.

Wer vor der eigenen Regelaltersgrenze aussteigt, zahlt nach Angaben der Bundesregierung dauerhaft 0,3 Prozent Abschlag für jeden vorgezogenen Monat. Bei vier Jahren Vorsprung summiert sich das auf den Höchstabschlag von 14,4 Prozent. Die Altersrente für besonders langjährig Versicherte nutzten 2024 rund 269.000 Beschäftigte. Gemessen an allen neuen Altersrenten ist ihr Anteil leicht rückläufig: 2021 lag er bei 31,3 Prozent, 2024 bei 28,7 Prozent. Insgesamt stieg das durchschnittliche Renteneintrittsalter in den vergangenen zwei Jahrzehnten deutlich an. Wie das Statistische Bundesamt ausweist, lag es 2025 bei 64,7 Jahren; 2005 waren es bei Frauen 63,2 und bei Männern 63,1 Jahre.

KennzahlWert
Abschlag pro vorgezogenem Monat0,3 Prozent
Höchstabschlag bei vier Jahren vorzeitigem Ausstieg14,4 Prozent
Faktische Altersgrenze, Jahrgang 196164 Jahre und sechs Monate
Faktische Altersgrenze, Jahrgang 1964 und jünger65 Jahre
Nutzer der Rente mit 63 (2024)rund 269.000
Anteil an allen neuen Altersrenten (2024)28,7 Prozent (2021: 31,3 Prozent)
Durchschnittliches Renteneintrittsalter (2025)64,7 Jahre (2005: 63,1 bis 63,2 Jahre)
Quelle: Deutsche Rentenversicherung, Statistisches Bundesamt, Bundesregierung.de

Koalition streitet, ob sie die Rente mit 63 abschaffen will

Politisch ist der Schritt umstritten. Bei ihrer Klausur Ende August 2026 in Münster einigten sich die Fraktionsspitzen von Union und SPD darauf, sämtliche Kommissionsempfehlungen gebündelt umzusetzen, wozu auch das Streichen der Rente mit 63 zählt. Die zu diesem Zeitpunkt amtierende Arbeitsministerin Bärbel Bas kündigte dafür einen fünfjährigen Übergang mit Vertrauensschutz an, auf den sich alle verlassen könnten.

Dann kam der Rücktritt: Bas gab ihr Ministeramt und den SPD-Vorsitz am 12. Oktober 2026 auf. Zwei Tage später wurde Alexander Schweitzer (SPD) als Nachfolger vereidigt. Öffentlich spricht er sich gegen eine Streichung der Rente mit 63 nach 45 Beitragsjahren aus - entgegen der Linie, auf die sich seine Koalition in Münster verständigt hatte. Auch etliche ostdeutsche Ministerpräsidenten, unter ihnen Sachsens Regierungschef Michael Kretschmer, lehnen diesen Schritt ab: In ihren Ländern machen überdurchschnittlich viele Beschäftigte von diesem Weg Gebrauch.

Am Zeitplan hält Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) dennoch fest. Bis Ende 2026 soll der Gesetzentwurf ins Kabinett, im ersten Quartal 2027 soll der Bundestag entscheiden. Ob darin die Abschaffung der Rente mit 63 steht, bleibt nach Schweitzers Widerspruch offen.

Was die Debatte für die Beratung bedeutet

Für Finanzberater und Versicherungsvermittler ist die Auseinandersetzung aus zwei Gründen relevant. Zum einen betrifft sie die Beratung zum Renteneintritt unmittelbar: Schon nach geltendem Recht kostet ein vorgezogener Start dauerhaft bis zu 14,4 Prozent der Rente. Sollte die Koalition die Rente mit 63 abschaffen und durch eine Schutzrente mit höherem Mindestalter ersetzen, müssten Mandanten den Zeitpunkt ihres Ausstiegs neu planen.

Zum anderen rückt die ergänzende private und betriebliche Altersvorsorge stärker in den Fokus. Fallen gesetzliche Leistungen künftig später oder mit höheren Abschlägen an, wächst der Bedarf an zusätzlicher Vorsorge - unabhängig davon, ob die Koalition die Rente mit 63 abschaffen wird oder nicht.

Dittrich selbst kommt aus einem Gewerk mit hoher körperlicher Belastung und spricht sich trotzdem gegen pauschale Ausnahmen aus. Damit setzt er einen Kontrapunkt zu Verbänden, die für Schwerarbeiter eigene Regeln fordern.

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