Märkte trotzen ihren eigenen Widersprüchen – wie lange noch?

Christoph Mertens
Foto: Fürst Fugger Privatbank
Christoph Mertens, Fürst Fugger Bank: • „Der Markt blickt zunehmend kritisch auf den enormen Investitionsbedarf der sogenannten Hyperscaler. Entscheidend ist daher inzwischen weniger die absolute Höhe der KI-Ausgaben, sondern ob daraus tatsächlich profitables Wachstum entsteht.“

Inflation, Staatsverschuldung, geopolitische Risiken und dennoch sind die Märkte stabil. Die aktuelle Lage erscheint widersprüchlich. Was Technologiegewinne und KI-Investitionen mit dem Zinsdilemma der Notenbanken zu tun haben. Und warum die eigentliche Überraschung woanders liegt.

Die aktuelle Marktphase wirkt widersprüchlich: Inflation, Staatsverschuldung und geopolitische Risiken auf der einen Seite und eine robuste US-Wirtschaft mit stabiler Konjunkturentwicklung auf der anderen. Am Beispiel von Technologiesektor und Halbleiteraktien zeigt sich, dass die Rallye längst nicht mehr nur von Zukunftsfantasie getragen wird, sondern zunehmend durch starke Unternehmensgewinne. Anbieter von KI-Rechenleistung, Netzwerktechnik und Rechenzentrums-Infrastruktur profitieren von den milliardenschweren Investitionen der großen Technologiekonzerne. Steigende Umsätze und Margen sorgen dort weiterhin für positive Überraschungen. Doch für Christoph Mertens, Leiter der Niederlassung Köln der Fürst Fugger Privatbank, ist das nur die eine Seite der Medaille: „Der Markt blickt zunehmend kritisch auf den enormen Investitionsbedarf der sogenannten Hyperscaler. Entscheidend ist daher inzwischen weniger die absolute Höhe der KI-Ausgaben, sondern ob daraus tatsächlich profitables Wachstum entsteht.“ Vor diesem Hintergrund finde im Markt eine deutlich stärkere Differenzierung statt: Könnten Infrastruktur- und Halbleiterunternehmen vielfach direkt von der Investitionswelle profitieren, würden sich Teile des Softwaresektors sowie klassische Technologiebereiche wie Smartphones oder Konsumelektronik deutlich verhaltener entwickeln.


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Hinzu komme ein sich verschärfendes Dilemma für die Notenbanken: In den USA sprächen robuste Konjunkturdaten, ein stabiler Arbeitsmarkt und eine weiterhin erhöhte Inflation gegen die gewünschten schnellen Zinssenkungen, so Mertens: „Durch den Iran-Konflikt und mögliche neue Energiepreisschübe rücken Zinssenkungen in die Ferne. Stattdessen werden sogar wieder Zinserhöhungen diskutiert.“ Ähnlich schwierig sei die Lage in Europa: Die Inflationsprojektionen sprächen bei steigenden Energiepreisen eher für eine restriktivere Geldpolitik und auch der Markt beginne, entsprechende Risiken wieder einzupreisen. Christoph Mertens schränkt jedoch ein: „Die wirtschaftliche Dynamik, insbesondere in Europa, ist nicht stark genug, um Zinserhöhungen problemlos zu verkraften. Daraus entsteht das aktuelle Dilemma.“ Aus Sicht der Inflation müssten die Notenbanken ihre Geldpolitik eher straffen — aus Sicht der Konjunktur wäre genau das kontraproduktiv.

Eigentlich seien die Voraussetzungen für höhere Renditen und mehr Nervosität an den Kapitalmärkten gegeben, jedenfalls theoretisch. Christoph Mertens: „Die Anleger vertrauen offenbar darauf, dass stabile Unternehmensgewinne, hohe Liquidität und technologische Innovationen, insbesondere im Bereich KI, stärker wirken als die vorhandenen Belastungsfaktoren.“ Die größte Überraschung der vergangenen Monate sei daher nicht einmal die Stärke der Märkte selbst. Sondern wie viele Gründe es eigentlich dafür gegeben hätte, schwächer zu sein.

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