Chips Act II: Warum Europa ohne weniger Bürokratie im Halbleiterrennen verliert

Daiva Rakauskaitė, CFA, partner and fund manager of Aneli Capital
Foto: Aneli Capital
Daiva Rakauskaitė, Aneli Capital

Die EU will mit dem Chips Act II ihre Halbleiterindustrie stärken. Doch eine Investorin warnt: Ohne schnellere Genehmigungen, weniger Fragmentierung und bessere Wege zur Kommerzialisierung droht das Gesetz ins Leere zu laufen – und die besten Start-ups wandern weiter in die USA ab.

Die Europäische Kommission wird voraussichtlich am 27. Mai ihren Vorschlag für einen Chips Act II vorlegen. Das Ziel: Europas Position im globalen Halbleiterwettbewerb stärken, nachdem die USA und asiatische Volkswirtschaften ihre Kapazitäten zuletzt massiv ausgebaut haben. Der Vorgänger, der Europäische Chips Act, trat im September 2023 in Kraft und mobilisierte laut Kommission mehr als 80 Milliarden Euro an Investitionen in die Chip-Produktionskapazität. Branchenvertreter und politische Entscheidungsträger sind sich dennoch einig: Die bisherigen Fortschritte reichen nicht aus.


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Daiva Rakauskaitė, Fondsmanagerin bei Aneli Capital – einem auf Mittel- und Osteuropa spezialisierten Fondsverwaltungsunternehmen – sieht den Schlüssel zum Erfolg der Initiative in strukturellen Reformen. „Europa kann seine Attraktivität für Chip-Unternehmen erheblich steigern, indem es Investitionsbedingungen schneller und vorhersehbarer gestaltet. Halbleiterprojekte bewegen sich in kurzen Innovationszyklen und erfordern erhebliches Anfangskapital – daher schwächen Verzögerungen bei Genehmigungen, fragmentierte Beihilfeprozesse und hohe Compliance-Kosten die Wettbewerbsfähigkeit direkt“, sagt sie.

Derzeit hält Europa einen Anteil von rund zehn Prozent am globalen Halbleitermarkt. Das erklärte Ziel des Chips Act ist es, diesen Anteil bis 2030 auf 20 Prozent zu verdoppeln – zu einem Zeitpunkt, zu dem der globale Chipmarkt laut aktuellen McKinsey-Schätzungen einen Wert von 1,6 Billionen Dollar erreicht haben könnte.

Rekordfinanzierungen lösen das strukturelle Problem nicht

Das Investoreninteresse an der Branche ist zuletzt spürbar gewachsen. Laut PitchBook sammelten europäische Halbleiter-Start-ups im Jahr 2025 mit 972 Millionen Euro einen Rekordwert ein; im ersten Quartal 2026 wurden bereits 380 Millionen Euro erreicht. Generell rücken Hardwareunternehmen in den Fokus von Investoren – in Bereichen wie Halbleiter, Robotik und Quantentechnologien gelten sie als schwerer kopierbar als Software-as-a-Service-KI-Lösungen.

Doch Rakauskaitė macht deutlich, dass gestiegene Investitionsvolumina Europas eigentliches Kernproblem nicht lösen: fehlende schnelle Wege zur Kommerzialisierung. „Viele junge europäische Deep-Tech-Unternehmen stecken in einer schwierigen Zwischenphase zwischen Forschungsförderung und kommerziellen Einnahmen fest“, sagt sie. „Halbleiter-Start-ups benötigen insbesondere kostspielige Prototypenentwicklung, Tests, Zertifizierungen und Kundenqualifizierungen, bevor sie skalieren können. Verbesserte Wege zur Kommerzialisierung würden mehr Deep-Tech-Unternehmen beim Wachstum helfen und das europäische Ökosystem stärken.“

Die Zahlen unterstreichen das strukturelle Defizit: Europa beheimatet laut einem aktuellen Dealroom-Bericht 30 Prozent der weltweit führenden Deep-Tech-Universitäten und bringt doppelt so viele Natur- und Ingenieurwissenschaftsabsolventen hervor wie die USA. Dennoch gelingt die Übersetzung wissenschaftlicher Stärke in skalierte Unternehmen nur selten – fast 40 Prozent der Deep-Tech-Einhörner mit europäischen Gründern haben ihren Sitz in den USA.

Series-B+-Lücke als strukturelle Schwachstelle

Ein weiteres zentrales Problem bleibt die Wachstumsfinanzierung. Zwar ist laut Dealroom mit mehreren europäischen Fonds im Volumen von über einer Milliarde Euro zu rechnen, die Deep-Tech-Unternehmen unterstützen könnten. Rakauskaitė sieht darin jedoch keine hinreichende Antwort auf die systemischen Defizite: Notwendig seien flexiblere öffentlich-private Finanzierungsmodelle, schnellere Beihilfegenehmigungen und eine stärkere Beteiligung von Pensionsfonds am Wagniskapital.

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