Ölmarkt: Warum die Preise trotz Hormus-Krise nachgeben

Hormus-Krise
Foto: ChatGPT
Trotz Hormus-Krise sinken zentrale Energiepreise und deuten auf Entspannung am Markt hin.

Widersprüchliche Signale aus der Straße von Hormus treiben die Ölpreise kurzfristig stark nach oben und unten. Doch trotz geopolitischer Spannungen zeigen zentrale Indikatoren bereits wieder nach unten. Vieles deutet darauf hin, dass der Höhepunkt der Preisrally überschritten ist.

Widersprüchliche Nachrichten zur Straße von Hormus sorgen für Ausschläge bei den Ölpreisen, doch ihren Höchststand haben sie möglicherweise bereits überschritten, analysiert Norbert Rücker, Head Economics and Next Generation Research bei Julius Bär:

Geopolitik kann chaotisch sein, besonders in Konfliktphasen. Die Straße von Hormus wurde in den vergangenen Tagen innerhalb weniger Stunden abwechselnd für offen und geschlossen erklärt. Die Folge waren Ölpreise auf Achterbahnfahrt. 

Abgesehen von der Volatilität der letzten Tage sind die meisten Energiepreise deutlich unter den Höchstständen der aktuellen Krise gesunken, die Ende März und Anfang April verzeichnet wurden. Der sogenannte Dated-Brent-Preis – der Referenzwert, der die reale Angebots- und Nachfragedynamik auf dem Ölmarkt widerspiegelt – fiel vorübergehend unter 100 US-Dollar, nach Höchstständen von über 140 Dollar. Die Preise für Kerosin in Europa, einem der Epizentren der aktuellen Krise, sind gegenüber den Höchstständen um rund 20 % gesunken und liegen wieder unter den Niveaus von 2022. Die allgemein zu beobachtende Entspannung an den Finanzmärkten ist nicht nur von Erwartungen und der Stimmung der Anleger getrieben, sondern spiegelt auch die Entspannung auf den realen Energiemärkten wider.

Die Einschätzung des Marktes scheint im Widerspruch zum Stillstand der Verhandlungen sowie zu Krisenwarnungen von Marktbeobachtern wie der Internationalen Energieagentur zu stehen. Zwar haben die Ereignisse am Wochenende den Transit durch die Straße von Hormus tatsächlich zum Erliegen gebracht, doch in den Tagen zuvor wurden täglich über 4 Millionen Barrel Öl transportiert, bzw. rund 2 Millionen, ohne den Iran. Der Ölmarkt befindet sich weiterhin im Defizit, allerdings eher bei 5 % als bei 10 %. Diese Transporte durch die Straße von Hormus verschaffen dem Ölmarkt zusätzlich zu den alternativen Routen etwas Spielraum, um sich anzupassen und den Angebotsschock teilweise abzufedern. 

Es bedarf keiner dauerhaften geopolitischen Lösung, damit sich der Ölmarkt normalisiert. Weder die Vereinigten Staaten noch der Iran haben ein Interesse daran, den Transport von Öl oder Gas nach China, Indien oder zu anderen asiatischen Abnehmern zu behindern. Auf der Grundlage dieser gemeinsamen Basis glauben wir, dass der Handel rund um Hormus wahrscheinlich schrittweise wiederhergestellt wird – auch wenn vorerst noch unklar bleibt, wie genau das geschehen wird.

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