Die Europäische Zentralbank (EZB) hat Mitte Juni den Hauptrefinanzierungssatz erstmals seit September 2023 um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent angehoben. Ausschlaggebend war der Inflationsanstieg infolge des Iran-Kriegs, der die Teuerungsrate im Euroraum im Mai auf 3,2 Prozent steigen ließ.
Inzwischen hat sich die Inflationsentwicklung etwas entspannt. Nach einer vorläufigen Waffenruhe zwischen Iran und den USA fielen die Ölpreise wieder auf das Vorkrisenniveau zurück. Die Verbraucherpreise im Euroraum lagen im Juni nach vorläufigen Daten nur noch bei 2,8 Prozent, in Deutschland bei 2,3 Prozent. Im Mai hatte die Inflationsrate hierzulande noch 2,6 Prozent betragen, im April 2,9 Prozent. Ökonomen führen den Rückgang auch auf den bis Anfang Juli geltenden Tankrabatt in Deutschland zurück. Dessen Auslaufen könnte die Inflationsrate im Juli wieder leicht steigen lassen. Gleichzeitig belastet die erneute Eskalation rund um die Straße von Hormus die Anleihemärkte. Die Renditen deutscher Bundesanleihen legten zuletzt erneut zu.
„Die EZB hat mit ihrer ersten Zinserhöhung seit drei Jahren einen klaren Kurs eingeschlagen“, ordnet Marco Schöfl, Director Sales der Qualitypool GmbH, ein. „Zwei Gründe dürften dabei eine Rolle gespielt haben: Zum einen könnte die Notenbank unter dem Eindruck stehen, in der jüngsten Inflationskrise zu zögerlich reagiert zu haben, und will das nun vermeiden. Zum anderen trifft der Ölpreisschock Europa deutlich härter als die USA, auch mit Blick auf mögliche Lieferkettenrisiken.“
EZB blickt auf Inflation und Energiepreise
EZB-Präsidentin Christine Lagarde begründet den Zinsschritt mit dem Anstieg der Kerninflation von 2,2 auf 2,5 Prozent sowie stärker als erwartet gestiegenen Dienstleistungspreisen. Die Wachstumsprognose für den Euroraum senkte die Notenbank für 2026 lediglich leicht von 0,9 auf 0,8 Prozent.
Die nächste EZB-Sitzung findet am 23. und 24. Juli statt. Marktbeobachter rechnen bis zum Jahresende mit mindestens einer weiteren Zinserhöhung um 25 Basispunkte, voraussichtlich nach der Sommerpause. „Ob es tatsächlich zu diesem weiteren Schritt kommt, hängt maßgeblich davon ab, in welchem Ausmaß sich in den kommenden Monaten Zweitrundeneffekte des Energiepreisschocks zeigen“, so Schöfl. „Die spürbar gesunkenen Inflationsraten in Deutschland und im Euroraum hatten der Notenbank vorerst etwas Druck genommen, sehr schnell nachzulegen. Nun wird das weitere Verhalten der beiden Konfliktparteien die Zinspolitik maßgeblich beeinflussen.“
In den USA bleibt die Geldpolitik dagegen vorerst unverändert. Die Federal Reserve beließ den Leitzins im Juni zum vierten Mal in Folge in einer Spanne von 3,50 bis 3,75 Prozent. Der neue Fed-Vorsitzende Kevin Warsh verzichtet bislang auf eine eigene Zinsprognose und kommuniziert deutlich zurückhaltender als sein Vorgänger.
Bauzinsen bewegen sich weiter im engen Korridor
Der schwächer als erwartete US-Arbeitsmarktbericht für Juni mit 57.000 neu geschaffenen Stellen hat die Erwartungen an eine baldige Zinserhöhung in den USA zuletzt gedämpft. „Innerhalb der Fed zeichnet sich kein klarer Kurs ab“, kommentiert Marco Schöfl. „Ein Teil des Komitees sieht die Inflation weiterhin als zu hoch an, ein anderer Teil verweist auf die Abkühlung am Arbeitsmarkt. Diese Gemengelage dürfte die US-Geldpolitik vorerst in der Schwebe halten.“
Bei den Baufinanzierungen zeigt sich bislang nur wenig Bewegung. Die besten Konditionen für zehnjährige Zinsbindungen liegen derzeit zwischen 3,4 und 3,6 Prozent, für 15-jährige Zinsbindungen zwischen 3,6 und 3,8 Prozent. „Die Bauzinsen bewegen sich seit Monaten in einem eher engen Korridor. Der Rückgang der Ölpreise und die nachlassende Inflation hatten die Lage an den Kapitalmärkten zuletzt eher beruhigt als verschärft. Für Finanzierungskunden war das Zinsniveau vergleichsweise gut planbar. Falls sich der Konflikt zwischen den USA und dem Iran nun doch länger fortsetzt als gedacht, könnte das deutlichere Bewegungen auf dem Anleihen- und in der Folge dem Zinsmarkt nach sich ziehen.“
Die Prognose von Qualitypool:
- Kurzfristig: Tendenziell seitwärts
- Langfristig: Ein weiterer EZB-Zinsschritt bis Jahresende ist wahrscheinlich, hängt aber vom weiteren Verlauf der Energiepreise und möglichen Zweitrundeneffekten ab; in den USA bleibt der geldpolitische Kurs vorerst offen














