Die gesetzlichen Sozialversicherungsbeiträge in Deutschland klettern den Prognosen zufolge bis 2035 auf fast 49 Prozent des Bruttolohns. Zu diesem Ergebnis kommt eine Untersuchung des IGES Instituts, die die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft (INSM) Anfang November 2026 veröffentlicht hat. Schon im laufenden Jahr 2026 summiert sich der Gesamtsozialversicherungsbeitrag auf 42,8 Prozent. Selbst mit der geplanten Rentenreform lässt sich der Anstieg den Berechnungen zufolge kaum bremsen.
Verfasst wurde die Projektion von Dr. Martin Albrecht und Dr. Richard Ochmann, Projektleiter der Studie. Im Basisszenario, das keine weiteren Reformen unterstellt, klettert der Gesamtbeitragssatz zunächst bis 2028 auf 45,4 Prozent und anschließend bis 2035 auf 48,8 Prozent. Bei schwächerem Wirtschafts- und Lohnwachstum erscheint laut IGES sogar ein Anstieg auf bis zu rund 51,6 Prozent denkbar.
Rentenreform 2026: Geplante Maßnahmen bremsen kaum
An diesem Trend ändern die aktuell geplanten Reformen wenig. Im Reformszenario 1 sinkt der projizierte Gesamtbeitragssatz 2035 lediglich auf 47,5 Prozent und liegt damit 1,3 Prozentpunkte unter dem Basisszenario. INSM-Geschäftsführer Thorsten Alsleben warnt: „Die neue Prognose für die Sozialbeiträge ist ein Alarmsignal. Wenn sich die Arbeitnehmer- und Arbeitgeberbeiträge 2035 zusammen auf nahezu die Hälfte des beitragspflichtigen Bruttolohns summieren, wird Arbeit in Deutschland noch teurer, und netto bleibt noch weniger übrig.“
Rentenversicherungsbeitrag treibt den Anstieg
Den größten Einzeltreiber bildet die gesetzliche Rentenversicherung. Laut der Projektion wird ihr Beitragssatz von 18,6 Prozent im Jahr 2026 auf 20,9 Prozent im Jahr 2035 zulegen. Gemeinsam mit der Arbeitslosenversicherung machen diese beiden Zweige nach IGES-Angaben mehr als zwei Drittel des gesamten Anstiegs bis 2035 aus.
Prozentual legt allerdings die Arbeitslosenversicherung am stärksten zu. Ihr Beitragssatz soll von 2,6 Prozent im Jahr 2026 auf 4,4 Prozent im Jahr 2035 klettern, ein Plus von rund 67 Prozent. Zugleich erwartet die Bundesagentur für Arbeit für 2026 ein Defizit von knapp neun Milliarden Euro. Der aufgelaufene Schuldenstand bei der Bundesagentur steigt bis Jahresende 2026 auf rund zehn Milliarden Euro. Andrea Nahles, Vorstandsvorsitzende der Bundesagentur, rechnet vor: Schon eine Erhöhung des Beitragssatzes um 0,1 Prozentpunkte würde zusätzliche Einnahmen von rund 1,6 Milliarden Euro jährlich generieren.
Kranken- und Pflegeversicherung wachsen ebenfalls, wenngleich moderater. Bei der Krankenversicherung ist mit einem Anstieg des Satzes von 17,7 auf 18,8 Prozent zu rechnen, obwohl das Beitragsstabilisierungsgesetz bis 2028 dämpfend wirkt. Die Pflegeversicherung dürfte der Projektion zufolge von 3,9 auf 4,8 Prozent zulegen. Parallel dazu wird erwartet, dass die Zahl der Pflegebedürftigen von 5,9 Millionen im Jahr 2025 auf 8,3 Millionen im Jahr 2035 anwächst.
| Versicherungszweig | 2026 | 2035 (Basisszenario) | Veränderung |
|---|---|---|---|
| Rentenversicherung | 18,6 Prozent | 20,9 Prozent | +2,3 Prozentpunkte |
| Krankenversicherung | 17,7 Prozent | 18,8 Prozent | +1,1 Prozentpunkte |
| Pflegeversicherung | 3,9 Prozent | 4,8 Prozent | +0,9 Prozentpunkte |
| Arbeitslosenversicherung | 2,6 Prozent | 4,4 Prozent | +1,8 Prozentpunkte |
| Gesamt | 42,8 Prozent | 48,8 Prozent | +6,0 Prozentpunkte |
Kapitalrente würde die Belastung weiter erhöhen
Im Zusammenhang mit der Rentenreform 2026 hat IGES ein zweites Reformszenario berechnet. Käme die diskutierte Kapitalrente ab 2028 hinzu, kostete sie laut der Studie rund zwei weitere Beitragspunkte in der Rentenversicherung. Der Gesamtbeitragssatz läge dadurch 2035 bei 49,3 Prozent.
| Szenario | Gesamtbeitragssatz 2035 |
|---|---|
| Basisszenario (ohne weitere Reformen) | 48,8 Prozent |
| Reformszenario 1 (aktuell geplante Reformen) | 47,5 Prozent |
| Reformszenario 2 (zusätzlich Kapitalrente ab 2028) | 49,3 Prozent |
| Ungünstiges Szenario (schwächeres Wachstum) | bis zu rund 51,6 Prozent |
Pflegereform 2027 schließt die Finanzierungslücke nicht
Auch kurzfristig bleibt der Druck hoch. Nach IGES-Berechnungen klafft in der gesetzlichen Krankenversicherung trotz des Beitragsstabilisierungsgesetzes auch 2027 noch eine Finanzierungslücke von 3,2 Milliarden Euro. Beschlüsse des Bundestags vom Oktober 2026 könnten die geplanten Einsparungen 2027 zudem um weitere 500 Millionen Euro mindern. In der Pflegeversicherung verbleibt trotz des für 2027 geplanten Pflegeneuordnungsgesetzes ein Defizit von rund 1,3 Milliarden Euro.
Die 40-Prozent-Marke als politisches Ziel
Der Gesamtbeitrag liegt mit 42,8 Prozent bereits 2026 über einer Marke, die lange als politisches Ziel galt. Bereits der 2018 geschlossene Koalitionsvertrag zwischen CDU, CSU und SPD enthielt die Formulierung, man wolle die Sozialversicherungsbeiträge „im Interesse von Arbeitnehmern und Arbeitgebern bei unter 40 Prozent stabil halten“. Im Koalitionsvertrag von 2025 fehlt dagegen eine konkrete Festlegung auf eine solche Obergrenze, wie die Arbeitgeberverbände in ihrer Bewertung feststellen.
Die Beitragssätze 2026 im Überblick
Offiziell liegt der allgemeine Beitragssatz der gesetzlichen Krankenversicherung 2026 unverändert bei 14,6 Prozent. Hinzu kommt ein durchschnittlicher Zusatzbeitrag von 2,9 Prozent nach 2,7 Prozent im Vorjahr, in Summe also 17,5 Prozent. Der Beitragssatz zur sozialen Pflegeversicherung bleibt bei 3,6 Prozent, zuzüglich eines Zuschlags von 0,6 Prozentpunkten für kinderlose Beitragszahler ab einem Alter von 23 Jahren. Der Beitrag zur allgemeinen Rentenversicherung liegt weiterhin bei 18,6 Prozent, den Arbeitgeber und Beschäftigte je zur Hälfte tragen, also mit jeweils 9,3 Prozent. Für die Arbeitslosenversicherung gelten 2,6 Prozent.














