Rentenreform in Deutschland: Reformwille hoch, Vertrauen gering

Die Rentenreform soll kommen. Doch das Vertrauen der Menschen in Deutschland in die Politik ist gering.
Foto: AdobeStock/Wolfilser
Ein Holzstempel ist beschriftet mit dem Aufdruck Rentenreform

Eine neue Allianz-Studie zeigt: 83 Prozent der Deutschen halten Rentenreformen für notwendig. Allerdings vertrauen gerade einmal 42 Prozent vertrauen, dass die Politik auch liefert. Hinzu kommt kommt ein gravierendes Wissensproblem bei den Thema Finanzen und Vorsorge: Viele Deutsche wissen schlicht nicht, was sie im Alter erwartet.

Die Rentenkommission hat ihre Vorschläge vorgelegt. Und die treffen auf eine Bevölkerung, die Reformen zwar für dringend notwendig hält, an deren Umsetzung aber deutliche Zweifel hat. Das ist ein zentrales Ergebnis des „Pension Reform Survey 2026″, den Allianz Research jetzt veröffentlicht hat. Für die internationale Umfrage wurden mehr als 8.000 Personen in acht Ländern befragt, darunter mehr als 1.000 in Deutschland.


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83 Prozent der deutschen Befragten stimmen zu, dass die bestehenden Sozialsysteme reformiert werden müssen, um langfristig tragfähig zu bleiben. Damit liegt Deutschland im internationalen Vergleich auf einem der vorderen Plätze. Gleichzeitig glauben nur 42 Prozent der Deutschen daran, dass die notwendigen Reformen tatsächlich umgesetzt werden – weit unter dem US-amerikanischen Wert von 66 Prozent und dem polnischen von 63 Prozent. Nur in Italien ist das Reformvertrauen mit 36 Prozent noch geringer.

Ältere Deutsche: Reformwille ja, Reformvertrauen nein

Das Generationenmuster ist in Deutschland besonders ausgeprägt. Mit zunehmendem Alter steigt die Überzeugung, dass Reformen nötig sind – das Vertrauen in ihre Umsetzung sinkt jedoch gleichzeitig. Während unter den 18- bis 34-Jährigen noch 57 Prozent eine erfolgreiche Umsetzung erwarten, sind es bei den 50- bis 64-Jährigen lediglich 32 Prozent und bei den 65- bis 79-Jährigen 37 Prozent. Die Studie widerlegt damit die Vorstellung, ältere Generationen würden Reformen grundsätzlich ablehnen – sie zweifeln vor allem daran, dass sie kommen.

Entgegen einem verbreiteten Vorurteil blockieren ältere Arbeitnehmer Reformen nicht grundsätzlich. Beim Thema längeres Arbeiten zeigt Deutschland jedoch ein besonderes Bild: Nur 15 Prozent der deutschen Befragten nennen die Bereitschaft, länger zu arbeiten und den Renteneintritt hinauszuschieben, als akzeptable Reformoption. Allianz Research erklärt das damit, dass längeres Arbeiten in Deutschland angesichts wirtschaftlicher Schwäche, Unternehmensrestrukturierungen und vergleichsweise hoher Langzeitarbeitslosigkeit Älterer als wenig realistisch gilt.

Zudem zeigt die Studie, dass unterschiedliche Ansichten über konkrete Reformmaßnahmen nicht mit einer generellen Ablehnung von Reformen gleichzusetzen sind. International lehnt nur eine Minderheit von 22 Prozent sämtliche vorgeschlagenen Maßnahmen ab. In Deutschland liegt dieser Anteil jedoch bei rund 35 Prozent – ein deutlich höherer Wert als im Länderdurchschnitt.

Private Vorsorge als bevorzugte Reformoption

Wenn die Deutschen angeben, welche Reformmaßnahmen sie persönlich akzeptieren würden, ist das Bild eindeutig: Mehr Eigenverantwortung durch zusätzliches privates Sparen ist mit 27 Prozent die meistgenannte Option – übereinstimmend mit dem internationalen Durchschnitt. Auf die Optionen, länger zu arbeiten und staatliche Leistungen zu reduzieren, entfallen dagegen jeweils nur 15 Prozent. Höhere Steuern oder Sozialbeiträge stoßen auf breite Ablehnung.

Nur etwa 40 Prozent der deutschen Befragten erwarten, dass die gesetzliche Rente künftig den größten Teil ihres Alterseinkommens ausmachen wird. Vor diesem Hintergrund gewinnen betriebliche und private Vorsorgelösungen an Bedeutung – was die laufende politische Debatte über das Altersvorsorgereformgesetz direkt berührt. Ludovic Subran, Chefvolkswirt und Chefanlagestratege der Allianz SE, sieht darin eine politische Gestaltungsaufgabe: „Bemerkenswert ist die Bereitschaft vieler Menschen, selbst mehr Verantwortung für die eigene Altersvorsorge zu übernehmen. Dies unterstreicht die Bedeutung von Reformen, die private und betriebliche Vorsorge stärken und gleichzeitig die Finanzbildung verbessern.“

Wissenslücken als unterschätztes Risiko

Besonders aufschlussreich sind die Befunde zur Rentenkenntnis der deutschen Bevölkerung. Deutschland schneidet hier im internationalen Vergleich noch am besten ab – was jedoch weniger ein Kompliment als eine Relativierung ist. 29 Prozent der deutschen Befragten geben an, eine detaillierte Vorstellung von ihrer künftigen gesetzlichen Rente zu haben – der höchste Wert aller acht untersuchten Länder, der auf die jährliche Renteninformation der Deutschen Rentenversicherung zurückzuführen sein dürfte. Im Länderdurchschnitt wissen nur elf Prozent der Befragten konkret, was sie aus der gesetzlichen Rente erwarten können.

Trotzdem geben in Deutschland rund 32 Prozent der Befragten an, gar nicht zu wissen, wie hoch ihre künftige gesetzliche Rente ausfallen wird. Noch gravierender: Rund 45 Prozent der deutschen Befragten haben keinen Überblick über ihre künftige finanzielle Situation im Alter – und davon ist knapp die Hälfte bereits älter als 50 Jahre. Nur ein Drittel der Befragten kann die voraussichtliche Dauer des Ruhestands realistisch einschätzen, nur etwa die Hälfte hat eine Vorstellung von der eigenen finanziellen Lage im Alter.

Hinzu kommt eine systematische Unterschätzung der Lebenserwartung. Wer die Zeit im Ruhestand zu kurz ansetzt, unterschätzt zwangsläufig auch den erforderlichen Sparaufwand. Allianz Research macht das an einem Rechenbeispiel deutlich: Der Unterschied zwischen einer angenommenen und der tatsächlichen Rentenbezugsdauer von mehreren Jahren kann den notwendigen jährlichen Sparbeitrag um mehr als einen Prozentpunkt des Einkommens erhöhen. Die Studie schlussfolgert: Die Finanzbildungslücke ist zugleich eine Rentenwissenslücke – mit direkten Konsequenzen für die individuelle Vorsorgeplanung.

Deutschland bei Kapitaldeckung europäisches Schlusslicht

Der strukturell gravierendste Befund für Deutschland betrifft das Niveau kapitalgedeckter Altersvorsorge. Die in Deutschland vorhandenen Pensionsvermögen entsprechen lediglich sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Damit liegt Deutschland nicht nur weit hinter Dänemark (mehr als 200 Prozent), den USA (147 Prozent) und dem Vereinigten Königreich (78 Prozent), sondern auch hinter Frankreich (13 Prozent), Italien (12 Prozent), Spanien (11 Prozent) und Polen (neun Prozent). Innerhalb der acht untersuchten Länder bildet Deutschland damit das Schlusslicht.

Allianz Research illustriert das Potenzial kapitalgedeckter Systeme mit einem Gedankenexperiment: Hätten Österreich, Frankreich, Deutschland, Italien, Polen und Spanien bis 2025 das britische Niveau an Pensionsvermögen relativ zum BIP erreicht, wären rund 8,8 Billionen Euro zusätzliches langfristiges Investitionskapital entstanden – rund das Doppelte der Streubesitz-Marktkapitalisierung des Euro Stoxx 50.

Neben dem Volumen ist auch die Anlagestruktur ein Problem. Deutsche Pensionseinrichtungen legen 42,8 Prozent ihrer Mittel in Anleihen und 2,6 Prozent in Barmittel an. US-amerikanische Pensionsfonds investieren dagegen nur 12,5 Prozent in Anleihen und 1,5 Prozent in Barmittel – mit entsprechend höheren Langfristrenditen. Stärkere kapitalgedeckte Vorsorgesäulen würden laut Allianz Research nicht nur die individuelle Altersversorgung verbessern, sondern gleichzeitig langfristiges Kapital für Investitionen in Infrastruktur, Technologie und den ökologischen Umbau der Wirtschaft bereitstellen.


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