Die europäische Energiewirtschaft hat eine Schwelle überschritten. 2025 erzeugten Wind und Solar in der EU erstmals mehr Strom als fossile Kraftwerke. Laut dem britischen Thinktank Ember kamen beide Technologien gemeinsam auf rund 30 Prozent der EU-Stromerzeugung, fossile Energien lagen bei 29 Prozent. Eurostat weist für 2024 bereits einen Anteil erneuerbarer Energien von 48 Prozent an der EU-Stromerzeugung aus. Der Ausbau ist damit keine politische Zielgröße mehr, sondern gelebte Realität im europäischen Stromsystem.
Der nächste Engpass liegt nicht mehr in der Frage, ob erneuerbare Energien wachsen – das tun sie. Er liegt in Netzen, Speichern, Flexibilität und Vermarktung. Gleichzeitig wächst die Stromnachfrage weiter. Die Internationale Energieagentur erwartet für den Zeitraum 2026 bis 2030 global ein durchschnittliches jährliches Nachfragewachstum von 3,6 Prozent. Treiber sind Elektrifizierung, Industrie, Elektromobilität, Wärmepumpen – und vor allem stromintensive Rechenzentren.
Gerade diese verändern das Bild grundlegend. Die IEA rechnet damit, dass sich der weltweite Stromverbrauch von Rechenzentren bis 2030 auf rund 945 Terawattstunden verdoppeln könnte. Das Wachstum läge damit deutlich über dem allgemeinen Stromverbrauchsanstieg.
Erneuerbare Energien: Von der Ausbau- zur Systemfrage
Für die Erneuerbaren-Branche bedeutet das den Eintritt in eine zweite Phase. In der ersten Phase ging es vor allem um Zubau. In der zweiten geht es um Systemfähigkeit. Strom muss nicht nur produziert werden – er muss zur richtigen Zeit, am richtigen Ort und zu wirtschaftlich belastbaren Konditionen verfügbar sein.
Wind, Solar und Speicher werden nicht mehr nur als Klimathema diskutiert, sondern als Infrastrukturfrage: Wer kann Strom planbar erzeugen, flexibel vermarkten und in ein Netz einspeisen, das durch Wärmepumpen, Elektromobilität, Industrie und Rechenzentren stärker belastet wird? Diese Verschiebung verändert die Anforderungen an Projekte, Betreiber und Investoren gleichermaßen.
Deutscher Wohnimmobilienmarkt: Neubau auf tiefstem Stand seit 2012
Der deutsche Wohnimmobilienmarkt bleibt von einem klaren Widerspruch geprägt: Die Nachfrage nach Wohnraum ist hoch, der Neubau fällt jedoch weiter zurück. Nach Angaben des Statistischen Bundesamts wurden 2025 in Deutschland nur noch rund 206.600 Wohnungen fertiggestellt – ein Rückgang von 18 Prozent gegenüber dem Vorjahr und der niedrigste Stand seit 2012. Damit entfernt sich der Markt weiter vom politischen Ziel von 400.000 neuen Wohnungen pro Jahr. Hohe Baukosten, gestiegene Finanzierungskosten, lange Genehmigungsprozesse und eine verunsicherte Projektentwicklerlandschaft bremsen den Markt weiter aus.
Dass der Abschwung auf den Immobilienmärkten einfach vorbei ist, lässt sich nicht pauschalisieren – er verlagert sich. Während manche Marktteilnehmer bereits von einer Stabilisierung sprechen, bleiben finanzierende Banken deutlich vorsichtiger. Laut einer aktuellen EY-Parthenon-Umfrage sehen viele Institute weiterhin erhebliche Risiken, vor allem bei Anschlussfinanzierungen. Bei rund der Hälfte der befragten Banken liegt der Anteil der bald neu zu verhandelnden Refinanzierungsvolumina bei über 40 Prozent.
Für den Mietmarkt bedeutet das anhaltenden Angebotsdruck. Die Neuvertragsmieten stiegen bundesweit 2024 um rund 4,6 Prozent und 2025 um rund vier Prozent. Bestandsmieten entwickelten sich langsamer; Nettokaltmieten lagen 2025 im Jahresdurchschnitt bei plus 2,1 Prozent gegenüber 2024.
USA: Sunbelt bleibt gefragt – aber nicht unterschiedslos
Der US-Wohnimmobilienmarkt zeigt ein anderes Bild als Deutschland. Dort steht weniger eine generelle Angebotsknappheit im Vordergrund, sondern der Übergang von einer Phase sehr hoher Neubaufertigstellungen in eine Phase sinkender Pipeline. Besonders im Multifamily-Segment gab es in den vergangenen Jahren einen starken Angebotsaufbau. Das hat in einigen Märkten – vor allem im Südosten, im South Central-Raum und in Mountain-Regionen – die Mietdynamik gedämpft.
CBRE erwartet, dass das Mietwachstum 2026 landesweit unter dem Niveau vor der Pandemie bleiben dürfte, verweist langfristig aber weiter auf die Stärke vieler Sunbelt-Märkte durch Beschäftigungswachstum, Zuzug und künftige Multifamily-Performance. Gleichzeitig normalisiert sich die Angebotsseite: CBRE-Daten zeigen, dass die Fertigstellungen im ersten Quartal 2026 gegenüber dem Vorjahr deutlich zurückgingen und die Zahl der im Bau befindlichen Einheiten seit dem Hoch Anfang 2024 gesunken ist.
Für Investoren zählt damit stärker denn je die Mikrolage. Sunbelt ist kein einheitlicher Markt. Miami ist nicht Dallas, Austin ist nicht Charlotte – und ein Projekt in guter Lage mit zeitgemäßem Konzept ist nicht mit generischem Angebotsbau gleichzusetzen.
Selektivität als entscheidender Prüfstein
Für Anleger in Wohnimmobilien ist die Gesamtlage kein Freifahrtschein, aber ein stabilisierender Faktor. Der Markt wird selektiver. Entscheidend sind solide Finanzierungsstrukturen, gute Standorte und Immobilien, die auch in einem anspruchsvolleren Umfeld langfristig nachgefragt bleiben. Dazu zählen Energieeffizienz, moderne Grundrisse, gute Anbindung, bezahlbare Betriebskosten und gemischte Quartierskonzepte.
Europa braucht erneuerbare Energie, aber vor allem netzdienliche, speicherfähige und wirtschaftlich robuste Projekte. Deutschland braucht Wohnraum, aber vor allem bezahlbare, energieeffiziente und realisierbare Projekte. Stabilität entsteht dort, wo reale Nachfrage, operative Qualität und belastbare Erlösmodelle zusammenkommen – und nicht dort, wo Schlagworte die Substanz ersetzen.













