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Wie Geld-Skripte aus der Kindheit Anlageentscheidungen beeinflussen

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Vom Sparschwein zur Anlageentscheidung
Bild: KI-generiert mit ChatGPT / DALL·E
Vier Geld-Skripte erklären, wie früh erlernte Überzeugungen Anlageentscheidungen und Renditen beeinflussen.

Anleger begründen ihre Entscheidungen meist mit Zahlen und Fakten. Doch häufig wirken unbewusste Überzeugungen aus der Kindheit mit. Vier typische Geld-Skripte zeigen, warum Emotionen die Rendite beeinflussen können – und wie Anleger ihre eigenen Muster erkennen.

„Diese Aktie, weil die Kennzahlen stimmen. Dieser Verkauf, weil sich das Chance-Risiko-Verhältnis verschlechtert hat.“ So klingt es, wenn Anlegerinnen und Anleger ihre Depot-Entscheidungen erklären, und die meisten meinen es auch genau so: rational, nachvollziehbar, auf Zahlen gestützt. Was in diesen Erklärungen fast nie vorkommt, ist der Moment kurz bevor die Order abgeschickt wird, in dem sich etwas ganz anderes einschaltet: ein Gefühl von Erleichterung, von Unruhe, manchmal auch von Scham. Unter der rationalen Begründung liegt oft eine viel ältere Schicht: Überzeugungen über Geld, die lange vor dem ersten eigenen Depot entstanden sind, in der Kindheit, am Küchentisch, beim Zuhören, wie in der eigenen Familie über Geld gesprochen wurde, oder eben nicht gesprochen wurde. Diese Prägungen verschwinden nicht, nur weil man inzwischen eine Bilanz lesen kann. Sie steuern mit, ganz gleich, wie viel man über Börsen weiß.

Der Fachbegriff: Geld-Skripte

In der noch jungen Forschungsrichtung der Financial Therapy hat sich dafür ein eigener Begriff etabliert: „Money Scripts“, zu Deutsch Geld-Skripte. Geprägt hat ihn der Finanzpsychologe und zertifizierte Finanzplaner Bradley Klontz gemeinsam mit Sonya Britt; mit dem Klontz Money Script Inventory (Journal of Financial Therapy, 2011) entwickelten sie ein Instrument, das inzwischen auch in der Ausbildung von Finanzberaterinnen und -beratern in den USA eingesetzt wird, um typische unbewusste Geldüberzeugungen sichtbar zu machen.

Ihr zentraler Befund: Diese Skripte bilden sich meist schon vor dem zehnten Lebensjahr, geprägt nicht durch eigene finanzielle Erfahrung, sondern durch das, was Kinder bei ihren Eltern beobachten. Wurde über Geld offen gesprochen oder war es ein Tabuthema? Herrschte Angst vor der nächsten Rechnung, oder wurde jeder Kauf zur kleinen Belohnung stilisiert? Klontz bringt es in einem Interview auf den Punkt: Fast jedes finanzielle Verhalten ergebe „vollkommen Sinn, sobald man die Überzeugung dahinter versteht“. Die vier wiederkehrenden Muster, die er und sein Team identifiziert haben, heißen: Geldvermeidung, Geldanbetung, Geldstatus und Geldwachsamkeit.

Die vier Muster im Depot-Alltag

Geldvermeidung: Wenn Wohlstand sich falsch anfühlt

Wer mit diesem Muster aufgewachsen ist, trägt eine stille Überzeugung mit sich herum: Viel Geld zu haben, ist nicht ganz legitim. Reiche Menschen, so die unbewusste Gleichung, sind gierig oder haben es nicht wirklich verdient, und wer selbst zu viel besitzt, gerät in denselben Verdacht. Im Depot-Alltag zeigt sich das selten spektakulär, eher als leises Muster im Hintergrund: Geld, das auf dem Girokonto „liegen bleibt“, statt investiert zu werden, weil eine Anlageentscheidung sich wie eine zu große Sache anfühlt. Unbehagen, wenn Freund:innen oder die eigene Familie fragen, wie es um die Ersparnisse steht. Manchmal auch ein schlechtes Gewissen nach einem besonders guten Börsenjahr, so als hätte man etwas nicht ganz Rechtmäßiges getan. Klontz’ Daten zeigen dazu einen auffälligen Nebenbefund: Menschen mit ausgeprägter Geldvermeidung haben im Schnitt tatsächlich geringeres Einkommen und geringeres Vermögen, nicht weil ihnen die Fähigkeiten fehlen, sondern weil das Muster selbst dafür sorgt, dass Chancen liegen gelassen werden.

Geldanbetung: Die Hoffnung, dass die nächste Zahl alles löst

Hier steckt die Überzeugung dahinter, mehr Geld werde die eigentlichen Probleme lösen: mehr Sicherheit, mehr Anerkennung, am Ende sogar mehr Zufriedenheit. Diese Hoffnung treibt ein Verhalten an, das sich im Depot als ständiges Nachkaufen aus Angst zeigt, etwas zu verpassen: die nächste vielversprechende Aktie, der nächste Trend, der diesmal wirklich alles verändert. Charakteristisch ist auch ein Gefühl, das sich nicht an objektiven Zahlen orientiert: Man hat nie genug, unabhängig vom tatsächlichen Kontostand. Dazu kommt eine Stimmung, die auffällig eng am Depotstand hängt: Ein guter Tag an der Börse wird zum guten Tag insgesamt, ein roter Tag entsprechend zum schlechten. Wer diesem Muster folgt, gerät laut Klontz überdurchschnittlich oft in Verschuldung, weil Geld hier nicht als Mittel, sondern als Ziel an sich verstanden wird.

Geldstatus: Wenn das Depot zur Bühne wird

Geldstatus koppelt den eigenen Selbstwert an die Außenwirkung der eigenen Geldanlagen. Es geht weniger um das Geld selbst als um das, was es angeblich über einen aussagt. Wer diesem Muster folgt, steigt eher in eine Aktie oder Kryptowährung ein, weil gerade alle darüber reden, nicht weil die eigene Analyse dafürspricht. Gewinne werden gerne erzählt, am besten beiläufig, aber mit Nachdruck; Verluste dagegen verschwinden aus der Erzählung, manchmal fast aus der eigenen Erinnerung. Entscheidungen fallen dann nicht mehr entlang der eigenen Strategie, sondern entlang dessen, was sich beim nächsten Abendessen gut erzählen lässt. Wie bei der Geldanbetung ist auch dieses Muster laut Klontz eng mit erhöhtem Verschuldungsrisiko verknüpft: Beide Gruppen behandeln Geld letztlich als Schlüssel zu etwas, das es strukturell nicht liefern kann.

Geldwachsamkeit: Die Kontrolle, die auch belasten kann

Geldwachsamkeit geht von der Überzeugung aus, Geld müsse ständig im Blick behalten und möglichst nicht offen besprochen werden. Am auffälligsten ist das mehrmals tägliche Checken der Banking- oder Depot-App, nicht aus Interesse, sondern aus einer Art Pflichtgefühl. Dazu kommt eine Sparsamkeit, die bleibt, selbst wenn sie objektiv längst nicht mehr nötig wäre, sowie die Neigung, Verluste zu verschweigen, auch gegenüber der eigenen Partnerin oder dem eigenen Partner. Interessant an diesem vierten Muster: Es ist das einzige der vier, das Klontz in seiner Forschung nicht eindeutig negativ bewertet. Menschen mit hoher Geldwachsamkeit verschulden sich seltener und zahlen ihre Kreditkartenrechnung eher vollständig und pünktlich, kurz: Sie kommen finanziell oft am besten durch. Der Preis dafür ist eine ständige Anspannung, die es schwer macht, sich am eigenen Wohlstand tatsächlich zu freuen. Klontz selbst bringt es so auf den Punkt: Etwas Wachsamkeit beim Geld sei vermutlich gut fürs Ergebnis. Nur eben nicht umsonst zu haben.

Warum das die Rendite betrifft

Diese Muster sind mehr als psychologische Spielerei. Sie wirken sich unmittelbar auf das Anlageverhalten aus, und damit am Ende auch auf die Rendite. Wer aus Geldvermeidung investierbares Kapital lieber unverzinst liegen lässt, verliert real durch die Inflation, Jahr für Jahr, leise und fast unbemerkt. Wer aus Geldanbetung ständig nachlegt, tendiert zu Übertrading und häufigeren, teureren Transaktionen. Studien zum Anlegerverhalten zeigen seit Jahren, dass gerade die aktivsten Trader im Schnitt die schwächsten Ergebnisse erzielen. Wer aus Geldstatus in Trends einsteigt, weil „alle“ dabei sind, kauft überdurchschnittlich häufig nahe am Höchststand: Der Moment, in dem eine Anlage gesellschaftsfähig wird, ist oft schon der Moment, in dem das meiste Potenzial gehoben ist. Und wer aus Geldwachsamkeit übermäßig vorsichtig bleibt oder Entscheidungen partout nicht delegieren kann, verpasst häufig genau das, was am Ende die meiste Rendite bringt: den Zinseszinseffekt einer langfristig durchgehaltenen, simplen Strategie.

Keines dieser Muster ist ein Charakterfehler. Es sind erlernte Reaktionsmuster, die einmal (in der Kindheit, in einer bestimmten Familiensituation) absolut sinnvoll waren und die im Depot von heute schlicht nicht mehr passen. Das zu wissen, macht die Veränderung trotzdem nicht leicht. Klontz vergleicht es in seiner Forschung mit einem drastischen, aber treffenden Bild: Die meisten Menschen gingen mit einer notwendigen finanziellen Verhaltensänderung genauso um wie mit einer Lebensstiländerung nach einer Herzoperation: Nur etwa zehn Prozent halten die gesünderen Gewohnheiten auch zwei Jahre später noch durch. Geld-Skripte sitzen offenbar ähnlich tief wie Gewohnheiten, die über Jahrzehnte eingeübt wurden.

Der Selbsttest

Ein erster Schritt ist simpel, aber nicht immer angenehm: das eigene Muster überhaupt erkennen, statt sich automatisch für rational zu halten. Die folgenden vier Fragen ersetzen keinen wissenschaftlichen Test, aber sie sind ein ehrlicher Anfang. Am besten liest man sie nicht nur, sondern beantwortet sie tatsächlich, und zwar spontan:

  • Geldvermeidung: Vermeide ich es, mit Freund:innen oder Familie über meine Ersparnisse zu sprechen?
  • Geldanbetung: Bestimmt der Blick aufs Depot öfter meine Laune, als mir lieb ist?
  • Geldstatus: Habe ich in den letzten 12 Monaten etwas gekauft, weil es gerade „alle“ hatten?
  • Geldwachsamkeit: Wie oft am Tag schaue ich in meine Banking- oder Depot-App, und wie fühle ich mich danach?

Was hilft

  • Das eigene Muster benennen, ohne es zu bewerten: Es ist erlernt, nicht angeboren, und lässt sich verändern, auch wenn das selten über Nacht gelingt
  • Anlageregeln vor der nächsten emotionalen Situation festlegen, nicht währenddessen: Ein Depot-Crash ist der denkbar schlechteste Moment, um zum ersten Mal über die eigene Risikotoleranz nachzudenken
  • Bei starken Gefühlsreaktionen aufs Depot bewusst eine Nacht vergehen lassen, bevor gehandelt wird: Die Kauf- oder Verkaufsorder läuft in den seltensten Fällen weg
  • Bei wiederkehrenden, belastenden Mustern (etwa der Geheimhaltung von Verlusten in der Partnerschaft) auch einen Blick auf die eigene Geldgeschichte werfen, notfalls mit professioneller Unterstützung: In den USA hat sich mit der Financial Therapy Association dafür bereits ein eigenes Berufsfeld etabliert, das Finanzberatung und psychologische Beratung verbindet

Die eigene Anlagestrategie fühlt sich rational an, ist es aber nur zum Teil. Darunter liegt eine viel früher gelegte Schicht aus Überzeugungen, die man sich nie bewusst ausgesucht hat, die aber trotzdem bei jeder Order mit am Bildschirm sitzt. Wer sein eigenes Geld-Skript kennt, trifft nicht automatisch bessere Entscheidungen, aber bewusstere. Und genau das ist am Ende, nüchtern betrachtet, oft ein größerer Renditehebel als die nächste heiße Einzelaktienidee. Die spannendere Frage ist vielleicht gar nicht, welche Aktie als Nächstes ins Depot soll. Sondern: Welches Skript hat eigentlich zuletzt für einen mitentschieden?

Quellen

  • Klontz, B., Britt, S. L., Mentzer, J. & Klontz, T.: „Money Beliefs and Financial Behaviors: Development of the Klontz Money Script Inventory“, Journal of Financial Therapy, Vol. 2, Issue 1, 2011
  • Financial Therapy Association: Forschungsüberblick zu Money Scripts und Finanzverhalten
  • Klontz, B.: „Four Money Scripts“, zitiert in: Psychology Today, 2011
  • CNBC: „To improve your finances, learn your ‘money script,’ psychologist says“, 2023

Autorenprofil:  Martina Lackner: Psychologist | Investor | Author | Investor Relations & Communications | Fundraising, www.martinalackner.com


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