EXKLUSIV

Volker Bohn: „Wir wünschen uns einen klaren, belastbaren Rahmen“

Lassen Sie uns auf die Produkte schauen – konkret auf Ihr bekanntestes, das künftig nicht mehr „GrüneRente“ heißen wird. Was wird sich daran ändern, was bleibt bestehen?

Bohn: Der Kern bleibt unverändert: klare Leitlinien für die Kapitalanlage. Wir haben – unabhängig von der GrüneRente – bereits heute umfassende Ausschlusskriterien für unser Sicherungsvermögen. Im Rahmen der GrüneRente sind die Ausschlusskriterien einerseits noch strenger und andererseits kommen Positivkriterien dazu. Beispielsweise sichern wir zu, dass die Sparbeiträge in entsprechender Höhe in Anlagen fließen, die besondere Kriterien erfüllen. Dazu gehören beispielsweise Investitionen in erneuerbare Energien, aber auch die Einhaltung sozialer Standards. Ein weiteres Beispiel ist Mikrofinanz – also Anlagen mit sozialer Rendite, die insbesondere Familien und Frauen in Entwicklungs- und Schwellenländern wirtschaftliche Perspektiven eröffnen. Diese Grundsätze und Zusicherungen bleiben bestehen. Was sich ändert, ist die Kommunikation: Der Name „GrüneRente“ wird geändert und auch die bisherige INAF-Überprüfung können wir so nicht mehr kommunikativ nutzen.

Welche weiteren Anpassungen erwarten Sie in anderen Produktbereichen durch die Nachhaltigkeitsregulierung?

Bohn: Kurzfristig zunächst keine grundlegenden. Mittelfristig wird es aber spannend: Die EIOPA hat im vergangenen Jahr die Weiterentwicklung der Offenlegungsverordnung angestoßen – Stichwort „SFDR 2.0“. Dabei geht es darum, Anlageprodukte stärker nach ihrer tatsächlichen Nachhaltigkeitswirkung zu klassifizieren. Aktuell sprechen wir von Artikel-8- und Artikel-9-Produkten – vereinfacht gesagt „hellgrün“ und „dunkelgrün“. Künftig wird diskutiert, diese Kategorien durch neue, verständlichere Nachhaltigkeitscluster zu ersetzen. Das wird voraussichtlich nicht vor 2028 kommen, könnte dann aber Anpassungen bei nachhaltigkeitsorientierten Produkten nach sich ziehen – sowohl bei Versicherern als auch bei Kapitalanlagegesellschaften. Das ist ein Thema, das bereits am Horizont sichtbar ist.

Das hätte ja auch wieder Auswirkungen auf die Kommunikation. Viele Begriffe haben sich bereits etabliert – wenn sich das regulatorisch erneut ändert, betrifft das auch Kundenansprache und Vertrieb. Ist das eher positiv oder negativ?

Bohn: Das hängt stark von der Ausgestaltung ab. Grundsätzlich begrüßen wir die Überarbeitung, weil die heutigen Kategorien oft nicht sprechend genug sind und in Kombination mit der Taxonomieverordnung teilweise auch widersprüchlich wirken. Wir brauchen einen klaren, praxistauglichen Rahmen. Wenn das gelingt, können die daraus resultierenden Veränderungen durchaus positiv sein. Entscheidend ist, dass am Ende Lösungen stehen, die verständlich und in der Praxis gut umsetzbar sind.

Ein zentrales Ziel der ESG-Regulierung ist ja, Kapital in nachhaltige Investitionen zu lenken. Funktioniert diese Lenkungswirkung aktuell?

Bohn: Ja, das tut sie – und zwar sehr gut. Wenn man auf die Sicherungsvermögen schaut, sieht man klare Effekte. Denn wir Versicherer richten unsere Kapitalanlagen entsprechend aus. Jährlich werden rund 300 Milliarden Euro an Kundengeldern neu investiert. Ein Blick in den Nachhaltigkeitsbericht des GDV zeigt das auch anhand konkreter Zahlen: 2024 lag der CO₂-Ausstoß pro eine Million Euro Anlagevolumen bei etwa 47 Tonnen. Hochgerechnet auf das Gesamtvolumen ergibt sich natürlich ein erheblicher Fußabdruck – aber eben auch ein klarer Hebel zur Veränderung. Denn gleichzeitig investieren Versicherer zunehmend in erneuerbare Energien. Allein 2024 haben Anlagen, in die Versicherer investiert haben, rund 23,9 Milliarden Kilowattstunden Strom erzeugt – das entspricht etwa einem Sechstel des Strombedarfs deutscher Haushalte. Daran sieht man: Die Lenkungswirkung im Kapitalanlagebereich ist beachtlich. Wenn wir auf die Beratung schauen, ist das Bild etwas differenzierter. Je komplexer es wird, Nachhaltigkeit in den Beratungsprozess zu integrieren, desto schwieriger wird es, diese Lenkungsfunktion voll auszuschöpfen. Heißt umgekehrt: Wenn wir es schaffen, das Thema in der Beratung einfacher und verständlicher zu machen, dann wird auch für Kundinnen und Kunden klarer, dass sie zwei Dinge gleichzeitig erreichen können – ihre Altersvorsorge sichern und einen Beitrag zur Transformation leisten. Und dann kann dieser Effekt noch deutlich stärker werden.

Sie haben es eben schon angesprochen: Die Versicherungswirtschaft spielt eine wichtige Rolle bei der Transformation, auch als Finanzierer. Aktuell habe ich den Eindruck, dass die Bundesregierung nicht ganz klar weiß, wohin die Reise geht – ich denke da etwa an Bundeswirtschaftsminister Reiche. Ist das für Sie eher ein Hemmschuh oder läuft das Thema trotzdem weiter?

Bohn: Gerade in der betrieblichen Altersversorgung sehen wir, dass Nachhaltigkeit weiterhin eine große Rolle spielt. Vermittler, die darauf fokussiert sind, bringen das Thema sehr aktiv in die Beratung ein. Und dort, wo Kundinnen und Kunden diese Lenkungsmöglichkeiten verstehen, entsteht auch Nachfrage. Wir haben über die öffentliche Aufmerksamkeit gesprochen – und auch darüber, dass es zuletzt ein gewisses „Durchatmen“ gab, etwa bei den Berichtspflichten. In klar nachhaltigkeitsorientierten Zielgruppen ist das Thema aber weiterhin voll intakt. Was aktuell fehlt, ist ein breiter öffentlicher Impuls, um noch mehr Menschen dafür zu gewinnen. Ob das politisch ein Hemmschuh ist? Förderlich ist es sicher nicht. Aber ich würde die aktuelle Lage auch nicht als stark bremsend einordnen. Nachhaltigkeit ist letztlich auch eine Frage der Überzeugung – und die ist nicht nur von Konjunktur oder politischen Zyklen abhängig.

Ich würde gern noch einmal auf Altersvorsorgereform und ESG zurückkommen. Viele Vermittler empfinden das Thema als komplex und schwer vermittelbar. Wird die Situation durch die Reform eher einfacher – oder droht zusätzliche Überforderung?

Bohn: Aus meiner Sicht weder noch. Wir hatten schon immer verschiedene Wege der Altersvorsorge, die in der Beratung zusammengeführt werden mussten. Nachhaltigkeit ist dabei ein weiterer Aspekt – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Das wird sich durch die Reform nicht grundlegend ändern.

Wenn man das alles zusammennimmt, worüber wir in gesprochen haben – komplexere ESG-Vorgaben aus Brüssel, strenge Aufsicht, gleichzeitig die geplante Vereinfachung der Altersvorsorge und eine eher verhaltene Nachfrage im Markt: Droht die nachhaltige Altersvorsorge zwischen Regulierung, Reform und Vertriebsrealität zerrieben zu werden? Oder sehen Sie einen Weg, dieses Spannungsfeld aufzulösen?

Bohn: Dieses Regelungsdickicht ist definitiv ein Problem. Die Vielzahl an Gesetzen, ihre Auslegung und die inhaltliche Komplexität – das ist schwer handhabbar und muss einfacher werden. Für uns als Anbieter ist es zunehmend schwierig, rechtssicher zu kommunizieren. Und für Kundinnen und Kunden ist es noch schwerer, zu verstehen. Gerade wir, die seit 2013 mit der GrüneRente unterwegs sind, hoffen, dass Regelungen sinnvoll weiterentwickelt werden – und dass Dinge, die keinen echten Mehrwert bringen, auch wieder zurückgenommen werden. Das ist möglich.

Was sollte konkret zurückgenommen werden – und was macht aus Ihrer Sicht Sinn?

Bohn: Sinnvoll ist alles, was Vergleichbarkeit schafft – also klare Produktkategorien, die nachvollziehbar und sauber abgegrenzt sind. Was hingegen problematisch ist, sind widersprüchliche Vorgaben, etwa bei der Abfrage von Nachhaltigkeitspräferenzen. Diese Und-Oder-Logiken sind in der Praxis kaum vermittelbar. Eine Präferenz sollte natürlich abgefragt werden. Aber sie muss in einfache, verständliche Produktcluster überführt werden. Das begrüßen wir ausdrücklich. Ebenso den Verbraucherschutz, der irreführende Aussagen verhindern soll. Wichtig ist mir aber auch, das möchte ich klar sagen: Wir haben der GrüneRente nie etwas zugeschrieben, was wir nicht belegen konnten. Was man hinterfragen muss, ist die zunehmende Detailtiefe – etwa bei der Nachhaltigkeitsberichterstattung. Das ist teilweise so kleinteilig geworden, dass sich die Frage stellt, für wen diese Informationen überhaupt noch gedacht sind. Für Verbraucher oder Investoren wird es irgendwann schlicht zu komplex und teils widersprüchlich.

Wie könnte es konkret einfacher aussehen? Was wünschen Sie sich von der Politik, damit es im Vertrieb handhabbar und für Verbraucher verständlich bleibt?

Bohn: Wir wünschen uns einen klaren, belastbaren Rahmen. Und Regelungen, die aus Kundensicht relevant sind und transparent nachvollzogen werden können. Das gelingt dann, wenn klar ist: Wohin wird investiert, nach welchen Grundsätzen wird investiert – und wird die Einhaltung dieser Grundsätze auch überprüft? Wenn diese Punkte sauber geregelt sind, ist schon viel gewonnen.

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