Mit dem Altersvorsorgedepot steht die größte Reform der staatlich geförderten privaten Altersvorsorge seit Einführung der Riester-Rente bevor. Die politischen Weichen sind gestellt, die Diskussionen in der Branche laufen auf Hochtouren und viele Marktteilnehmer richten ihren Blick bereits auf die neue Produktwelt. Die eigentliche Herausforderung liegt jedoch nicht im Neugeschäft, sondern bei den Millionen Menschen, die bereits heute einen Riester-Vertrag besitzen. Genau hier beginnt der neue Beratungsauftrag.
Die eigentliche Herausforderung liegt im Bestand
Erstmals seit Einführung der Riester-Rente entsteht für Millionen Sparer die konkrete Frage, ob ihr bestehender Vertrag noch die richtige Lösung ist oder ob ein Wechsel in die neue Förderwelt sinnvoll sein könnte. Die Antwort fällt höchst unterschiedlich aus. Was für den einen Kunden sinnvoll ist, kann für den anderen erhebliche Nachteile bedeuten. Die Diskussion wird häufig von Renditechancen und Kapitalmarktperspektiven geprägt. Dadurch entsteht schnell der Eindruck, das AV-Depot sei automatisch die bessere Lösung.
Altersvorsorge ist jedoch eine Entscheidung für Jahrzehnte. Garantien, lebenslange Renten und Langlebigkeitsrisiken werden dabei oft unterschätzt. Dabei darf nicht unterschätzt werden, dass viele Verbraucher erstmals mit einer völlig neuen Produktwelt konfrontiert werden. Wenn künftig Investmentanbieter mit einfachen Botschaften rund um höhere Renditechancen werben, werden viele Kunden ihre bestehenden Verträge automatisch hinterfragen.
Das Problem: Die tatsächlichen Auswirkungen einer Wechselentscheidung sind häufig deutlich komplexer als die Produktdarstellung vermuten lässt. Förderhistorien, Garantien, Restlaufzeiten oder Familienkonstellationen spielen eine wichtige Rolle, werden von Verbrauchern aber oft nicht vollständig berücksichtigt. Die Gefahr besteht deshalb nicht darin, dass Kunden wechseln. Die Gefahr besteht darin, dass sie zum falschen Zeitpunkt, in das falsche Produkt oder zu unerfahrenen Anbietern wechseln. Gerade deshalb wird Beratung künftig wichtiger und nicht weniger wichtig.
Nicht jeder Riester-Kunde profitiert vom AV-Depot
Die neuen Förderregeln machen deutlich, dass pauschale Empfehlungen künftig kaum möglich sein werden. Während die Riester-Förderung bislang stark vom Vorjahreseinkommen geprägt war, orientiert sich das neue Fördersystem deutlich stärker am tatsächlich geleisteten Eigenbeitrag.
Die Berechnungen von Morgen & Morgen zeigen eine große Bandbreite an Ergebnissen. Ein Beispiel: Eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern profitiert im bestehenden Riester-System deutlich stärker; ein Wechsel wäre erst ab 2044 sinnvoll. Für einen 30-jährigen Single mit höherem Einkommen ist dagegen bereits direkt ab 2027 das AV-Depot attraktiver.
Es gibt aber auch Konstellationen, in denen ein Wechsel selbst langfristig kaum Vorteile bringt. Ein 58-jähriger Riester-Sparer mit nur noch wenigen Jahren bis zum Rentenbeginn, einem seit vielen Jahren bestehenden Vertrag und bereits aufgebauten Garantiewerten profitiert häufig stärker von Stabilität und Planungssicherheit als von zusätzlichen Renditechancen. In solchen Fällen kann die beste Empfehlung sein, den bestehenden Vertrag unverändert oder nur mit geänderter Fördersystematik fortzuführen. Dieselbe Reform – drei völlig unterschiedliche Empfehlungen. Genau daraus entsteht der neue Beratungsbedarf.
Die wichtigste Frage lautet nicht nur „ob“, sondern „wann“
Besonders interessant ist dabei ein Aspekt, der in der öffentlichen Diskussion bislang kaum Beachtung findet. Häufig geht es nicht um die Frage, ob ein Wechsel sinnvoll ist. Viel entscheidender ist die Frage, wann er sinnvoll ist. Es gibt zahlreiche Konstellationen, in denen weder ein langfristiger Verbleib noch ein sofortiger Wechsel optimal sind. Stattdessen entsteht der wirtschaftlich beste Wechselzeitpunkt sehr individuell. Beispielsweise dann, wenn Kinder aus der Förderung herausfallen oder sich die Förderstruktur verändert.
So kann eine Familie mit drei Kindern zunächst von vergleichbaren Fördervorteilen profitieren. Mit zunehmendem Alter der Kinder verschiebt sich die Vorteilhaftigkeit jedoch zugunsten des AV-Depots, sodass ein späterer Wechsel die optimale Strategie darstellen kann. Aus Beratungssicht entsteht dadurch eine völlig neue Aufgabe. Künftig wird nicht nur ein Produkt empfohlen werden. Vielmehr müssen Wechselstrategien entwickelt werden.
Versicherer können ihre eigentlichen Stärken ausspielen
Gerade hier können Versicherer ihre Stärken ausspielen: die langfristige Begleitung von Kunden, die Einordnung von Garantien und die Absicherung von Langlebigkeitsrisiken. Denn die neue Produktwelt macht deutlich, dass ein Auszahlplan nicht automatisch eine lebenslange Versorgung sicherstellt. Die lebenslange Rentenzahlung bleibt deshalb auch künftig ein zentraler Mehrwert der Versicherungswirtschaft. Gerade im Wettbewerb mit kapitalmarktorientierten Lösungen können Versicherer damit einen Mehrwert bieten, der weit über die reine Ansparphase hinausgeht. Denn während Renditeerwartungen häufig im Mittelpunkt stehen, rücken Fragen der Versorgungssicherheit oft erst kurz vor Rentenbeginn in den Fokus.
Versicherer können hier ihre Erfahrung in der langfristigen Begleitung von Kunden ausspielen und dabei helfen, Chancen und Risiken ausgewogen zu bewerten. Die Reform bringt deshalb nicht nur neue Wettbewerber hervor, sondern bietet auch die Chance, die eigene Rolle als lebenslanger Vorsorgepartner neu zu positionieren.
Neue Komplexität braucht neue Werkzeuge
Wenn die Reform eines zeigt, dann dies: Die Zukunft der geförderten Altersvorsorge wird deutlich individueller. Für Vermittler und Versicherer bedeutet das, Antworten auf neue Fragestellungen bereitzuhalten. Ein reiner Produktvergleich wird künftig nicht mehr ausreichen. Berater müssen verstehen, wie sich Förderungen über Jahrzehnte entwickeln, wann ein Wechsel wirtschaftlich sinnvoll wird und welche Auswirkungen unterschiedliche Lebenssituationen auf die staatliche Unterstützung haben.
Mit dem Fördervergleich stellt Morgen & Morgen bereits heute für Vermittler und Endkunden ein Werkzeug bereit, das die bisherige Riester-Förderung und die neue Fördersystematik des Altersvorsorgedepots transparent gegenüberstellt und individuelle Wechselstrategien analysiert. Dabei geht es bewusst nicht nur um die Frage „Was ist heute besser?“, sondern um die wesentlich wichtigere Frage: Welche Strategie führt über die gesamte Laufzeit zur optimalen Förderung? Der Fördervergleich macht Förderansprüche, Zulagen, steuerliche Effekte und potenzielle Wechselzeitpunkte sichtbar und schafft damit eine belastbare Grundlage für individuelle Empfehlungen. Genau an diesem Punkt stößt eine klassische Förderbetrachtung jedoch an ihre Grenzen. Denn mit dem AV-Depot gewinnen Kapitalmarktrisiken und Renditewahrscheinlichkeiten deutlich an Bedeutung.
Deshalb verbindet Morgen & Morgen den Fördervergleich zukünftig mit seinen bereits bewährten stochastischen Simulationen. Dadurch lassen sich unterschiedliche Produktvarianten hinsichtlich ihrer möglichen Kapitalentwicklung, ihrer Risikostruktur und ihrer Ergebnisbandbreiten analysieren. Erst die Kombination aus Förderung, Garantie, Risiko und Renditechance ermöglicht eine wirklich fundierte Entscheidung zwischen Riester und den verschiedenen AV-Depot- und Garantieprodukten.
Die Zukunft entscheidet sich nicht im Produkt, sondern in der Beratung
Das Altersvorsorgedepot wird die geförderte Altersvorsorge nachhaltig verändern. Die entscheidende Frage lautet künftig jedoch nicht, welches Produkt die höchste Rendite verspricht, sondern welche Lösung langfristig zum Kunden passt und zu welchem Zeitpunkt. Die eigentliche Herausforderung der Reform liegt deshalb nicht im Produkt, sondern in der Beratung. Genau darin liegt die Chance für Versicherer und Vermittler. Denn sie verfügen über die Kompetenz, Kunden durch die neue Förderwelt zu begleiten und aus einer Produktentscheidung eine fundierte Vorsorgestrategie zu machen.
Weiterführende Informationen zum M&M Fördervergleich: https://morgenundmorgen.com/software/mm-foerdervergleich/
Autor Benjamin Brummer ist stellv. Bereichsleiter Mathematik bei Morgen & Morgen















