Frau vom Bruck, die Bundesregierung plant eine grundlegende Reform der privaten Altersvorsorge. Wie ordnen Sie die aktuellen Vorschläge ein?
vom Bruck: Aus meiner Sicht hat die Bundesregierung am bestehenden System eher herumgedoktert. Es gibt zwar Verbesserungen, aber ich hätte mir einen größeren Wurf gewünscht. Altersvorsorge ist in Deutschland nach wie vor ein großes Thema mit erheblichem Reformbedarf. Positiv sehe ich vor allem die höhere Transparenz und das vereinfachte Fördersystem. Gerade die Förderung war durch die Einkommensabhängigkeit bei Riester extrem kompliziert. Viele Kundinnen und Kunden mussten ständig prüfen, ob sie überhaupt noch die volle Förderung erhalten. Das war aufwendig und fehleranfällig. Mit der proportionalen Förderung wird das nun deutlich einfacher. Ebenfalls positiv finde ich, dass künftig auf hohe Garantien verzichtet werden kann. Garantien bis zu 100 Prozent bleiben zwar möglich, aber gerade bei langen Laufzeiten kosten sie viel Rendite. Und Rendite ist nun einmal entscheidend für erfolgreichen Vermögensaufbau und eine auskömmliche Altersvorsorge. Trotzdem bleibt bei mir der Eindruck, dass man sich nicht an eine wirklich grundlegende Modernisierung herangetraut hat.
Die Riester-Rente steht seit Jahren in der Kritik und soll nun reformiert werden. Der Name soll verschwinden. Wo sehen Sie die größten Schwächen des bisherigen Systems? Und hätte man den Namen nicht behalten können?
vom Bruck: Ich glaube, dass der neue Name bewusst gewählt wurde. „Riester“ hat in den vergangenen Jahren einen schlechten Ruf bekommen – teilweise berechtigt, teilweise sicher auch überzogen. Politisch möchte man offenbar einen Neustart schaffen und das alte Image hinter sich lassen. Deshalb spricht man jetzt lieber vom Altersvorsorge-Depot oder von der pAV-Reform. Das kann ich nachvollziehen. Die größten Schwächen lagen eindeutig in der Komplexität des Systems. Kundinnen und Kunden mussten regelmäßig überprüfen, wie viel sie einzahlen müssen, um die volle Förderung zu erhalten. Gerade Menschen mit wechselndem Einkommen – etwa im Schichtdienst – hatten damit ständig zu tun. Das hat Kunden belastet und bei Versicherern enorme Verwaltungsaufwände verursacht. Bei uns melden sich jedes Jahr rund zehn Prozent der Kundinnen und Kunden mit Fragen zu ihren Riester-Verträgen. Das zeigt, wie erklärungsbedürftig das Produkt war. Hinzu kommt das Thema Beitragsgarantie. Als Riester eingeführt wurde, war das Zinsniveau deutlich höher. Damals funktionierten hohe Garantien noch gut. Im heutigen Kapitalmarktumfeld funktioniert das so nicht mehr. Garantien kosten Rendite – und das fällt bei langen Laufzeiten besonders stark ins Gewicht. Gleichzeitig fehlte es Riester an Flexibilität. Genau diese Flexibilität erwarten Kundinnen und Kunden heute aber zunehmend von Vorsorgeprodukten.
Stichwort Flexibilität: Beim geplanten Altersvorsorge-Depot liegt der Fokus klar auf kapitalmarktorientierten Lösungen. Welche Chancen und Herausforderungen sehen Sie dabei?
vom Bruck: Die größte Chance liegt eindeutig in den Renditemöglichkeiten. Gerade in der Altersvorsorge sprechen wir über sehr lange Laufzeiten von 20 oder 30 Jahren. In solchen Zeiträumen ist es sinnvoll, stärker auf Kapitalmarktanlagen zu setzen und auf hohe Garantien zu verzichten. Nur so lassen sich langfristig attraktive Renditen erzielen. Das Problem ist allerdings: Nicht jede Kundin oder Kunde verfügt über ausreichend Finanzbildung, um solche Produkte richtig einordnen zu können. Viele Menschen beschäftigen sich nur sehr oberflächlich mit Kapitalmarktprodukten oder lassen sich von kurzfristigen Trends und Werbung beeinflussen. Das Risiko besteht, dass Entscheidungen getroffen werden, die langfristig nicht zur Lebenssituation passen. Selbst das geplante Standardprodukt enthält bereits Wahlmöglichkeiten. Sobald Kundinnen und Kunden davon abweichen, wird die Produktwelt schnell deutlich komplexer. Eine Garantie ist für viele Menschen relativ leicht verständlich: Man weiß, was am Ende mindestens herauskommt. Kapitalmarktorientierte Lösungen sind dagegen deutlich anspruchsvoller zu erklären und auch emotional schwieriger auszuhalten, etwa bei zwischenzeitlichen Kursschwankungen. Deshalb wird Beratung aus meiner Sicht weiterhin eine zentrale Rolle spielen. Gerade bei langfristiger Altersvorsorge darf man die Bedeutung von verständlicher Begleitung und Einordnung nicht unterschätzen.
Wie bewerten Sie das geplante Endalter 85?
vom Bruck: Extrem kritisch. Ehrlich gesagt halte ich das für den größten Fehler der gesamten Reform. Wenn jemand mit 67 Jahren in Rente geht, liegt die Wahrscheinlichkeit bei etwa 50 Prozent, dass diese Person älter als 85 Jahre wird. Das bedeutet im Umkehrschluss: Für die Hälfte der Menschen reicht die Vorsorge rechnerisch gar nicht bis ans Lebensende. Und wer das 85. Lebensjahr erreicht, lebt im Schnitt noch sechs bis sieben Jahre. Genau diese Lebensphase ist aber oft besonders kostenintensiv. Dann entstehen Ausgaben für Pflege, Medikamente, medizinische Unterstützung oder andere Hilfsmittel. Das Leben wird im hohen Alter keineswegs günstiger. Wenn der Staat mit Steuergeldern eine geförderte Altersvorsorge schafft, sollte diese aus meiner Sicht auch ihren eigentlichen Zweck erfüllen: eine lebenslange finanzielle Absicherung. Genau das sehe ich mit einem Endalter von 85 Jahren nicht gewährleistet – insbesondere dann nicht, wenn lediglich ein Auszahlungsplan vorgesehen ist.
Viele Versicherer kritisieren diesen Punkt ähnlich deutlich. Warum hält der Gesetzgeber dennoch daran fest?
vom Bruck: Ich glaube, dahinter stehen mehrere Gründe. Zum einen wollte die Politik den Wettbewerb erweitern und den Markt stärker für Fondsanbieter und Banken öffnen. Grundsätzlich ist das nachvollziehbar. Mehr Wettbewerb kann zu besseren Produkten und günstigeren Angeboten führen. Allerdings funktioniert das vor allem dann, wenn man auf die lebenslange Rentenzahlung verzichtet. Man hätte durchaus Kombinationsmodelle schaffen können – also beispielsweise eine kapitalmarktorientierte Ansparphase mit einer anschließenden lebenslangen Verrentung. Das wäre aus meiner Sicht ein sinnvoller Mittelweg gewesen. Zum anderen spielt natürlich immer auch Lobbyarbeit eine Rolle. Fondsanbieter und Banken waren bei diesem Thema sicherlich sehr präsent und haben ihre Interessen entsprechend eingebracht.
Es soll auch ein standardisiertes Vorsorgeprodukt mit klaren Vorgaben geben. Wie wichtig ist diese Standardisierung – und wo braucht es weiterhin individuelle Lösungen?
vom Bruck: Ich glaube, wir müssen hier klar zwischen unterschiedlichen Kundengruppen unterscheiden. Es gibt Menschen, die sich ohnehin intensiv mit Finanzen beschäftigen, selbst informieren und eigenständig vorsorgen. Für diese Kundinnen und Kunden funktionieren schlanke, kostengünstige und digitale Produkte sehr gut. Dort stehen niedrige Kosten und hohe Renditechancen im Vordergrund. Auf der anderen Seite gibt es aber auch viele Menschen, die gar nicht genau wissen, wie ihre Altersvorsorge funktioniert, welchen Bedarf sie später haben oder welches Produkt überhaupt zu ihnen passt. Diese Kund*innen benötigen Beratung und Orientierung. Und genau hier sehe ich eine Herausforderung: Mit einem Kostendeckel von einem Prozent lässt sich hochwertige Beratung kaum darstellen. Dafür bleibt schlicht zu wenig wirtschaftlicher Spielraum. Wenn wir aber die Verbreitung privater Altersvorsorge wirklich erhöhen wollen, dürfen wir diese Kundengruppe nicht verlieren. Deshalb wird sich zeigen müssen, wie sich der Markt entwickelt. Möglich ist, dass sich sehr günstige Direkt- und Digitalprodukte durchsetzen. Möglich ist aber auch, dass es weiterhin Beratungsprodukte gibt, die etwas höhere Kosten haben, dafür aber individuelle Begleitung bieten. Man darf nämlich nicht vergessen: Beratung kostet zwar Geld, falsche Entscheidungen kosten am Ende oft deutlich mehr. Schon kleine Fehler bei der Fondsauswahl oder bei der langfristigen Strategie können später zehntausende Euro Unterschied bei der Ablaufleistung bedeuten. Deshalb kann es sich für viele Menschen lohnen, Geld für gute Beratung auszugeben. Entscheidend ist letztlich die finanzielle Vorbildung und das Sicherheitsbedürfnis des jeweiligen Kunden.
Sie sprachen eben das Thema Finanzbildung an. Die ist in Deutschland ja nicht besonders stark ausgeprägt – gerade bei einem Altersvorsorgeprodukt ist das doch ein zentrales Problem.
vom Bruck: Da gibt es für mich zwei Aspekte. Zum einen müssen wir als Branche besser darin werden, unsere Produkte verständlich zu erklären – und da schließe ich Versicherer, Banken und Fondsanbieter ausdrücklich mit ein. Wir müssen Komplexität reduzieren und die wesentlichen Punkte stärker in den Vordergrund stellen. Dann können auch Menschen mit weniger Finanzwissen besser einschätzen, welches Produkt zu ihnen passt.
Zum anderen finde ich es persönlich traurig – da spricht der Lebensversicherer in mir –, dass in Deutschland insgesamt so wenig für Finanzbildung getan wird. Gerade in Schulen müsste das Thema viel stärker verankert werden. Oft gibt es eine große Skepsis gegenüber Unternehmen, weil befürchtet wird, dass dort nur Werbung gemacht wird. Ich glaube aber, dass man sinnvolle Kooperationen schaffen könnte, ohne daraus eine Marketingveranstaltung zu machen. Denn am Ende ist das nicht nur im Interesse der Versicherungswirtschaft, sondern ein gesellschaftliches Thema: Menschen sollten in der Lage sein, eigenständig für ihr Alter vorzusorgen.
Sie sind zugleich Assetmanagerin – da schlagen also zwei Herzen in Ihrer Brust. Gedeckelte Kosten klingen für Verbraucher natürlich attraktiv. Welche Auswirkungen hat das auf Produktgestaltung, Beratung und Vertrieb?
vom Bruck: Massive Auswirkungen. Wenn die Kosten auf ein Prozent gedeckelt werden, muss dieses eine Prozent auf alle Beteiligten verteilt werden. Da bleibt für Beratung zwangsläufig weniger übrig. Gleichzeitig dürfen wir in der Lebensversicherung nicht mehr zillmern, also Abschlusskosten stärker am Anfang verrechnen. Im Grunde bleiben damit nur laufende Provisionen oder geringe Abschlagszahlungen. Hinzu kommt das Wechselrecht: Kundinnen und Kunden können relativ einfach wechseln, ohne dass ein klassischer Stornoabschlag anfällt. Es gibt lediglich eine Wechselgebühr von 150 Euro in den ersten fünf Jahren. Dadurch steigt für Anbieter das Risiko zusätzlich. Ich verstehe natürlich den politischen Gedanken dahinter: geringere Kosten bedeuten am Ende mehr Rendite. Aber ich glaube, das greift zu kurz. Gerade die Menschen, die nicht automatisch ein digitales Direktprodukt nutzen, brauchen Beratung. Und genau diese Gruppen laufen Gefahr, künftig außen vor zu bleiben.
Wie schätzen Sie die Zukunft der provisionsbasierten Beratung vor diesem Hintergrund ein? Sie sind ja Maklerversicherer, haben aber auch eine Ausschließlichkeitsorganisation – das sind also Ihre Partner.
vom Bruck: Absolut. Ich halte Provisionen weiterhin für richtig und sinnvoll. Ein Provisionsverbot wäre aus meiner Sicht problematisch, weil gerade Menschen mit geringeren Beiträgen davon profitieren. Provisionen wirken am Ende wie eine Art Querfinanzierung: Wer höhere Beiträge zahlt, zahlt absolut auch mehr Provision, während Kunden mit kleineren Beiträgen vergleichsweise entlastet werden. In anderen Ländern sieht man, dass Menschen mit geringem Vorsorgevolumen oft gar keine Beratung mehr erhalten. Dabei ist Beratung eine Dienstleistung, die bezahlt werden muss, wie andere Dienstleistungen auch. Niemand erwartet zum Beispiel zum Friseur zu gehen und dafür nichts zu zahlen. Deshalb braucht es ein Modell, das Beratung bezahlbar macht. Für viele Menschen ist es schlicht nicht realistisch, zu Beginn mehrere tausend Euro für eine Honorarberatung aufzubringen – vor allem mit dem Risiko, dass der Betrag auch dann anfällt, wenn am Ende kein Abschluss zustande kommt. Ich verstehe natürlich, dass die Politik hohe Provisionen kritisch sieht, weil sie Rendite kosten. Aber man muss realistisch bleiben: Gute Beratung hat ihren Preis – und sie schafft echten Mehrwert, wenn sie vernünftig gemacht wird.
Banken und digitale Plattformen treten nun ebenfalls in den Wettbewerb mit Versicherern ein, gerade im Vorsorgemarkt. Wie verändert das den Wettbewerb aus Ihrer Sicht? Das ist ja eigentlich ein Systembruch.
vom Bruck: Absolut. Mit der pAV-Reform wird der bisher weitgehend den Versicherern vorbehaltene Markt geöffnet. Banken und Fondsanbieter treten künftig als zusätzliche Wettbewerber in der privaten Altersvorsorge auf. Das bedeutet zwangsläufig mehr Konkurrenz. Aus Sicht der Versicherer wird der Markt dadurch vermutlich zunächst kleiner. Es wäre unrealistisch zu glauben, dass Banken und Fondsanbieter keine relevanten Marktanteile gewinnen. Die entscheidende Frage ist deshalb, ob es gelingt, den gesamten Markt zu vergrößern – also mehr Menschen überhaupt für private Altersvorsorge zu gewinnen. Dann könnten am Ende alle profitieren. Wenn das aber nicht gelingt, entsteht letztlich nur ein Verdrängungswettbewerb um bestehende Kund*innen. Dann würde der Wettbewerb deutlich härter und der Marktanteil der Versicherer kleiner. Genau das möchte die Politik eigentlich vermeiden. Ob die Reform tatsächlich neue Kundengruppen aktiviert – auch durch die mediale Aufmerksamkeit –, wird sich aber erst zeigen. Im Moment ist das noch ein Blick in die Glaskugel.
Ich weiß aus Gesprächen, dass es bei manchen Versicherern die Sorge gibt, im Wettbewerb deutlich an Relevanz einzubüßen. Wie positionieren Sie sich?
vom Bruck: Dass wir bedeutungslos werden, glaube ich nicht. Aber klar ist: Die Lebensversicherung befindet sich ohnehin in einem schwierigen Marktumfeld. Die laufenden Beiträge stagnieren seit Jahren weitgehend, das heißt: Wer wachsen will, muss anderen Marktanteile abnehmen. Der Wettbewerb ist also schon heute hoch – und durch die Reform wird er noch intensiver. Denn die Öffnung ist einseitig: Banken und Fondsanbieter drängen nun in den pAV-Markt, während sich für Versicherer kein vergleichbarer neuer Markt öffnet. Dadurch steigt der Wettbewerbsdruck nicht nur in der privaten Altersvorsorge, sondern wahrscheinlich auch in anderen Bereichen wie der betrieblichen Altersversorgung oder der Biometrie, weil Versicherer dort stärker nach Wachstum suchen werden. Für uns als BarmeniaGothaer – aber auch für die Branche insgesamt – wird entscheidend sein, den Markt tatsächlich zu vergrößern. Es darf nicht nur darum gehen, bestehende Kundinnen und Kunden neu zu verteilen. Die eigentliche Chance liegt darin, Menschen zu erreichen, die sich bislang kaum mit Altersvorsorge beschäftigt haben und durch die Reform vielleicht erstmals einen Zugang finden. Genau darauf wollen wir uns konzentrieren. Wir werden zum 1. Januar mit entsprechenden Produkten am Markt sein, auch wenn die konkrete Ausgestaltung noch nicht abschließend feststeht.
Bleiben wir bei der Rolle der Lebensversicherer in einem Umfeld, das zunehmend kostengetrieben und digital ist. Welche Rolle spielen Sie als Lebensversicherer künftig?
vom Bruck: Ich bin überzeugt, dass die Lebensversicherung weiterhin eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe hat. Gleichzeitig müssen wir selbstkritisch sagen: Die Branche war in vielen Bereichen nicht modern genug. Gerade digitale Anbieter haben uns bei Kundenzugängen teilweise den Rang abgelaufen. Wir haben weiterhin erheblichen Digitalisierungsdruck – etwa bei Bestandsführungssystemen oder der IT-Infrastruktur. Daran müssen wir arbeiten, wenn wir im Wettbewerb bestehen wollen. Gleichzeitig bin ich überzeugt, dass unsere Produkte nicht einfach ersetzt werden können. Altersvorsorge lässt sich nicht vollständig durch Fonds- oder Bankprodukte substituieren. Wir brauchen beides: kapitalmarktorientiertes Sparen und klassische Elemente der Altersvorsorge. Das darf kein Gegeneinander sein. Mehr Flexibilität, einfachere und standardisierte Produkte – all das wird wichtiger. Solche Produkte sind zwar leichter vergleichbar und erhöhen den Wettbewerbsdruck, aber sie machen es Kund*innen einfacher. Und genau das ist entscheidend. Wenn man sich erfolgreiche digitale Anbieter oder Neobroker anschaut, dann sieht man: Sie bieten sehr einfache Produkte und sehr einfache Zugänge. Genau darin liegt ihre Stärke. Unsere Herausforderung ist häufig weniger das Produkt selbst als vielmehr die Art, wie Kund*innen Zugang dazu bekommen. Oft fehlt es noch an konsequent kundenfreundlichen und digitalen Prozessen. Daran müssen wir intensiv arbeiten – wir als BarmeniaGothaer, aber auch die gesamte Branche. Nur dann können wir unserer gesellschaftlichen Verantwortung in der Altersvorsorge langfristig gerecht werden.
Vor diesem Hintergrund: Welche Bedeutung hat der unabhängige Vertrieb noch – die Berater, die Vermittler? Welche Rolle spielen Makler und Vermittler in einem digitalisierten, standardisierten Vorsorgemarkt?
vom Bruck: Die Rolle bleibt sehr wichtig – vielleicht wird sie sogar noch wichtiger. Denn am Ende geht es darum, zwischen digitalen und weniger digitalen Angeboten einzuordnen und Orientierung zu geben. Auch Online-Angebote oder ChatGPT schaffen noch lange keine vollständige Transparenz darüber, welches Produkt für wen wirklich geeignet ist und was jemand konkret für seine Altersvorsorge braucht. Natürlich gibt es Menschen, die sich gut selbst informieren können und die nötige Finanzbildung mitbringen. Aber viele brauchen Beratung, um langfristig gut aufgestellt zu sein. Gerade bei einem Altersvorsorgeprodukt, das über Jahrzehnte läuft, ist es problematisch, wenn man erst später merkt, dass eine Entscheidung falsch war. Deshalb ist es wichtig, früh die richtigen Weichen zu stellen. Hinzu kommt das Thema Vertrauen. Wer über viele Jahre Geld einzahlt, möchte sicher sein, dass die Entscheidung richtig ist. Diese Sicherheit bietet für viele Menschen ein rein digitaler Assistent nicht. Viele Menschen vertrauen digitalen Empfehlungen nicht in dem Maße, dass sie darauf allein eine so wichtige Lebensentscheidung stützen würden. Und wir dürfen nicht vergessen: Es gibt nach wie vor viele Menschen, die nicht vollständig digital unterwegs sind. Wir reden oft über junge Zielgruppen und digitale Angebote, aber viele Kund*innen möchten sich nicht alles selbst zusammensuchen oder dauerhaft online informieren. Für diese Menschen bleibt persönliche Beratung eine relevante Dienstleistung. Deshalb glaube ich, dass digitale Zugänge und persönliche Beratung noch lange parallel bestehen werden.
Stichwort Sicherheit: Wir reden viel über kapitalmarktorientierte Lösungen, gleichzeitig sind die Deutschen traditionell stark sicherheitsorientiert. Welche Bedeutung haben Garantien künftig – und für welche Kundengruppen bleiben sie wichtig?
vom Bruck: Ich würde Garantien und kapitalmarktorientierte Produkte gar nicht gegeneinanderstellen. Heute gibt es viele hybride Lösungen, die beides kombinieren: Garantien und gleichzeitig Investments in Fonds oder Indizes. Als Faustregel würde ich sagen: Wer nicht ohnehin fast ausschließlich in Aktienfonds investiert, für den können Garantien durchaus sinnvoll sein. Wer eine 80-prozentige Garantie wählt, kann häufig eine ähnliche Rendite erzielen wie mit einem klassischen Mischfonds – hat aber gleichzeitig eine echte Absicherung. Es gibt viele Kunden mit Sicherheitsbedürfnis, und das betrifft keineswegs nur ältere Menschen. Auch jüngere Kundinnen und Kunden wünschen sich oft eine gewisse Stabilität. Deshalb halte ich es für sinnvoll, die Basis der Altersvorsorge eher sicherheitsorientiert aufzubauen – etwa mit Garantieprodukten oder risikoärmeren Lösungen. Das Kapital darüber hinaus, das eher zusätzlichen Wohlstand oder mehr finanzielle Freiheit im Alter schaffen soll, kann dann durchaus risikoreicher investiert werden. Genau darin liegt aus meiner Sicht die Stärke einer Kombination aus Produkten mit und ohne Garantien. Für hohe Renditen braucht es kapitalmarktorientierte Lösungen. Aber Garantien bleiben für bestimmte Kundengruppen und Lebenssituationen weiterhin wichtig.
Was Sie gerade skizziert haben, kann ich als Kunde kaum selbst herausfiltern. Wir wissen beide, wie erklärungsbedürftig Fondsmodelle und Anlagestrategien sind. Wird Beratung dadurch noch wichtiger?
vom Bruck: Diese Entwicklung sehen wir eigentlich schon seit zehn Jahren – seitdem Hybridprodukte immer stärker geworden sind. Heute gibt es eine enorme Vielfalt: reine fondsgebundene Produkte, Hybridprodukte, eher klassische Garantieprodukte. Und selbst innerhalb der Fondswelt stellen sich viele Fragen: Reicht ein MSCI-ETF? Brauche ich aktive oder passive Fonds? Welche Strategie passt überhaupt zu mir? Die Vielfalt ist inzwischen so groß, dass Beratung immer wichtiger geworden ist. Wir bewegen uns in einem sehr komplexen Umfeld. Die Aufgabe der Anbieter ist es deshalb, deutlicher zu machen, welches Produkt für wen geeignet ist und damit eine gewisse Orientierung zu schaffen. Wenn es aber wirklich individuell werden soll, braucht man entweder viel eigenes Wissen oder einen guten Berater, der ein passendes Konzept zusammenstellt.
Lassen Sie uns auf die kommenden Jahre blicken: Wie sollte ein zukunftsfähiges System der Altersvorsorge idealerweise aussehen – und welche Rolle spielt die Lebensversicherung darin?
vom Bruck: Ich würde das nicht nur auf die private Altersvorsorge beschränken. Wir haben in allen drei Säulen Handlungsbedarf. Die gesetzliche Rente wird auf Dauer in ihrer heutigen Form nicht finanzierbar sein. Deshalb brauchen wir mehr Kapitaldeckung und langfristig auch stärkere private Elemente. Gleichzeitig müssen die betriebliche und die private Altersvorsorge deutlich gestärkt werden. Gerade bei der betrieblichen Altersvorsorge brauchen wir eine viel höhere Durchdringung. Ich finde beispielsweise das Schweizer Modell durchaus attraktiv: eine gesetzliche Rente, ein verpflichtender betrieblicher Teil mit Beteiligung von Arbeitgebern und Arbeitnehmern sowie ergänzend private Vorsorge. Entscheidend ist aus meiner Sicht das Zusammenspiel verschiedener Lösungen. Eine fondsgebundene Versicherung kann dabei sinnvoll sein, weil man innerhalb des Versicherungsmantels langfristig investieren kann, ohne bei jedem Fondswechsel direkt Steuern auszulösen. Das kann gut neben klassischen Direktinvestments stehen. Für mich ist das kein Entweder-oder, sondern eine Kombination verschiedener Bausteine.
Sie haben gerade die betriebliche Altersvorsorge angesprochen. Länder wie Schweden, die Niederlande oder Dänemark erreichen durch verpflichtende Systeme Durchdringungsquoten von 90 Prozent und mehr. Braucht es am Ende auch in Deutschland verpflichtende Elemente?
vom Bruck: Aus meiner Sicht ja. Ich glaube, wir kommen langfristig um einen verpflichtenden Teil nicht herum. Politisch tut man sich mit Verpflichtungen natürlich schwer. Vielleicht wäre ein Einstieg über ein Opt-out-Modell realistischer. Aber wenn wir wirklich nahezu alle Menschen erreichen wollen, wird es ohne Verpflichtung schwierig. Denn selbst bei Opt-out-Lösungen bleiben immer Menschen außen vor – sei es aus Desinteresse oder aus anderen Gründen. Gleichzeitig muss man sensibel betrachten, was zusätzliche Verpflichtungen wirtschaftlich bedeuten, gerade für Unternehmen in schwierigen Zeiten. Trotzdem glaube ich: Eine nachhaltige Reform der Altersvorsorge funktioniert nur, wenn alle ihren Beitrag leisten – der Staat, die Arbeitgeber und die Bürger*innen selbst. Es ist kein System, das dauerhaft allein aus einer Richtung finanziert werden kann. Deshalb halte ich verpflichtende Elemente grundsätzlich für richtig, auch wenn ich nicht glaube, dass die Politik diesen Schritt kurzfristig gehen wird.




