Fast 100 Milliarden Euro Beitragseinnahmen und ein Wachstum von 7,7 Prozent. Damit entwickelte sich die Schaden- und Unfallversicherungssparte stärker als die Versicherungswirtschaft insgesamt, deren Einnahmen über alle Bereiche hinweg um 6,6 Prozent auf 253,6 Milliarden Euro zunahmen. Doch das Wachstum täuscht über seine Ursachen hinweg.
„Die gesamte Branche wächst derzeit vor allem nominal“, sagt Dennis Wittkamp, Fachkoordinator Schaden-Unfallversicherung bei Assekurata. „Höhere Beiträge spiegeln in vielen Bereichen weniger eine Ausweitung des versicherten Bestands wider. Sie sind vielmehr vor allem eine Reaktion auf gestiegene Schaden- und Kostenrisiken“, so Wittkamp.
In der Sachversicherung trieben höhere Versicherungssummen und gestiegene Wiederherstellungskosten die Beiträge nach oben. In der Wohngebäudeversicherung wirkten neben Indexanpassungen auch Sanierungsmaßnahmen preistreibend. In gewerblichen und haftpflichtnahen Sparten bremste das schwache konjunkturelle Umfeld das reale Bestandswachstum spürbar.
Kfz-Versicherung dreht erstmals wieder ins Plus
Besonders ausgeprägt war die Beitragsdynamik in der Kraftfahrtversicherung: Die Prämien stiegen um 13,4 Prozent – der stärkste Zuwachs unter allen Zweigen. Nach mehreren verlustreichen Jahren erzielte die Sparte erstmals wieder ein positives versicherungstechnisches Ergebnis. „Die fühlbaren Prämienanpassungen waren angesichts der vorherigen Verluste und der hohen Schadeninflation notwendig“, erklärt Wittkamp. „Die Branche hat damit einen Teil der Kostensteigerungen nachgeholt, die sich in den Vorjahren insbesondere bei Ersatzteilen, Werkstattlöhnen und Fahrzeugtechnik aufgebaut hatten.“
Wittkamp warnt allerdings davor, diesen Erfolg überzubewerten: „Der Turnaround in der Kraftfahrtversicherung ist ein wichtiges Signal für den Markt. Er darf aber nicht als Freifahrtschein für eine schnelle Rückkehr in einen aggressiveren Preiswettbewerb missverstanden werden.“ Die kommende Wechselsaison sieht der Experte als ersten Belastungstest für die Marktdisziplin. Setzen einzelne Anbieter zu früh wieder auf Beitragsnachlässe, könnte der mühsam erreichte Ergebniseffekt schnell wieder verloren gehen. Entscheidend bleibe eine nachhaltige Kalkulation, die das hohe Kostenniveau realistisch abbildet, so Wittkamp.
Zusätzlich begünstigt wurde das Branchenergebnis durch eine vergleichsweise ruhige Naturgefahrensaison. In der Sachversicherung summierten sich die durch Naturgefahren verursachten Schäden auf rund 1,4 Milliarden Euro – davon rund eine Milliarde Euro auf Sturm und Hagel sowie rund 400 Millionen Euro auf weitere Elementargefahren wie Überschwemmung und Starkregen. In der Kraftfahrtversicherung lagen die Naturgefahrenschäden bei rund 650 Millionen Euro. 2024 hatte allein die Sachversicherung noch 4,4 Milliarden Euro an versicherten Naturgefahrenschäden verbucht.
Wohngebäudeversicherung bleibt strukturell belastet
„Aus Sicht der Versicherer verlief das Jahr 2025 glücklicherweise relativ ruhig“, erläutert Wittkamp. „Das bedeutet aber nicht, dass die Risiken gesunken sind.“ Die langfristigen Vergleichswerte zeigen, wie trügerisch ein einzelnes ruhiges Jahr ist: Seit Beginn der systematischen Erfassung im Jahr 2002 verursachen Elementarschäden ohne Sturm und Hagel im Durchschnitt rund zwei Milliarden Euro Schäden pro Jahr. Selbst ohne die Ahrtal-Katastrophe 2021 liegt der Schnitt noch bei rund 1,5 Milliarden Euro. Bis Ende des Jahrzehnts könnten die Schadenaufwendungen der Branche von derzeit knapp 70 Milliarden Euro auf 80 Milliarden Euro steigen, befürchtet Assekurata.
Unter Druck bleibt vor allem die Wohngebäudeversicherung. Hohe Baupreise, steigende Handwerkerkosten, alternde Gebäudebestände und strengere Anforderungen an Wiederherstellung und Sanierung belasten die Sparte strukturell. „Die Wohngebäudeversicherung ist nicht allein ein Naturgefahrenthema“, erklärt Wittkamp. „Auch Schäden durch Leitungswasser, Feuer und Sturm treffen heute auf ein deutlich höheres Kostenniveau als noch vor einigen Jahren.“ Hinzu komme: Nur rund 59 Prozent der Wohngebäude verfügten 2025 über eine Elementarschadenabsicherung. Eine erhebliche Versicherungslücke bleibe bestehen, konstatiert Wittkamp.
Die Diskussion um eine breitere Elementarschadenabdeckung gewinne dadurch weiter an Fahrt. Assekurata bewertet die Bewegung in der Debatte grundsätzlich positiv, mahnt aber zur Differenzierung. „Eine isolierte Pflichtversicherung löst das Problem nicht automatisch“, sagt Wittkamp. Entscheidend sei ein tragfähiges Gesamtkonzept aus risikogerechten Beiträgen, sozialer Flankierung, verbindlicher Prävention und einer klaren staatlichen Rolle bei Extremrisiken.
KI und Risikopuffer als strategische Stellschrauben
Prävention wird in diesem Zusammenhang zum zentralen Stabilitätsfaktor. „Jeder vermiedene oder reduzierte Schaden entlastet den Versicherungsnehmer und langfristig auch das Kollektiv“, sagt Wittkamp. Aus Sicht von Assekurata dürfte Prävention künftig stärker in Produkt- und Tarifkonzepte einfließen – von Rückstauklappen über wasserresistente Baustoffe bis zur klimaangepassten Nutzung exponierter Lagen.
Parallel dazu gewinnt die finanzielle Widerstandsfähigkeit der Versicherer an Bedeutung. In stark belasteten Zweigen wie der Kraftfahrt- und Wohngebäudeversicherung wurden die Schwankungsrückstellungen zuletzt marktweit deutlich beansprucht.
Mildes Schadenjahr hilft
„Das mildere Schadenjahr 2025 hilft der Branche, ersetzt aber nicht den langfristigen Wiederaufbau von Risikotragfähigkeit“, betont Wittkamp. Dr. Reiner Will, Geschäftsführender Gesellschafter der Assekurata, ergänzt: „Gerade angesichts zunehmender Naturgefahren und volatiler Schadenverläufe bleibt die Fähigkeit, Belastungsspitzen intern abzufedern, ein wesentliches Qualitätsmerkmal.“
Neben Prävention und Kapitalfragen beschäftigt die Branche zunehmend eine weitere Stellschraube: Künstliche Intelligenz. Konkret bedeutet das: Schadenmeldungen werden automatisch klassifiziert, Rechnungen und Gutachten maschinell geprüft, aufwendige Fälle gezielt priorisiert – während Sachbearbeiter sich auf das konzentrieren, was Algorithmen nicht können.
„Künstliche Intelligenz ist für Schaden-/Unfallversicherer kein Selbstzweck, sondern ein Instrument, um Prozesse schneller, konsistenter und effizienter zu machen“, erklärt Wittkamp. „Gerade bei hohen Schadenvolumina – etwa nach Unwettern – kann KI helfen, einfache Vorgänge schneller zu regulieren und knappe Fachkapazitäten gezielter einzusetzen.“ Will ergänzt die nötige Einschränkung: „KI kann Entscheidungen vorbereiten, Muster erkennen und Prozesse unterstützen – die fachliche Verantwortung bleibt aber beim Versicherer.“
Ausblick 2026: Wachstum mit Bremseffekt
Für 2026 erwartet Assekurata ein Beitragswachstum zwischen 3,5 Prozent und fünf Prozent und damit deutlich geringer als im starken Jahr 2025. Die strukturelle Schwäche der deutschen Wirtschaft bremst Investitionen, Konsum und Beschäftigung und damit mittelfristig auch die Versicherungsnachfrage. „Der Ausblick auf 2026 ist gedämpfter“, fasst Wittkamp zusammen. „Die Branche geht stabiler in das Jahr als noch vor zwölf Monaten. Gleichzeitig darf das aktuelle Beitragswachstum nicht mit dynamischem realem Wachstum verwechselt werden. Es ist in vielen Bereichen vor allem Ausdruck von Preis- und Summenanpassungen.“
„2025 hat der Branche Luft verschafft“, resümiert Wittkamp. Für eine nachhaltige Entspannung sei es aber zu früh. „Entscheidend wird sein, ob die Versicherer Preisdisziplin, Risikoselektion, Prävention und Kapitalstärkung in den kommenden Jahren konsequent miteinander verbinden“, so Wittkamp.
















