Der Mai brachte für Krypto-Interessierte und -Anleger Entwicklungen, die man durchaus als ambivalent bezeichnen könnte. Zwar blieben wesentliche Kursausbrüche bei Assets wie Bitcoin aus, zugleich aber setzten sich jene Entwicklungen fort, die wir als Teil der strukturellen Reifung von Krypto erachten – technologisch, aber auch gesamtwirtschaftlich. Das alles geschieht in einer wirtschaftlichen Phase, in der S&P 500 und der NASDAQ-100 neue Allzeithochs markierten – getrieben durch die Hoffnung auf eine Deeskalation in der Straße von Hormus und einen ungebrochenen KI-Investitionszyklus.
Makro-Narrativ und Marktstimmung
Die weltweiten Aktien- und Asset-Märkte standen im Mai unter dem Einfluss zweier dominierender Kräfte: der Unsicherheit bezüglich der globalen Ölversorgung durch die Ereignisse in der Straße von Hormus und der unaufhaltsamen Beschleunigung der Investitionen in KI-Infrastruktur. Trotz der anhaltenden Spannungen sorgte ein brüchiger Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran im April für erste Entspannungssignale. Die Erwartung, dass strategische Erdölreserven kurzfristige Energiedefizite ausgleichen könnten, drückte die Ölpreise um 10 Prozent von ihren monatlichen Höchstständen. Am Aktienmarkt wiederum war eine „Zweiteilung“ zu beobachten: Während klassische Sektoren eher seitwärts tendierten, stieg der Technologiesektor um über 15 Prozent, was die Gewinne dieses Sektors seit Jahresbeginn auf 30 Prozent ausbaute.
Bitcoin: Zwischen Widerstand und struktureller Stärke
Für Bitcoin war der Mai ein Monat der Verteidigung und des Durchbruchs. Die Marke von 75.000 US-Dollar fungierte als stabiler Anker, bevor Bitcoin den Widerstand bei 78.000 US-Dollar, der die Preisentwicklung seit Jahresbeginn begrenzte, entschlossen durchbrach und erstmals seit Februar wieder über 80.000 US-Dollar notierte.
Um diese Preisdynamik technisch einzuordnen, blicken wir nicht nur auf einfache gleitende Durchschnitte, sondern auf komplexere On-Chain-Metriken. Ein wesentlicher Indikator ist hier die Realized Price-to-Liveliness Ratio. Für jene, die ihr Portfolio-Management verfeinern wollen: Der Realized Price beschreibt den durchschnittlichen Einstandspreis aller Coins im Netzwerk. Die Liveliness hingegen misst, wie aktiv die langfristigen Halter (HODLer) ihre Bestände bewegen – also wie stark das Netzwerk im „HODL-Modus“ verharrt versus der Phase der Profitmitnahmen. Ein steigendes Verhältnis signalisiert oft eine Verteilungsphase, während ein niedrigeres Verhältnis auf eine Akkumulationsbasis hindeutet. Dass wir trotz der jüngsten Preisanstiege keine Überhitzung in diesem Metrik-Verhältnis sehen, spricht für eine gesunde fundamentale Basis des aktuellen Aufwärtstrends.
Hyperliquid: Der neue Standard im Derivatehandel
Über die reine Bitcoin-Entwicklung hinaus zeigt das Krypto-Ökosystem eine spannende Rotationsdynamik. Besonders Hyperliquid rückte dabei in den Fokus. Die dezentrale Handelsplattform entwickelt sich von einer ursprünglich auf Krypto-Perpetuals begrenzten Börse zu einer breiter aufgestellten Handelsinfrastruktur. Besonders ist, dass Ölpreis-Perpetuals viel schneller und 24/7 gehandelt werden können als auf traditionellen Börsen. Und nicht nur das: Hyperliquid erhielt seinen ersten ETF in den USA.
Der US-ETF-Start von Hyperliquid im Mai markierte einen historischen Meilenstein. Innerhalb der ersten elf Handelstage verzeichneten die beiden HYPE-ETFs Zuflüsse von insgesamt 104 Millionen US-Dollar. Im Verhältnis zur Marktkapitalisierung von Hyperliquid entspricht dies einer Absorption von fast 0,8 Prozent des gesamten Bestands in weniger als zwei Wochen – der erfolgreichste Start für einen Krypto-Spot-ETF dieser Größenordnung. Dies unterstreicht die wachsende Nachfrage nach Plattformen, die auf echten Umsätzen und einer starken Bindung der Token-Halter basieren.

Auch diese Entwicklung beweist das große Interesse an Hyperliquid, das man anhand seines ETF-Starts abmessen kann: Kein anderer Spot-ETF auf ein Krypto-Asset hat so schnell einen so großen Marktanteil erobert.
Ausblick auf den Juni: Bull- vs. Bear-Szenarien
Wie geht es nun für Krypto-Enthusiasten weiter? Für die kommenden Wochen zeichnen sich zwei Pfade ab. Im Bull-Szenario materialisiert sich ein formelles Friedensabkommen im Iran, was das primäre makroökonomische Belastungsszenario eliminiert und eine Normalisierung der Energiepreise ermöglicht. Wenn Bitcoin die Marke von 78.000 US-Dollar auf Wochenschlussbasis nachhaltig verteidigen kann, eröffnet dies den Weg in den Bereich von 82.000 bis 85.000 US-Dollar. Eine Etablierung über diesem Niveau wäre ein klares Signal für den Abschluss der Korrekturphase.
Das Bear-Szenario bleibt hingegen eine Eventualität mit niedrigerer Wahrscheinlichkeit: Sollten die Waffenstillstandsverhandlungen scheitern und der Konflikt an der Straße von Hormus eskalieren, könnte der Ölpreis über 120 US-Dollar steigen, was Rezessionsängste neu befeuern würde. Ein technisches Scheitern an der 78.000-US-Dollar-Marke, gepaart mit Angebotsdruck durch „unter Wasser“ liegende Halter, könnte Bitcoin über das zweite Quartal in einer Seitwärtsphase halten. Ein Bruch unter die kritische 75.000-US-Dollar-Marke würde zudem kurzfristiges Abwärtspotenzial in Richtung 65.000 bis 70.000 US-Dollar freigeben.
Autor Stephen Coltman ist Head of Macro beim Krypto-ETP-Emittenten 21shares.














