Das weltweite Angebot an Stablecoins dürfte sich bis 2030 auf das Fünf- bis Zwölffache erhöhen. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie „From Hype to Hard Value: Stablecoin and the Great Rewiring of Wholesale Banking“ der Unternehmensberatung Bain & Company. Demnach sind digitale Bargeldinstrumente dabei, die Architektur des Zahlungsverkehrs grundlegend zu verändern. Für Banken wird es damit zur strategischen Priorität, ihre Rolle in diesem Ökosystem neu zu definieren.
Walter Sinn, Chairman von Bain in Deutschland und Österreich, beschreibt den Wandel so: „Stablecoins und tokenisierte Einlagen wandeln sich rasant von überwiegend spekulativen Instrumenten hin zu tragenden Elementen der Finanzinfrastruktur – insbesondere als strategische Liquiditätsinstrumente für Banken. Für Institute stellt sich damit nicht mehr die Frage, ob Stablecoins relevant werden – sondern vielmehr, wo sie sich positionieren und wie schnell sie handeln sollten.“
Das Wholesale Banking steht vor diesem Hintergrund in einem grundlegenden Umbruch. Stablecoins, ursprünglich für den Krypto-Handel entwickelt, werden zunehmend zu einem strategischen Instrument für Banken und multinationale Unternehmen. Erste Institute setzen sie bereits gezielt im Devisenhandel, in Treasury-Prozessen sowie im Sicherheitenmanagement ein.
Strukturelle Schwächen im globalen Zahlungsverkehr
Der internationale Zahlungsverkehr leidet weiterhin unter erheblichen strukturellen Problemen: Fragmentierte Devisenmärkte, verzögerte Abwicklungsprozesse und Vorfinanzierungsanforderungen bremsen den Kapitalfluss. Im Wholesale Banking entstehen daraus Reibungsverluste in Form gebundenen Kapitals, persistenter Risikopositionen und operativer Komplexität über Zeitzonen hinweg. Laut einer globalen Bain-Befragung zählt die Komplexität internationaler Zahlungen für 34 Prozent der CFOs zu den größten Schwierigkeiten beim Geldtransfer.
Stablecoins und tokenisierte Einlagen adressieren genau diese Ineffizienzen. Sie ermöglichen eine nahezu sofortige, programmierbare Übertragung von Werten zwischen Institutionen und über Ländergrenzen hinweg. Bain-Partner Jens Oesterle sieht darin erhebliches Potenzial: „Daraus ergibt sich ein erhebliches Potenzial für Stablecoins und durchgängig verfügbare digitale Instrumente, die grenzüberschreitende Transaktionen nahezu in Echtzeit und mit geringeren strukturellen Hürden ermöglichen.“
Mit zunehmender Verbreitung können Mittel schneller über Transaktionen hinweg wiederverwendet werden. Das verbessert die Kapitaleffizienz, verringert den Bedarf an vorfinanzierter Liquidität und versetzt Banken in die Lage, ihr Kapital gezielter einzusetzen. „Es geht längst nicht mehr nur um schnellere Zahlungen, sondern um eine strategische Frage der Kontrolle darüber, wie Geld künftig durch das globale Finanzsystem fließt“, so Oesterle.
Zeitfenster für strategische Positionierung schließt sich
Banken stehen dabei vor einem sich schließenden Zeitfenster. Wer früh handelt, kann neue Abwicklungsnetzwerke aktiv mitgestalten. Wer zögert, riskiert laut Oesterle, „auf einer von anderen definierten Infrastruktur operieren“ zu müssen. Wie schnell sich Stablecoins in der Breite etablieren, hängt nicht zuletzt von regulatorischen und operativen Hürden ab. Insbesondere Compliance-Anforderungen wie Sanktionsprüfungen und Transaktionsmonitoring stellen weiterhin eine zentrale Hürde dar, vor allem im grenzüberschreitenden Kontext.
Die Bain-Studie identifiziert konkrete Handlungsfelder: Banken sollten sich zunächst auf Anwendungsfälle konzentrieren, bei denen die Reibungsverluste hoch sind und Liquiditätsverbesserungen unmittelbar Mehrwert schaffen. Frühzeitige Investitionen in Compliance, Datenintegration und operative Infrastruktur sind ebenso wichtig wie das gezielte Pilotieren einzelner Use Cases, bevor eine breitere Netzwerkteilnahme skaliert wird. Die Emission eigener Stablecoins oder tokenisierter Einlagen empfiehlt sich hingegen erst, wenn ausreichende Skalierung und Nachfrage erreicht sind.
Duale Struktur: Traditionelle und digitale Finanzwelt parallel betreiben
Stablecoins und tokenisierte Einlagen werden die bestehende Bankeninfrastruktur nach Einschätzung der Studienautoren nicht ersetzen, sondern ergänzen. Es entsteht eine duale Struktur im Sinne von „zwei Schienen, ein System“, in der Kapital nahtlos zwischen traditionellen und digitalen Systemen fließen kann. Institute müssen künftig in beiden Welten parallel operieren, ohne Liquidität zu fragmentieren. Die Verwahrung digitaler Vermögenswerte muss dafür in etablierte Risikorahmen eingebettet werden. Blockchain-Anbindungen sowie der Echtzeit-Abgleich zwischen On-Chain-Transaktionen und internen Systemen dürften dabei zum neuen Standard werden.
„Obwohl sich regulatorische Rahmenbedingungen und Marktstandards weltweit noch entwickeln, prägen Vorreiter unter den Banken bereits heute die Gestaltung und Steuerung neuer Abwicklungsnetzwerke“, resümiert Sinn. „Mit zunehmender Verbreitung von Stablecoins wird ihre frühe Positionierung entscheidend dafür sein, wo künftig Wertschöpfung im Wholesale Banking entsteht.“
















