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Die Bröning-Kolumne: Vom Chip bis zum Stromnetz – die unterschätzte Kettenreaktion der KI

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Tim Bröning
Foto: Fonds Finanz
Tim Bröning

Anleger blicken beim KI-Boom vor allem auf Chip- und Softwarekonzerne. Doch ohne Stromnetze, Kupfer, Transformatoren und neue Kraftwerke bleibt selbst der leistungsfähigste Prozessor nutzlos. Die interessantesten Chancen könnten deshalb abseits des Scheinwerferlichts entstehen.

Kaum ein Thema beherrscht die Kapitalmärkte derzeit so sehr wie die Künstliche Intelligenz. Nahezu täglich berichten die großen Technologieunternehmen über neue Milliardeninvestitionen in Rechenzentren, leistungsfähigere Chips und immer intelligentere Software. Analysten erhöhen ihre Kursziele, Anleger diskutieren über Nvidia, Microsoft, Meta oder Alphabet und an der Börse entsteht fast der Eindruck, als werde die Zukunft ausschließlich in Serverräumen entschieden. Das wirkt zunächst logisch. Schließlich verändert Künstliche Intelligenz bereits heute ganze Geschäftsmodelle und wird unseren Alltag vermutlich stärker prägen als jede technologische Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte.

Doch Börsen besitzen eine interessante Eigenart. Sie konzentrieren sich oft mit beeindruckender Intensität auf das Offensichtliche und übersehen dabei das, was im Hintergrund die eigentliche Voraussetzung für diesen Wandel schafft. Vielleicht schauen viele Anleger derzeit schlicht nur in eine Richtung. Denn selbst die intelligenteste künstliche Intelligenz besitzt eine erstaunlich altmodische Eigenschaft. Sie funktioniert nur, wenn jemand den Stecker in der Steckdose lässt.

Jede Revolution braucht ihre unsichtbaren Helden

Geschichte wiederholt sich selten. Sie reimt sich allerdings erstaunlich häufig. Die Eisenbahn wurde nicht nur durch Lokomotiven groß. Sie brauchte Stahl, Brücken und Schienen. Das Automobil wurde nicht allein durch geniale Ingenieure zum Massenprodukt. Es brauchte Raffinerien, Tankstellen und Straßen. Das Internet wäre ohne Glasfaserkabel, Rechenzentren und Stromleitungen nie über den Status einer guten Idee hinausgekommen. Warum sollte ausgerechnet die KI-Revolution anders verlaufen?

Der öffentliche Blick richtet sich fast ausschließlich auf Software, Sprachmodelle und Halbleiter. Dabei beginnt die eigentliche Wertschöpfung häufig deutlich früher. Jeder neue Chip benötigt Rohstoffe. Jedes Rechenzentrum benötigt Strom. Jede zusätzliche Kilowattstunde muss transportiert werden. Und jedes neue Stromnetz beginnt mit einer erstaunlich unspektakulären Zutat – Kupfer.

Nicht besonders glamourös, keine spektakulären Produktpräsentationen und kein Vorstand steht auf einer Bühne und präsentiert unter tosendem Applaus das nächste Stück Kupferkabel. Für Börsenmagazine taugt das nur bedingt als Titelbild – für langfristige Investoren vielleicht umso mehr. Denn während alle auf den neuesten Chip schauen, gerät leicht in Vergessenheit, dass ohne Rohstoffe, Leitungen, Umspannwerke und Stromnetze selbst der leistungsfähigste Prozessor nichts weiter wäre als ein Stück Silizium.

Mit jeder neuen Generation künstlicher Intelligenz wächst der Bedarf an Rechenleistung. Gleichzeitig steigt der Stromverbrauch der Rechenzentren weltweit in einem Tempo, das noch vor wenigen Jahren kaum jemand erwartet hätte. Hinzu kommen Elektrofahrzeuge, Wärmepumpen, die Elektrifizierung der Industrie und der stetig wachsende Energiebedarf vieler Schwellenländer. Die Welt braucht nicht nur mehr Strom. Sie braucht sehr viel mehr Strom.

Und genau an dieser Stelle übernimmt die Physik das Kommando. Denn Strom entsteht nicht durch gute Absichten. Er fließt auch nicht schneller, weil Analysten ihre Kursziele erhöhen. Er benötigt Kraftwerke, Stromnetze, Transformatoren und Leitungen. Mit anderen Worten entwickelt sich die digitale Revolution zunehmend zu einer infrastrukturellen Revolution. Anleger betrachten den Wandel allerdings oft ausschließlich durch die Brille der KI-Player und übersehen die Unternehmen, die überhaupt erst die Voraussetzungen dafür schaffen und schon seit vielen Jahren und Jahrzehnten profitabel arbeiten.

Die eigentliche Geschichte spielt im Hintergrund

Besonders spannend ist dabei, dass viele dieser Entwicklungen politisch kaum noch umstritten sind. Wer über neue Rechenzentren spricht, spricht zwangsläufig über Stromversorgung. Wer über Stromversorgung spricht, spricht automatisch über Netzausbau. Wer über Netzausbau spricht, landet unweigerlich bei Kupfer, Transformatoren, Spezialmetallen und milliardenschweren Infrastrukturinvestitionen.

Selbst die Diskussion über Energiequellen verändert sich langsam. Die geopolitischen Spannungen der vergangenen Monate und die Unsicherheit rund um wichtige Transportwege wie die Straße von Hormus haben vielen Staaten gezeigt, dass Versorgungssicherheit einen neuen Stellenwert bekommt. Energie soll künftig nicht nur sauber und bezahlbar sein. Sie soll vor allem verfügbar sein. Welche Technologien am Ende den größten Beitrag leisten und am schnellsten ausgebaut werden, dürfte von Land zu Land unterschiedlich sein. Entscheidend ist etwas anderes. Die Infrastruktur muss in jedem Fall massiv ausgebaut werden.

Daran führt kein Weg vorbei. Und Infrastruktur besitzt eine Eigenschaft, die in der heutigen schnellen Welt oft vergessen oder häufig unterschätzt wird – die Langsamkeit. Sie wächst langsam. Genehmigungen dauern, neue Minen entstehen nicht innerhalb weniger Quartale und Stromnetze lassen sich nicht per Knopfdruck verdoppeln. Transformatoren fallen nicht morgens vom Fließband, nur weil die Nachfrage steigt. Die physische Welt besitzt ihre eigene Geschwindigkeit. Und sie ist deutlich langsamer als die digitale.

KI und die unterschätzte Kettenreaktion

Die Börse liebt Innovationen. Sie vergisst nur manchmal, dass Innovation ohne Infrastruktur meist nur eine gute Idee bleibt.

Vielleicht besteht die größte Unachtsamkeit vieler Anleger darin, technologische Revolutionen isoliert zu betrachten. Es wird nur das spektakuläre Endprodukt gesehen und die Kette bis zum Anfang übersehen. Denn jede Innovation löst weitere Investitionen aus. Jede neue Technologie schafft neue Nachfrage an völlig anderer Stelle. Jeder Fortschritt setzt Entwicklungen in Gang, die zunächst kaum jemand beachtet. Genau dort entstehen häufig die interessantesten Investmentchancen – übrigens in der Regel mit deutlich weniger Risiken. Nicht bei den Unternehmen, die täglich die Schlagzeilen beherrschen, sondern bei den Firmen, ohne die diese Schlagzeilen niemals möglich geworden wären.

Vielleicht werden Historiker eines Tages feststellen, dass der Erfolg der KI-Revolution nicht allein auf den Schultern brillanter Softwareentwickler ruhte. Sondern ebenso auf Ingenieuren, Netzbetreibern, Infrastrukturunternehmen und Rohstoffproduzenten, die meist fernab des medialen Rampenlichts arbeiteten.

An der Börse gilt schließlich eine ebenso einfache wie unbequeme Wahrheit. Das Offensichtliche ist selten das Überraschende.

Vielleicht lohnt es sich deshalb gerade jetzt, den Blick gelegentlich vom Scheinwerferlicht zu lösen. Denn große Vermögen entstehen selten dort, wo alle bereits hinschauen. Sie entstehen häufig dort, wo eine Entwicklung gerade erst beginnt und lange bevor sie jeder erkennt – und zwar ganz am Anfang einer unterschätzten Kettenreaktion.

Tim Bröning ist Geschäftsführender Gesellschafter der Bröning Investment & Consulting GmbH  www.broening-investment.de, und u.a. Beirat bei Fonds Finanz.


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