Im Fußball ist der Ausputzer ein Abwehrspieler, der die harte „Drecksarbeit“ der Verteidigung übernimmt. Auch Notenbanken haben diese Funktion. Früher haben sie die Preisstabilität mit harter Zinsknute verteidigt. Heute besteht ihre neue Drecksarbeit jedoch vor allem darin, zu verhindern, dass Wirtschaftskrisen schmerzhafte Gegentore schießen. Selbst die feinste stabilitätspolitische Ballartistik der Notenbanker verbaler Art kann diese neue Spielweise nicht vereiteln.
Fußballtechnisch gesprochen sind Preissteigerungen gegnerische Angriffswellen, denen Notenbanken mit Zinserhöhungsabwehr begegnen. Ja, früher hat die Deutsche Bundesbank den kleinsten Preisangriff sofort bekämpft. Auch die Fed hatte gegen den Inflationsangriff, der Anfang 1980 mit bis zu 15 Prozent wütete, eine starke Abwehr mit Leitzinsen von zeitweise über 20 Prozent aufgebaut.
Und je länger aktuell der Iran-Konflikt dauert, umso mehr könnte die Inflation über steigende Energiepreise ansteigen. Daher kommen von der Trainerbank auch schon scheinbar klare Anweisungen, auf dem Feld harte Stabilitätskante zu zeigen.
Doch je mehr die Zinsabwehr Inflations-Tore verhindert, umso mehr fängt sie sich Rezessions-Tore ein. Der Iran-Konflikt ist eben nicht nur ein Inflations-, sondern auch ein Konjunkturrisiko mit einem langen Schwanz an weiteren Problemen wie Schuldentragfähigkeit und sozialen Problemen.
„Wichtig ist auf’m Platz“
Geldpolitik muss also abwägen, was für sie wichtiger ist. Früher ging beides. Früher konnte Konjunkturförderung wegen vergleichsweise niedrigen Schuldenständen auch bei höheren Notenbankzinsen noch gut gestemmt werden. Und bis vor einigen Jahren war die Schuldentragfähigkeit trotz wachsender Volumina dennoch bequem darstellbar, da die Niedrigzinsen einem Elfmeter ohne Torwart entsprachen.
Und jetzt mit der Iran-Krise wird sich die konjunkturelle Spielfreude sicher nicht verbessern, was Notenbanken zu einer wachstumsfreundlichen Spielart über zinsgünstige Schuldenfinanzierung zwingt. Denn selbst die USA ringen mit einer Abkühlung des Arbeitsmarkts sowie der Konsum- und der Investitionsstimmung. Und Wachstumsfreude kam auf dem europäischen Fußballplatz schon vor dem Konflikt nicht auf.
Und so schallt es schon laut bei vielen Berliner Stadionsprechern: Neue Schulden braucht das Land. Konjunkturelle Notlagen sind für viele Politiker das perfekte Alibi, immer hemmungsloser neue Kredite aufzunehmen. Überhaupt habe Deutschland doch im Ländervergleich eine der geringsten Schuldenquoten zur Wirtschaftsleistung. Und mit Schuldenbremsen und ähnlichen „Folterinstrumenten“ könne man doch sozialpolitisch nur verlieren.
Leider sind Politiker vielfach Sportmuffel und hinterfragen nicht ihre eigene wirtschaftspolitische Bewegungsarmut. Und so wird auch die fette Henne Staatshaushalt nicht abspecken müssen, obwohl sie mit mehr Fitness auch wieder marktwirtschaftliche Impulse liefern könnte.
Und so werden Notenbanken zwar weiter inflationsbekämpfende Töne vom Spielfeldrand abgeben, doch auf dem Fußballplatz eine staatstragende zinsfreundliche Spielweise praktizieren müssen.
In der anschließenden Pressekonferenz werden dann Ausflüchte für die mangelnde klassische Spielweise gefunden. Wirtschafts-Tore zu erzielen sei momentan wichtiger als Inflations-Tore zu verhindern. Überhaupt beobachte man die Lage von Zinssitzung zu Zinssitzung – sozusagen von Spielunterbrechung zu Spielunterbrechung.
Und Europa importiere doch heutzutage Öl und Gas mehrheitlich aus anderen Quellen und Amerika sei sogar Selbstversorger. Zudem könne niemand der beteiligten Konfliktmannschaften an einem langen Konflikt interessiert sein. Während die Mullahs finanziell austrocknen, komme Trump bei den Zwischenwahlen im November unter den Druck demokratischer Angriffswellen. Nicht zuletzt sei die Pekinger Mannschaft von Öllieferungen aus dem Nahen Osten sehr abhängig und müsse daher beschwichtigend auf Teheran einwirken, damit im heimischen Wirtschaftsspiel Tore geschossen werden können.
Vor allem aber, wenn dann im Frühjahr des nächsten Jahres die Inflation im Vorjahresvergleich wieder kräftig gefallen sein wird, komme Preisstabilität von allein zurück. Vorübergehend wird man sich zwar ein paar Inflations-Tore einfangen. Aber am Ende steht es 5 zu 4 für die Konjunktur. Man muss ja nicht zu null gewinnen. Immerhin hat man die Wirtschaft verteidigt. Gewonnen ist gewonnen. Warum sich also zwischenzeitlich aufregen?
Diese Spieltaktik verschafft der Geldpolitik wichtige Spielzeit.
Insgesamt hat sich der Stabilitätsbegriff der Notenbanken gewandelt. Es geht immer mehr um die Verteidigung der Wirtschaftsstabilität und immer weniger um die der Preisstabilität. Übrigens ist Inflation ein Doping, um Staatsverschuldung real zu reduzieren.
Die Geldpolitik ist der Ausputzer in neuem Trikot. Und im Stadion der Finanzwelt sind die Anleger von ihrer neuen Spielweise durchaus entzückt.
Robert Halver leitet die Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank. Mit Wertpapieranalyse und Anlagestrategien beschäftigt er sich seit Abschluss seines betriebswirtschaftlichen Studiums 1990. Halver verfügt über langjährige Erfahrung als Kapitalmarkt- und Börsenkommentator. Er ist aus Funk und Fernsehen bekannt und schreibt regelmäßig für Cash.
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