EXKLUSIV

Energiepreise: Warum Europa heute robuster wirkt

Ölpreis-Schock
Foto: ChatGPT
Markt rechnet nur mit begrenztem Energieschock

Trotz steigender Öl- und Gaspreise wertet der Markt den aktuellen Energieschock bislang nicht als systemische Krise. Entscheidend wird, wie lange die Blockade der Straße von Hormus anhält, so das Investmentteam von Eurizon.

Bislang weist die Marktreaktion trotz des Schocks nicht alle typischen Merkmale einer systemischen Energiekrise auf. Ein erster dämpfender Faktor ergab sich am 9. März durch die Internationale Energieagentur (IEA), die eine koordinierte Freigabe von 400 Millionen Barrel Öl aus strategischen Reserven verschiedener Länder veranlasste. Dabei handelt es sich um eine Rekordmenge, die bei den aktuellen Defiziten theoretisch ein bis zwei Monate der angespannten Lage überbrücken könnte.

Ein zweiter entscheidender Faktor ergibt sich aus der Analyse der Öl-Futures-Kurve: Die langfristigen Terminkontrakte signalisieren einen Preisrückgang mit anschließender Normalisierung im Bereich von 65 bis 70 US-Dollar. Dies deutet darauf hin, dass der Markt den aktuellen Schock als kurzfristiges bis mittelfristiges Phänomen mit potenziell begrenzten Auswirkungen interpretiert. Auch die Angebots- und Nachfrageprognosen deuten, selbst unter der Annahme eines anhaltenden Defizits, auf eine Normalisierung und eine Rückkehr zu einem Überschuss hin.

Ein weiterer, eher politischer Faktor betrifft den US-Binnenmarkt, wo ein anhaltendes Niveau des WTI-Preises von über 90 bis 95 US-Dollar die Zustimmung zur amtierenden Regierung erheblich beeinträchtigen würde. Vor dem Hintergrund der Midterm Elections ist Trump daher darauf angewiesen, die Krise rasch zu entschärfen.

Europa sieht sich diesem Schock unter anderen Rahmenbedingungen gegenüber als während der Energiekrise von 2022. Seit 2021 sind die EU-Gasimporte aus Russland von 40 bis 45 auf 12 bis 13 Prozent bis Ende 2025 gesunken, mit dem Ziel, sie bis 2027 vollständig einzustellen. Norwegen ist mit einem Anteil von rund 30 Prozent zum größten Lieferanten geworden, während der Anteil der USA kontinuierlich auf etwa 25 Prozent gestiegen ist. Der Anteil der EU-Importe aus Katar ist mit rund 6 Prozent gering und betrifft ausschließlich per Schiff geliefertes LNG, das etwa 50 Prozent der gesamten EU-Gasimporte ausmacht. Obwohl der Anteil des aus Katar importierten LNG begrenzt ist, hat es einen überproportionalen Einfluss auf die Preisbildung in Europa. Dies hat zusammen mit weiteren Faktoren zu dem Preisschub beigetragen, der den maßgeblichen Gasindex seit Beginn der Krise um etwa 70 Prozent steigen ließ.

Weitere Anstiege der Gaspreise im Zusammenhang mit der Produktion der Länder am Persischen Golf sind weltweit möglich. Auf europäischer Ebene erscheint jedoch das Risiko einer spekulativen Dynamik wie im Jahr 2022 gering. Ausschlaggebend hierfür sind der Ausbau der Regasifizierungskapazitäten, der Anstieg der Lagerbestände sowie ein vorsichtigeres Management der Speicher. Beim Öl scheint die europäische Position dank der stärkeren geografischen Diversifizierung der Importe besser abgesichert zu sein. Die USA, Norwegen und Kasachstan decken inzwischen rund 45 Prozent der von der EU importierten Rohölmenge ab.

Die entscheidende Variable in dieser Krise ist die Dauer der Blockade der Meerenge sowie das Ausmaß des Rückgangs des Energieangebots an Öl und Gas, da es Wochen, wenn nicht Monate dauern dürfte, bis sich die Lieferströme normalisieren und die Produktion wiederhergestellt ist.

Sollte die Blockade der Straße von Hormus andauern, würde sich die durch die strategischen Reserven gewährleistete Sicherheitsmarge rasch verringern. Die logistischen Alternativen auf dem Landweg sind nur in der Lage, einen begrenzten Teil der ausgefallenen Mengen zu kompensieren, der auf 30 bis 40 Prozent geschätzt wird. Gleichwohl spricht nichts gegen weitere Freigaben aus strategischen Reserven.

Solange das Energiedefizit als vorübergehend ausgleichbar wahrgenommen wird, dürfte der Preis einen als beherrschbar angesehenen Energieschock widerspiegeln. Weltweit sind andere Regionen stärker betroffen als Europa, da die Gaspreise in Asien deutlicher gestiegen sind. Entsprechend dürfte der Druck auf eine Lösung des Konflikts größer sein als während der Energiekrise von 2022.

Im Falle anhaltend hoher Energiepreise, die sich in Form eines erhöhten Inflationsdrucks und einer Abschwächung des globalen Wachstums auswirken, erscheint in der aktuellen Phase ein Szenario wahrscheinlicher, in dem die Zentralbanken unveränderte Zinsen bevorzugen, anstatt zu einer neuen restriktiven Phase zurückzukehren.

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