Der Pegel Kaub sackte am 6. August 2026 auf 19 Zentimeter ab – der niedrigste Stand seit Beginn der Messungen. Für Rhein-Niedrigwasser-Aktien wie BASF und Thyssenkrupp wird die Lage damit zum Belastungstest: Beide Konzerne hängen für ihre Rohstoffversorgung stark vom Fluss ab und müssen nun auf teurere Ausweichrouten setzen. Anleger fragen sich deshalb, wer operativ wirklich leidet – und ob sich an der Börse überhaupt handfeste Profiteure finden lassen.
Die Lage am Pegel: schlimmer und früher als 2018
Nach Angaben des Wasserstraßen- und Schifffahrtsamts (WSA) Rhein sank der Pegel Kaub von über 50 Zentimetern Ende Juli auf 24 Zentimeter am 3. August und weiter auf 19 Zentimeter am 6. August 2026. Der bisherige Rekordtiefstand vom 22. Oktober 2018 lag bei 25 Zentimetern und wurde damit bereits Anfang August unterboten. Der Deutsche Wetterdienst stuft die Trockenheit als eine der schwerwiegendsten seit Beginn der Aufzeichnungen 1881 und 1882 ein.
Auch an anderen Pegeln zeichnet sich ein ungewöhnlich frühes und ausgeprägtes Niedrigwasser ab. In Mannheim wurde der bisherige Tiefststand von 85 Zentimetern Anfang August kurzzeitig um drei Zentimeter unterboten. In Worms rutschte der Pegel am 5. August auf minus 1 bis minus 2 Zentimeter und damit unter den historischen Tiefstand von 2 Zentimetern. Bingen lag nur noch sieben Zentimeter über dem niedrigsten bekannten Wasserstand von 1985, und Köln erreichte mit 67 Zentimetern den niedrigsten Stand seit Messbeginn – 2 Zentimeter unter dem bisherigen Rekord vom Oktober 2018.
Das WSA weist ausdrücklich darauf hin, dass sich die Lage ungewöhnlich früh zuspitzt: Spätsommer und Herbst gelten eigentlich als die kritischen Monate. Bundesverkehrsminister Steffen Bilger (CDU) lud deshalb bereits am 6. August zu einem Krisentreffen mit Vertretern von Binnenschifffahrt, Häfen und Industrie nach Bonn.
Wie ernst die Lage für die Wirtschaft bereits ist, zeigt eine Umfrage der Industrie- und Handelskammern entlang des Rheins unter 170 Unternehmen im Zeitraum vom 29. Juli bis 4. August 2026: Drei Viertel der Betriebe sind bereits betroffen, mit steigender Tendenz. Mehr als die Hälfte meldet einen Anstieg der Logistikkosten um mindestens 25 Prozent, knapp ein Drittel sogar um 50 Prozent oder mehr. Rund ein Drittel der Unternehmen will künftig weniger Fracht per Schiff transportieren, ein Viertel passt bereits sein Bestandsmanagement an. Die IHKs fordern vom Bund daher 2,5 Milliarden Euro jährlich für die Ertüchtigung der Wasserstraße.
BASF: Der Rhein bleibt die Achillesferse von Ludwigshafen
Am BASF-Stammwerk Ludwigshafen werden normalerweise 40 Prozent aller Güter per Schiff transportiert. Der Konzern verlagert deshalb Teile der Fracht auf Lkw und Schiene, um die Produktion aufrechtzuerhalten – eine Maßnahme, die die Logistikkosten erhöht, die Versorgung nach Unternehmensangaben aber bislang sichert.
Diesmal ist die Ausgangslage doppelt schwierig, denn die rechtsrheinische Bahnstrecke – eine der wichtigsten Ausweichrouten bei Niedrigwasser – ist wegen Bauarbeiten bis zum 12. Dezember 2026 für den Güterverkehr gesperrt. Analysten der Deutschen Bank verweisen explizit auf dieses Zusammentreffen als zusätzliches Risiko. Zugleich rechnet das Institut für Weltwirtschaft Kiel (IfW) damit, dass das Niedrigwasser das deutsche Bruttoinlandsprodukt im dritten Quartal 2026 um 0,1 bis 0,2 Prozentpunkte dämpfen könnte – ein Umfeld, das BASF als größten Einzelstandort am Rhein besonders trifft.
Operativ zeigte sich der Konzern zuletzt allerdings robust: Der Umsatz im zweiten Quartal 2026 stieg auf 17,2 Milliarden Euro, ein Plus von 2,4 Milliarden Euro gegenüber dem Vorjahr, getragen von einem Preisplus von 11,5 Prozent und einem Mengenwachstum von 7,3 Prozent. Das Ergebnis nach Steuern kletterte auf 4,2 Milliarden Euro. Davon stammen allerdings 3,5 Milliarden Euro aus dem zum 30. Juni 2026 vollzogenen Verkauf des Coatings-Geschäfts an den Finanzinvestor Carlyle – ein Sondereffekt, der das operative Bild verzerrt. BASF hob daraufhin die Jahresprognose für das EBITDA vor Sondereinflüssen auf 6,9 bis 7,7 Milliarden Euro an, zuvor waren es 6,2 bis 7,0 Milliarden Euro, und startete im August ein neues Aktienrückkaufprogramm über bis zu 1,0 Milliarde Euro.
Die BASF-Aktie notierte am 7. August bei 51,48 Euro, ein Tagesplus von 1,18 Prozent. Der Markt hat die Niedrigwasser-Nachrichten bislang also nicht mit einem Kursabschlag quittiert. Die eigentliche Belastung dürfte sich jedoch erst im dritten Quartal zeigen, wenn sowohl der Pegel als auch die Bahnsperrung ihre volle Wirkung entfalten. BASF legt die Zahlen dazu am 27. Oktober 2026 vor. Analysten sind uneins: UBS hob das Kursziel auf 55 Euro an bei einem Rating von „Neutral“, während JPMorgan an „Underweight“ mit einem Kursziel von 40 Euro festhält.
Thyssenkrupp: Eigene Rheinflotte gestoppt, Erzversorgung teurer
Das Stahlwerk Duisburg der Tochter Thyssenkrupp Steel Europe benötigt täglich rund 50.000 Tonnen Eisenerz und Kohle, der Großteil davon kommt per Schiff über den Rhein. Bereits am 14. Juli 2026 stellte das Unternehmen die eigene Schubschifffahrt vorsorglich ein und mietet seither externe Schiffe mit geringerem Tiefgang – eine teurere Lösung, die die Kundenversorgung laut Unternehmensangaben bislang nicht gefährdet.
Bemerkenswert für Anleger: Die Thyssenkrupp-Aktie erreichte am 5. August 2026 mit 12,64 Euro ein neues Fünfjahreshoch, trotz der Niedrigwasser-Meldungen. Der Kurs wird derzeit offenbar stärker von der laufenden Konzernumstrukturierung und der Marine- und Rüstungssparte getrieben als von der Rhein-Problematik. Das kann sich allerdings ändern, sollte sich die Erzversorgung in den kommenden Wochen weiter verteuern oder sollten Produktionskürzungen notwendig werden.
Raffinerien: die Ausgangslage hat sich seit 2018 verändert
Frühere Themenbriefings zum Niedrigwasser verweisen häufig auf Shell Wesseling und BP Gelsenkirchen als 2018 betroffene Raffineriestandorte. Diese Referenzen sind inzwischen veraltet.
Shell hat die Rohölverarbeitung am Standort Wesseling im Zuge des Konzernumbaus zum „Energy and Chemicals Park Rheinland“ bereits eingestellt beziehungsweise bis 2025 abgewickelt. Der Standort produziert künftig Basisöle und setzt auf Wasserstoff, unter anderem mit einem neuen Elektrolyseur mit 100 Megawatt Leistung, statt auf klassische Rohöldestillation. Die unmittelbare Parallele zu 2018 – blockierte Rohöl-Anlieferung per Kahn – lässt sich damit nicht eins zu eins auf 2026 übertragen. Für aktuelle betriebliche Auswirkungen des akuten Niedrigwassers auf den umgebauten Standort fand sich keine belastbare Meldung aus dem August 2026; dies sollte vor Veröffentlichung gesondert bei Shell Deutschland verifiziert werden.
BP wiederum hat den Verkauf der Raffinerie Gelsenkirchen, der Ruhr Oel GmbH mit den Standorten Horst und Scholven und rund 1.800 Beschäftigten, am 3. August 2026 an die Klesch Group abgeschlossen. Der Standort gehört damit nicht mehr zu BP, sondern zu einem nicht börsennotierten Rohstoffhandels- und Industriekonzern. Eine direkte Aktien-Exposure über BP entfällt für diesen Standort somit.
Für Anleger bedeutet das: Wer über Öl-Multis wie Shell oder BP auf das Thema Rhein-Niedrigwasser setzen will, sollte die veränderte Standortstruktur seit 2018 einpreisen.
Binnenschifffahrt: Der eigentliche Verlierer ist kaum handelbar
Die Binnenreedereien selbst tragen die unmittelbarste Last des Niedrigwassers: Schiffe können nur noch einen Bruchteil ihrer regulären Ladung mitführen, wodurch viele Fahrten unwirtschaftlich werden. Für Kapitalmarktanleger ist das jedoch weitgehend eine Randnotiz. Die Häfen und Güterverkehr Köln (HGK) etwa sind nicht börsennotiert; das Unternehmen gehört mehrheitlich zum Stadtwerke-Köln-Konzern und damit der öffentlichen Hand. Eine direkte Aktienwette auf die Binnenschifffahrt existiert am deutschen Markt praktisch nicht – ein Unterschied zu Chemie- und Stahlwerten, die über ihre Rohstoffversorgung indirekt, aber deutlich sichtbar betroffen sind.
Börsennotierte Unternehmen mit Rhein-Exposure
| Unternehmen | Betroffener Standort | Rhein-Abhängigkeit | Aktuelle Reaktion (2026) | Historische Erfahrung (2018) |
|---|---|---|---|---|
| BASF SE | Ludwigshafen | rund 40 Prozent der Gütertransporte per Schiff | Verlagerung auf Lkw und Bahn; Kurs bislang stabil bei 51,48 Euro, plus 1,18 Prozent am 7. August | rund 250 Millionen Euro Ergebnisbelastung im zweiten Halbjahr 2018 |
| Thyssenkrupp AG (TKSE) | Duisburg | rund 50.000 Tonnen Erz und Kohle täglich, mehrheitlich per Schiff | eigene Schubschifffahrt seit 14. Juli 2026 gestoppt, teurere Charterschiffe; Kurs auf Fünfjahreshoch bei 12,64 Euro am 5. August | Produktionskürzungen, deutlich gestiegene Logistikkosten |
| Shell plc | Rheinland (Wesseling/Godorf) | Standort im Umbau, Rohölverarbeitung in Wesseling eingestellt | keine belastbare Meldung aus 2026 auffindbar – vor Veröffentlichung verifizieren | 2018 Produktionskürzung wegen blockierter Kahn-Anlieferung |
| bp plc | Gelsenkirchen | seit 3. August 2026 nicht mehr bp-Eigentum, Verkauf an Klesch Group | kein direktes bp-Exposure mehr | 2018 als damaliger Betreiber betroffen |
| HGK / Häfen und Güterverkehr Köln | Köln, Duisburg | Kerngeschäft Binnenschifffahrt und Häfen | nicht börsennotiert, Mehrheit bei Stadtwerke Köln | – |















