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Nachhaltigkeit in der Assekuranz: Kein Selbstläufer

Foto: Smarterpix/doidam
Für die Versicherungswirtschaft ist Nachhaltigkeit zur strategischen Leitlinie geworden. Die Kunden hingegen zögern noch.

Nachhaltigkeit ist Megathema der Versicherungswirtschaft. Kein Kongress, kein Strategiepapier, kein Produkt-Launch ohne ESG-Bezug. Gleichwohl ist es heute spürbar ruhiger geworden: die Aufmerksamkeit hat nachgelassen, die Begeisterung abgekühlt. Doch das Thema ist weder erledigt noch obsolet.

Flut im Saarland, Waldbrände im Harz, Hagelstürme über Bayern – der Sommer 2025 hat der Bundesrepublik einmal mehr vor Augen geführt, dass der Klimawandel längst Realität ist. Wetterkapriolen mit Milliardenschäden prägen das Jahr, und mit ihnen wächst der Druck auf Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, abermals nachhaltiger zu handeln. Kaum eine Branche spürt diese Entwicklung unmittelbarer als die Versicherungswirtschaft. Sie steht doppelt in der Verantwortung: als Risikoträger für Klimaschäden und als Verwalter gigantischer Kapitalmengen, die über die Richtung der Transformation mitentscheiden.

Für die Versicherungswirtschaft ist, das macht der neue Nachhaltigkeitsbericht des GDV deutlich, Nachhaltigkeit zur strategischen Leitlinie geworden. Die Branche versteht sich zunehmend als aktiver Gestalter des Wandels hin zu einer klimaneutralen und resilienten Wirtschaft. Angesichts der Kapitalanlagen von mehr als 1,8 Billionen Euro verfügen die Versicherer über enorme Lenkungskraft.

Über 70 Prozent dieses Kapitals werden bereits nach ESG-Kriterien verwaltet, bis 2050 sollen die Portfolios vollständig klimaneutral sein. Viele Gesellschaften investieren in Wind- und Solarparks, Green Bonds oder energieeffiziente Infrastruktur. Der GDV sieht darin nicht nur ökologisches Engagement, sondern auch ökonomische Vernunft. Parallel dazu verändert die Nachhaltigkeit aber auch das Versicherungsgeschäft selbst.


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Gerade vor dem Hintergrund, dass die Zahl klimawandelbedingter Schäden seit Jahren steigt. Mit präziseren Risikomodellen und verstärkter Prävention versuchen die Gesellschaften gegenzusteuern. Zeitgleich gewinnen nachhaltige Produkte an Gewicht. Hinzu kommt, dass viele Versicherer mit Nachdruck daran arbeiten, den eigenen Betrieb nachhaltig aufzustellen – durch Dekarbonisierung ihrer Geschäftsprozesse oder etwa CO₂-neutrale Energie. Doch Nachhaltigkeit ist für die Branche mehr als Klimaschutz: Soziale Verantwortung – Transparenz und Governance bilden die dritte Säule des Nachhaltigkeitsverständnisses.

Dr. Reiner Will, Geschäftsführer der Kölner Ratingagentur Assekurata, sieht die Branche beim Thema Nachhaltigkeit dennoch in verschiedenen Geschwindigkeiten unterwegs: „Der Reifegrad der Branche ist nach wie vor sehr unterschiedlich. Es gibt Versicherer, die Nachhaltigkeit mit klaren Zielen, KPIs und Steuerungsprozessen aktiv verankern, während andere vor allem aufgrund der noch immer unscharfen regulatorischen Vorgaben eher abwarten.“

Viele Unternehmen haben laut Will die Notwendigkeit erkannt und ihre Kompetenz, insbesondere bei der Berichtslegung von Nachhaltigkeitsrisiken, deutlich ausgebaut. „Gleichzeitig zeigt sich aber eine gewisse Ernüchterung, weil die unmittelbaren Wettbewerbsvorteile einer ESG-Positionierung bislang begrenzt bleiben und die regulatorische Komplexität hoch ist. Kurz gesagt: Die Branche hat verstanden, dass Nachhaltigkeit kein Trendthema ist, sie ringt aber noch damit, ESG von der Pflichterfüllung in die Wertschöpfung zu überführen“, so die Einschätzung des Experten.

Dr. Reiner Will, Geschäftsführer von Assekurata

Für die Versicherungskunden bleibt Nachhaltigkeit trotz allem ein wichtiges Thema. Das spiegelt die aktuelle Wavestone-Studie wieder. Dabei spielen aus Kundensicht soziale Aspekte für 62 Prozent der Befragten eine zentrale Bedeutung, gefolgt von Governance und Umweltaspekten. Spannend ist hingegen, dass nur ein Viertel der Befragten weiß, was Nachhaltigkeit bei Versicherungen konkret bedeutet, und lediglich 17 Prozent informieren sich aktiv dazu. Diese Wissenslücke schwächt die Wirkung vieler ESG-Maßnahmen, so die Studienautoren von Wavestone. Wo Nachhaltigkeit hingegen verständlich kommuniziert werde, steige das Vertrauen.

In der Produktentwicklung sind die Kunden offen für konkrete ESG-Elemente. Dabei reicht die Bandbreite von „Repair-before-Replace“ über Präventionsprogramme bis zu ethischen Investments. Laut Wavestone würden mehr als 60 Prozent der Befragten dafür auch mehr bezahlen, das gilt insbesondere für jüngere Zielgruppen. Im Vertrieb hingegen bleibt ESG oft ungenutzt: Zwei Drittel der Befragten Kunden berichten, dass Nachhaltigkeit im Beratungsgespräch kein Thema war. Wird sie allerdings angesprochen, fällt das Echo positiv aus. So planen immerhin 58 Prozent der Befragten, ESG-Aspekte künftig in ihre Entscheidungen einzubeziehen.

Fazit von Wavestone: Nachhaltigkeit beeinflusst Loyalität und Weiterempfehlungsbereitschaft direkt. Versicherer, die soziale Verantwortung, glaubwürdige ESG-Maßnahmen und transparente Kommunikation entlang der gesamten Wertschöpfungskette verankern, gewinnen Vertrauen und Wettbewerbsvorteile in einem zunehmend wertorientierten Markt.

Lesen Sie hier, wie es weitergeht.

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