Powell vor letzter Fed-Sitzung: Übergang zu Warsh bleibt offen

Fed-Chef Jerome Powell
Foto: picture alliance / Xinhua News Agency | Hu Yousong
Fed-Chef Jerome Powell vor letztem öffentlichen Auftritt – oder doch nicht?

Kurz vor seiner wohl letzten Fed-Sitzung rückt nicht der Zinsentscheid in den Fokus, sondern die offene Nachfolge von Jerome Powell. Politische Blockaden verzögern die Bestätigung von Kevin Warsh – mit möglichen Folgen für Märkte und Geldpolitik. Wie geht es weiter?

Wenn Jerome Powell am 29. April vor die Presse tritt, steht nicht die Zinsentscheidung des Komitees der Federal Reserve (Fed) im Mittelpunkt – schließlich erwartet aktuell niemand eine Zinsänderung. Die eigentliche Frage lautet: Wie lange bleibt er noch der Mann am Mikro? Die Einschätzung von Jörg Held, Head of Portfolio Management bei Ethenea Independent Investors S.A.:

„Powells Amtszeit als Chairman endet formell am 15. Mai 2026. Sein designierter Nachfolger Kevin Warsh wurde am 21. April vor dem Senate Banking Committee angehört. Jedoch blockiert Senator Thom Tillis die Bestätigung, solange das Justizministerium seine Ermittlungen gegen Powell nicht einstellt. Laut Polymarket ist die Wahrscheinlichkeit einer fristgerechten Bestätigung von 90 Prozent im März auf inzwischen rund 30 Prozent gefallen. Eine Übergangsphase ohne bestätigten Chairman ist damit das realistischere Szenario.

Arbeitsmarkt und Inflation: Das Bild hat sich gedreht

Die Schlagzeilen zum US-Arbeitsmarkt suggerieren Robustheit: 178.000 neu geschaffene Stellen im März bei einer stabilen Arbeitslosenquote von 4,3 Prozent. Ein genauerer Blick auf die Daten zeichnet jedoch ein deutlich weniger beruhigendes Bild. Seit Januar 2024 hat ein einziger Sektor – Gesundheit und Sozialwesen – rund 1,7 Millionen Stellen geschaffen. Alle übrigen Branchen zusammen – Industrie, Technologie, Finanzen, Einzelhandel und Bauwirtschaft – haben im Saldo 56.000 Stellen verloren. Der Motor hinter dem Beschäftigungswachstum ist nicht der private Sektor, sondern staatliche Nachfrage: Medicare, Medicaid, ACA-getriebene Ausgabenprogramme.

Was als Arbeitsmarktstärke erscheint, ist in Wahrheit Fiskalpolitik in anderer Kleidung. Die nominalen Schlagzeilen verdecken eine strukturelle Schwäche, die sich in den Lohndaten, den Einstellungsraten und der abnehmenden Arbeitsmarktmobilität bereits abzeichnet.

Bei der Inflation zeigt sich ein gespaltenes Bild. Die Headline-VPI sprang im März um 0,9 Prozent im Vergleich zum Vormonat, getrieben fast ausschließlich von Benzin- und Energiepreisen. Die Kern-VPI hingegen stieg mit 0,2 Prozent etwas weniger als erwartet. Wenn sich dieser Wert fortsetzt, dürfte er den Kern-PCE-Deflator auf 0,26 Prozent monatlich zurückführen. Die Zolleffekte aus dem Vorjahr laufen aus der Jahresvergleichsbasis heraus. Die Richtung stimmt, auch wenn der Energieschock sie kurzfristig überdeckt.

Die Warsh-Transition wird holprig

Interessanter als die Entscheidung zum Fed-Vorsitz selbst ist, was danach kommt. Sollte Warsh fristgerecht bestätigt werden, leitet er die Juni-Sitzung am 16.und 17. Juni das erste Mal als Chairman. Sollte die Bestätigung scheitern, bleibt Powell als Chair pro tempore im Amt, bis ein Nachfolger den Vorsitz übernimmt.

Die Märkte preisen derzeit keine Zinssenkungen bis Jahresende ein. Wir halten diese Erwartung für nicht plausibel. Mit Warsh an der Spitze – einem historischen Befürworter niedriger Zinsen am kurzen Ende bei gleichzeitigem Bilanzabbau – sehen wir Raum für zwei bis drei Zinssenkungen. Dies gilt insbesondere, wenn sich der Arbeitsmarkt im Sommer abkühlt und der Ölpreis seinen Weg zurück unter die 90-Dollar-Marke findet.

Ob Warsh diese Agenda umsetzen kann, hängt in den nächsten vier Wochen weniger von ökonomischen Daten als vom Ausgang eines politischen Ringens in Washington ab. Anleger sollten beides im Blick behalten.“

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