R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen“: Lebenshaltungskosten sind die größte Sorge

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Ängste der Deutschen oder "German Angst"
Foto: adobe.stock/kdhtdg
Wirtschaftlicher Pessimismus und politische Skepsis prägen in diesem Jahr die Ängste der Deutschen.

59 Prozent der Deutschen sorgen sich um steigende Lebenshaltungskosten, zeigt die R+V-Studie „Die Ängste der Deutschen 2026“. Auch die Furcht vor einer Rezession wächst deutlich. Wie stark das Vertrauen in die Politik gesunken ist, zeigen die Schulnoten der Studie.

Wirtschaftlicher Pessimismus und politische Skepsis prägen in diesem Jahr die Ängste der Deutschen. Das zeigt die Langzeitstudie „Die Ängste der Deutschen 2026“ der R+V Versicherung, für die seit 1992 jährlich 2.400 Menschen zu ihren Sorgen rund um Politik, Wirtschaft, Gesellschaft, Umwelt und Gesundheit befragt werden. „Wir beobachten einen deutlichen Anstieg der finanziellen Sorgen. Gleichzeitig treiben politische Themen die Bevölkerung um“, sagt Grischa Brower-Rabinowitsch, Leiter der Studie.

Lebenshaltungskosten bereiten den meisten Sorgen

Mit Abstand am stärksten fürchten die Befragten weiter steigende Lebenshaltungskosten. 59 Prozent gehen davon aus, dass ihr Geld dauerhaft nicht zum Leben reicht – ein Anstieg um sieben Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr (2025: 52 Prozent). „Die Menschen erleben tagtäglich, wie kostspielig der Alltag inzwischen ist“, sagt Brower-Rabinowitsch. Politikwissenschaftlerin Professorin Dr. Isabelle Borucki von der Philipps-Universität Marburg, die die Studie als Beraterin begleitet, ergänzt: „Die Schlüsselpreise Energie, Wohnen und Lebensmittel sind spürbar gestiegen. Dadurch sinkt der finanzielle Spielraum für Freizeit, Urlaub und Anschaffungen. Die Menschen können sich immer weniger leisten.“

Quelle: R+V

Die Sorge um die Lebenshaltungskosten belegt bereits zum 16. Mal Platz eins der Studie, bei insgesamt 35 Befragungen seit 1992. Besonders ausgeprägt ist der Pessimismus in Westdeutschland: Dort liegt die Furcht bei 60 Prozent, in Ostdeutschland bei 53 Prozent.

Quelle: R+V

Steuerängste und Rezessionssorgen nehmen zu

Auf Platz zwei folgt die Angst vor Steuererhöhungen oder Leistungskürzungen, die 53 Prozent der Befragten umtreibt (2025: 49 Prozent, Platz drei). „Für die Finanzierung von Sozialversicherungen, Verteidigung und Infrastruktur will der Staat viel Geld in die Hand nehmen. In dieser Situation beobachten wir, dass sich die Angst vor Steuererhöhungen oder Leistungskürzungen in unserer Studie nach vorne schiebt“, sagt Brower-Rabinowitsch.

Das Thema beschäftigt Ost und West sowie Männer und Frauen ähnlich stark. Borucki ordnet ein: „Den Bürgerinnen und Bürgern ist klar, dass die steigenden Ausgaben entweder durch höhere Abgaben, geringere Leistungen oder zusätzliche Verschuldung ausgeglichen werden müssen. Hinter der Angst vor höheren Steuern und Leistungskürzungen steht die Frage nach Fairness für jeden Einzelnen: Wer trägt die Kosten der Modernisierung, und kann ich mich auf die zugesagten Leistungen noch verlassen?“

Die Furcht vor einer schlechteren Wirtschaftslage liegt mit 51 Prozent auf Platz vier und verzeichnet den stärksten Anstieg aller abgefragten Ängste: zehn Prozentpunkte gegenüber dem Vorjahr, als das Thema mit 41 Prozent noch auf Platz zehn lag. „Besonders bemerkenswert: Die Angst vor einer Rezession ist um zehn Prozentpunkte gestiegen – stärker als jede andere Sorge“, sagt Brower-Rabinowitsch. Borucki sieht darin ein Warnsignal: „Der Sprung um zehn Prozentpunkte nach oben ist das stärkste Signal der Studie. Der Blick der Menschen auf die Wirtschaftslage ist eine Art Frühwarnsystem: Der Anstieg dieser Angst markiert einen kollektiven Vertrauensverlust in die wirtschaftliche Zukunft des Landes.“

Jeder zweite Befragte fürchtet zudem, dass Wohnraum unbezahlbar wird – das entspricht Platz fünf der Studie. „Knapper Wohnraum, hohe Preise und viel Konkurrenz bei der Wohnungssuche: Wir beobachten jedes Jahr aufs Neue, welche Sorgen das den Menschen bereitet“, sagt Brower-Rabinowitsch.

Migrationssorgen bleiben unter den Top Ten

Obwohl die Zuwanderung nach Deutschland abnimmt, zählen Migrationssorgen weiter zu den Top Ten der Studie. 52 Prozent der Befragten fürchten, dass die Zahl der Geflüchteten den Staat überfordert – Platz drei (2025: 49 Prozent, Platz zwei). Die Angst vor Spannungen durch weiteren Zuzug aus dem Ausland liegt mit 47 Prozent auf Platz sieben (2025: 45 Prozent, ebenfalls Platz sieben).

Quelle: R+V

Zwischen West und Ost zeigen sich unterschiedliche Entwicklungen: Im Westen ist die Angst vor einer Überforderung des Staates spürbar gestiegen, auf 51 Prozent (2025: 47 Prozent), während sie im Osten bei 55 Prozent liegt (2025: 56 Prozent). Vor Konflikten durch Zuwanderung fürchten sich im Westen 47 Prozent (2025: 43 Prozent) und im Osten 50 Prozent (2025: 51 Prozent).

Borucki erklärt: „Hier laufen mehrere Grundfragen zusammen – von staatlicher Kontrolle über humanitäre Verpflichtung und kulturelles Zusammenleben bis hin zur Verteilung knapper Ressourcen. Das sind bundesweite Fragen. Und deshalb bleiben die Sorgen groß, auch wenn die Zuwanderungszahlen sinken.“

Vertrauen in die Politik sinkt deutlich

48 Prozent der Bevölkerung befürchten, dass die Politik von ihren Aufgaben überfordert ist – ein Anstieg um sechs Prozentpunkte innerhalb eines Jahres. „Wir beobachten einen deutlichen Vertrauensverlust“, sagt Brower-Rabinowitsch. Auch die Schulnoten für Regierung und Opposition fallen schlecht aus: Der Notendurchschnitt liegt in diesem Jahr bei 4,1, nach 3,8 im Vorjahr.

Quelle: R+V

Schlechter waren die Werte zuletzt während der Regierung Merkel im Jahr 2018. Borucki führt das auf enttäuschte Erwartungen zurück: „Nach dem Ende der Ampel verknüpften viele mit Schwarz-Rot die Hoffnung auf mehr Führung, weniger Streit und eine schnelle wirtschaftliche Wende. Das hat sich nicht erfüllt. Zwischen den großen Ankündigungen und den spürbaren Ergebnissen klafft jetzt eine Lücke. Die Menschen sind enttäuscht und verlieren Vertrauen.“


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Die Weltpolitik spielt bei den Ängsten der Deutschen dieses Jahr eine nachgeordnete Rolle. 45 Prozent der Befragten fürchten, dass die Politik von Donald Trump die Welt gefährlicher macht – deutlich weniger als während seiner ersten Amtszeit, als dieser Wert 2018 mit 69 Prozent seinen bisherigen Höchststand erreichte. Die Angst vor immer mächtiger werdenden autoritären Herrschern weltweit liegt aktuell bei 41 Prozent und ist rückläufig. Borucki sieht darin einen Gewöhnungseffekt: „Nach Jahren permanenter geopolitischer Alarmmeldungen tritt hier ein Gewöhnungseffekt ein. Der Blick der Bevölkerung ist eher nach innen gerichtet.“

Angstniveau insgesamt weiterhin niedrig

Der Durchschnitt aller abgefragten Ängste liegt aktuell bei 38 Prozent und damit nur zwei Prozentpunkte über dem bisher sorgenärmsten Jahr 2021 – deutlich unter dem Spitzenwert von 52 Prozent aus dem Jahr 2016. Borucki ordnet das Ergebnis ein: „Im Zentrum stehen finanzielle Sorgen. Weil das Geld knapper wird, treten andere Ängste in den Hintergrund.“

Acht Ängste erreichen in diesem Jahr ihren bislang niedrigsten gemessenen Wert. Trotz Rekordhitze bereits im Juni, Niedrigwasser in den Flüssen, Ernteausfällen in der Landwirtschaft und heftigen Waldbränden sinkt die Angst vor dem Klimawandel auf 30 Prozent (Platz 20).

Noch geringer ist die Furcht vor Naturkatastrophen: Sie fällt um neun Prozentpunkte auf 27 Prozent (Platz 21) – der stärkste Rückgang einer Angst in diesem Jahr. „Die Folgen der Klimakrise sind für die Menschen deutlich erlebbar. Angesichts der scheinbar unaufhaltsamen Veränderungen wird das Gefühl der Angst offenbar durch Resignation überlagert“, sagt Borucki. „Die Regierung sollte sich trauen, zukunftsgerichtete Klimapolitik zu machen. Das wäre eine Chance für das Land und für die Wirtschaft.“

Weitere Ergebnisse im Überblick

Die Angst vor politischem Extremismus bewegt sich mit 41 Prozent auf Platz neun und damit auf ähnlichem Niveau wie im Vorjahr. Dabei ist die Furcht vor Islamismus mit 45 Prozent größer als die vor Rechtsextremismus mit 43 Prozent; die Angst vor Linksextremismus liegt mit sieben Prozent weit dahinter. Die Sorge vor einer gesellschaftlichen Spaltung nimmt weiter ab und liegt bei 37 Prozent (Platz zwölf). Auf Nachfrage nennen 75 Prozent der Befragten eine Spaltung zwischen Menschen mit und ohne Migrationshintergrund, 59 Prozent eine Trennung zwischen Arm und Reich und 54 Prozent unterschiedliche Haltungen zu demokratischen Werten als dominierende Spaltungsthemen.

Die Angst, Deutschland könnte durch den anhaltenden Angriffskrieg gegen die Ukraine zur Kriegspartei werden, geht mit 34 Prozent deutlich zurück (2025: 41 Prozent, Platz 14) – im Jahr vor Kriegsbeginn lag sie noch bei 16 Prozent. Dass Künstliche Intelligenz die Gesellschaft gefährdet, fürchtet jeder dritte Befragte (Platz 16). Nur 20 Prozent der Erwerbstätigen befürchten, ihren Job zu verlieren – der bisherige Tiefstwert seit Beginn dieser Abfrage 1992 (Platz 24). Die geringste Sorge der Deutschen ist mit 19 Prozent die Angst vor Straftaten (Platz 25).

Die Studie „Die Ängste der Deutschen“ befragt seit 1992 in persönlichen Interviews rund 2.400 Männer und Frauen der deutschsprachigen Wohnbevölkerung ab 14 Jahren zu ihren größten politischen, wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und ökologischen Ängsten. Die repräsentative Untersuchung der R+V Versicherung fand in diesem Jahr zum 35. Mal statt, in drei Wellen vom 11. Mai bis zum 29. Juli 2026.

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