Siemens-Zahlen: Was Anleger jetzt über die Bewertung wissen müssen

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Siemens-Logo an einer Wand in einem Server-Raum.
Bild: Alexey Novikov - stock.adobe.com
Trotz Rekordauftragseingang und angehobener Prognose gab die Siemens-Aktie am 6. August deutlich nach.

Siemens meldet Rekordauftragseingang und hebt die Gewinnprognose an – die Aktie verliert dennoch deutlich. Morningstar-Analyst Matthew Donen hält an seinem fairen Wert von 240 Euro fest, rund 14 Prozent unter dem Schlusskurs vom 6. August. Was hinter der Diskrepanz steckt und wie andere Analysten urteilen.

Selten liegen operative Stärke und Kursreaktion an der Börse so weit auseinander wie an diesem Donnerstag bei Siemens. Der Technologiekonzern meldet für das dritte Quartal des Geschäftsjahres 2025/26 (April bis Juni) Rekordwerte beim Auftragseingang und beim Gewinn des Industriegeschäfts, hebt zugleich die Prognose für das Ergebnis je Aktie an – und verliert an der Börse dennoch deutlich an Wert.

Vor der Veröffentlichung notierte die Aktie nur knapp unter ihrem Rekordhoch. Nach den Zahlen brach der Kurs zeitweise um mehr als fünf Prozent ein und schloss 2,78 Prozent tiefer bei 278 Euro. Für Vermögensverwalter, Fondsvermittler und Privatanleger ist das ein Lehrstück: Ein Unternehmen kann operativ liefern und trotzdem an der Börse abgestraft werden, wenn die Bewertung bereits viel Optimismus einpreist. Genau an diesem Punkt setzt die Einschätzung von Morningstar an, die schon vor den Zahlen für Diskussionsstoff sorgte.

Rekordauftragseingang und höhere Gewinnprognose

Der Auftragseingang kletterte im dritten Quartal um 14 Prozent auf vergleichbarer Basis – also bereinigt um Währungs- und Portfolioeffekte – auf einen Rekordwert von 27,9 Milliarden Euro, nach 24,7 Milliarden Euro im Vorjahresquartal. Das Verhältnis von Auftragseingang zu Umsatz, das sogenannte Book-to-Bill-Verhältnis, lag bei starken 1,34. Der Auftragsbestand erreichte zum Quartalsende mit 132 Milliarden Euro ebenfalls einen neuen Rekordwert. Das entspricht deutlich mehr als eineinhalb Jahresumsätzen und verschafft dem Konzern eine ungewöhnlich hohe Planungssicherheit für die kommenden Quartale.

Der Umsatz wuchs auf vergleichbarer Basis um acht Prozent auf 20,8 Milliarden Euro und lag damit leicht über der von Analysten vorab erwarteten Marke von rund 20,6 Milliarden Euro. Der Gewinn des Industriegeschäfts stieg um 25 Prozent auf einen Rekordwert von 3,5 Milliarden Euro, die Marge verbesserte sich von 14,9 auf 17,3 Prozent. Der Konzernüberschuss legte um 15 Prozent auf 2,6 Milliarden Euro zu, der freie Zahlungsmittelzufluss sprang um 42 Prozent auf 4,1 Milliarden Euro. Finanzvorständin Veronika Bienert nennt das eine „exzellente“ Entwicklung.

Auf dieser Basis hebt der Vorstand die Prognose für das Ergebnis je Aktie vor Kaufpreisallokationseffekten für das Gesamtjahr 2025/26 an: von zuvor 10,70 bis 11,10 Euro auf jetzt 11,20 bis 11,50 Euro. Beim Umsatz bestätigt der Konzern das Ziel eines vergleichbaren Wachstums von sechs bis acht Prozent.

KennzahlDrittes Quartal 2025/26Drittes Quartal 2024/25Veränderung
Auftragseingang27,9 Milliarden Euro24,7 Milliarden Europlus 14 Prozent (vergleichbare Basis)
Umsatz20,8 Milliarden Euro19,4 Milliarden Europlus acht Prozent (vergleichbare Basis)
Gewinn Industriegeschäft3,5 Milliarden Euro2,8 Milliarden Europlus 25 Prozent
Marge Industriegeschäft17,3 Prozent14,9 Prozentplus 2,4 Prozentpunkte
Nettogewinn Konzern2,6 Milliarden Euro2,2 Milliarden Europlus 15 Prozent
Ergebnis je Aktie vor Kaufpreisallokation3,14 Euro2,78 Europlus 13 Prozent
Freier Zahlungsmittelzufluss Konzern4,1 Milliarden Euro2,9 Milliarden Europlus 42 Prozent
Auftragsbestand zum Quartalsende132 Milliarden EuroRekordwert

Der vorab von Analysten erwartete Gewinnwert von rund 2,58 Euro je Aktie, laut FactSet-Konsens, bezog sich auf eine andere Ergebnisgröße als das von Siemens ausgewiesene „EPS pre PPA“. Ein direkter Vergleich beider Werte wäre irreführend. Belastbar vergleichbar ist vor allem die Umsatzkennziffer.

Digitalgeschäft und Rechenzentren treiben das Wachstum

Der eigentliche Wachstumsmotor sitzt in den beiden digitalnahen Sparten. Digital Industries steigerte den Gewinn um 44 Prozent auf 923 Millionen Euro, die Marge kletterte von 14,5 auf 18,7 Prozent. Treiber war vor allem das Softwaregeschäft, das um 15 Prozent auf 1,8 Milliarden Euro zulegte. Die wiederkehrenden Softwareerlöse, gemessen am Annual Recurring Revenue, wuchsen um elf Prozent auf 5,7 Milliarden Euro. Über die ersten neun Monate des Geschäftsjahres wuchs das gesamte Digitalgeschäft um 18 Prozent und übertraf damit das im November 2025 ausgegebene Ziel von 15 Prozent deutlich.

Noch dynamischer entwickelte sich Smart Infrastructure: Der Auftragseingang schoss um 42 Prozent auf 8,0 Milliarden Euro nach oben, ein Quartalsrekord, getragen von größeren Aufträgen von Rechenzentrumskunden in den USA und Europa. Der Umsatz stieg um 13 Prozent auf 6,4 Milliarden Euro, die Marge erreichte 20,0 Prozent. Über die ersten neun Monate des Geschäftsjahres verzeichnete das Rechenzentrumsgeschäft bei Smart Infrastructure ein Auftragswachstum im dreistelligen Prozentbereich auf rund sechs Milliarden Euro. Für Anleger mit Blick auf den Ausbau der KI-Infrastruktur ist das der wohl aussagekräftigste Einzelwert im gesamten Zahlenwerk.


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Mobility bleibt Bremsklotz

Deutlich verhaltener entwickelte sich die Bahnsparte Mobility. Der Auftragseingang lag mit 7,6 Milliarden Euro leicht unter dem Vorjahreswert von 7,9 Milliarden Euro, blieb damit aber auf hohem Niveau – gestützt unter anderem durch Großaufträge für Doppelstockzüge in der Schweiz im Umfang von 2,2 Milliarden Euro, einen erweiterten Wartungsvertrag in Großbritannien im Umfang von zwei Milliarden Euro und einen Langfrist-Servicevertrag für Batteriezüge in Deutschland im Umfang von 0,6 Milliarden Euro. Der Umsatz wuchs um sechs Prozent auf 3,2 Milliarden Euro, der Gewinn lag mit 280 Millionen Euro und einer Marge von 8,6 Prozent nahezu unverändert zum Vorjahr – und damit weiterhin deutlich unter dem Margenniveau der beiden anderen Kernsparten.

Warum die Aktie trotz Rekordzahlen fällt

Vor der Zahlenvorlage hatte die Siemens-Aktie eine beeindruckende Rally hinter sich: Am 4. August schloss sie bei 288,60 Euro, nur 0,29 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch, ehe sie am 5. August leicht auf 285,45 Euro nachgab. Der Relative-Stärke-Index lag laut Morningstar bei 65,5 – nahe der als überkauft geltenden Marke von 70 –, und der Kurs notierte deutlich über seinem gleitenden 50-Tage-Durchschnitt. Diese Ausgangslage ließ wenig Spielraum für Enttäuschungen.

Am Tag der Veröffentlichung geriet die Aktie trotz der Rekordzahlen unter Verkaufsdruck und verlor zeitweise mehr als fünf Prozent auf rund 270 Euro, bevor sie sich bis Handelsschluss auf 278 Euro erholte – ein Tagesverlust von 2,78 Prozent. Marktbeobachter werten dies überwiegend als Gewinnmitnahmen nach der vorangegangenen Kursrally, nicht als fundamentale Neubewertung. Die Analysten von RBC stufen das angehobene Gewinnziel als „bereits marktgerecht eingepreist“ ein, sehen im starken Auftragseingang und Gewinn aber weiterhin positive Signale.

Morningstar sieht fairen Wert bei 240 Euro

Bereits am 3. August, also vor der Zahlenvorlage, hatte Morningstar-Analyst Matthew Donen seine Fair-Value-Schätzung für Siemens bei 240 Euro bestätigt – einem Niveau, das seinerzeit rund 45 Euro unter dem damaligen Börsenkurs lag. Nach dem Kursrückgang beträgt der Abstand zum Schlusskurs vom 6. August von 278 Euro noch rund 38 Euro beziehungsweise etwa 14 Prozent.

Donen macht seine Einschätzung an zwei zentralen Fragen fest: Wie tragfähig ist die Erholung bei Digital Industries, und wie nachhaltig ist die Nachfrage nach Rechenzentrumsinfrastruktur – beides zentrale Wachstumsmotoren des Konzerns. Wichtig für die Einordnung: Zum Zeitpunkt der Recherche für diesen Artikel lag noch keine aktualisierte Morningstar-Stellungnahme nach den Zahlen zum dritten Quartal vor. Die Fair-Value-Schätzung von 240 Euro basiert also auf dem Kenntnisstand vor der Veröffentlichung der Rekordzahlen und könnte von Morningstar in den kommenden Tagen angepasst werden, etwa falls die Analysten die höhere Gewinnprognose oder die Dynamik im Rechenzentrumsgeschäft neu gewichten. Berater sollten die Morningstar-Einschätzung vor einer Anlageentscheidung auf Aktualität prüfen.

Was ist der Fair Value?

Der „Fair Value“ ist eine von Analysten modellierte Schätzung des inneren, fundamental gerechtfertigten Aktienwerts – meist auf Basis eines Discounted-Cashflow-Modells, das künftige Gewinne und Zahlungsströme auf den heutigen Tag abzinst. Er unterscheidet sich vom klassischen Kursziel vieler Broker-Analysten, das häufig einen Zwölf-Monats-Horizont hat und stärker von kurzfristigen Multiplikatoren und Marktsentiment beeinflusst wird. Morningstar ergänzt die Fair-Value-Schätzung um eine Einstufung der Wettbewerbsvorteile, den sogenannten Economic Moat, und eine Unsicherheitsbewertung, die angibt, wie stark der geschätzte Wert schwanken kann. Ein Kurs über dem Fair Value signalisiert aus Sicht des jeweiligen Analysten eine anspruchsvolle, aber nicht zwangsläufig falsche Bewertung.

Seite 2: Andere Analysehäuser deutlich optimistischer

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