Fünf Jahre nach der verheerenden Flutkatastrophe im Ahrtal warnt der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) davor, die Ereignisse vom Juli 2021 als regionale Ausnahme zu betrachten. Vergleichbare Extremwetterlagen können auch andere Regionen Deutschlands treffen – und das Absicherungssystem ist nach Ansicht der Versicherungswirtschaft wie auch von Verbraucherschützern noch nicht ausreichend darauf vorbereitet. In den betroffenen Gebieten haben die Versicherer Schäden von rund 8,75 Milliarden Euro reguliert.
„Deutschland muss schneller in Prävention und Klimafolgenanpassung investieren. Die nächste Extremwetterkatastrophe wartet nicht, bis Schutzmaßnahmen geplant, genehmigt und gebaut sind“, sagt Jörg Asmussen, Hauptgeschäftsführer des GDV. Der Verband fordert insbesondere mehr Tempo beim Hochwasserschutz und bei der Klimafolgenanpassung.
Im Landkreis Ahrweiler wurden seit der Flut Warnsysteme modernisiert, Brücken neu gebaut und Flussläufe renaturiert. Der Wiederaufbau zeigt jedoch, wie langwierig wirksamer Hochwasserschutz ist: Große Rückhaltebecken und Retentionsflächen benötigen Jahre bis zur Fertigstellung und sind vielfach auf Unterstützung von Bund und Ländern angewiesen.
Der Bund der Versicherten (BdV) kritisiert in einem zeitgleich vorgelegten Impulspapier zudem, dass beim Wiederaufbau viele Häuser, Brücken und Straßen nahezu identisch am alten Standort errichtet wurden. Hochwassergefahrenkarten und Klimaprojektionen seien nicht konsequent berücksichtigt worden, lautet unter anderem der Vorwurf.
Versicherungsdichte steigt, Schutzlücke bleibt
Immerhin: Die Bereitschaft zur privaten Absicherung hat zugenommen. Nicht nur, weil die Versicherer medial seit Jahren hierfür werben. Sondern auch, weil viele Versicherer dazu übergegangen sind, die Naturgefahrenabsicherung als Opt-Out-Version in ihre Wohngebäudeversicherungen zu integrieren. Wer keine Absicherung möchte, muss sich aktiv dagegen aussprechen.
Ende 2025 verfügten rund 59 Prozent der Wohngebäude in Deutschland über eine Elementarschadenversicherung. Besonders deutlich ist der Anstieg in den von der Flut betroffenen Bundesländern: In Nordrhein-Westfalen stieg die Versicherungsdichte von 47 Prozent im Jahr 2020 auf 65 Prozent Ende 2025, in Rheinland-Pfalz von 37 Prozent vor der Flut auf 59 Prozent.
Versicherungsdicht steigt
Trotz dieser Entwicklung sieht der GDV weiterhin erhebliche Schutzlücken. Naturgefahren verursachten 2025 in der Sachversicherung Schäden von rund 1,4 Milliarden Euro, davon rund 400 Millionen Euro auf Überschwemmungen und Starkregen. Im Jahr 2024 lagen die versicherten Schäden bei 4,7 Milliarden Euro – 2,8 Milliarden Euro entfielen auf Elementargefahren, 1,9 Milliarden Euro auf Sturm und Hagel. Seit Beginn der GDV-Erhebungen im Jahr 2002 haben Elementarschäden durchschnittlich rund zwei Milliarden Euro pro Jahr verursacht; selbst ohne die Ahrtalflut liegt der Durchschnitt noch bei rund 1,5 Milliarden Euro.
Asmussen mahnt: „Vorsorge darf sich nicht auf die Regionen beschränken, die bereits von einer Katastrophe betroffen waren. Auch andere Täler und kleinere Einzugsgebiete in Mittel- und Hochgebirgen, etwa an Kocher, Oker, Volme oder Weißeritz, können bei vergleichbaren Wetterlagen schwer getroffen werden. Dort muss heute gehandelt werden, nicht erst nach der nächsten Flut.“
Pflichtversicherung: Streit um den richtigen Weg
In der Frage, wie die Versicherungsdichte weiter erhöht werden soll, gehen die Positionen vom Versicherungsverband und den Verbraucherschützern auseinander. Der GDV spricht sich gegen eine isolierte Pflichtversicherung aus: Sie würde zwar die Abdeckungsquoten erhöhen, zentrale Fragen der Prävention, der Hochrisikogebiete und der Absicherung außergewöhnlicher Extremereignisse aber nicht lösen. Stattdessen fordert der Verband, Elementarschutz in der Wohngebäudeversicherung zum Regelfall mit Opt-out-Option zu machen. Für Gebäude in besonders gefährdeten Lagen soll zudem das Modell „Elementar Re“ eine staatliche Rückdeckung ermöglichen.
Der BdV hält dieses Modell für unzureichend. Wer die Opt-out-Option nutze, solle nach dem GDV-Vorschlag zugleich erklären, im Schadenfall keine staatliche Hilfe in Anspruch zu nehmen – was mit verbraucherrechtlichen Grundsätzen kaum vereinbar sei. Auch die Erfahrungen aus Großbritannien mit dem vergleichbaren Programm Flood Re stimmten den Verband skeptisch: Das dortige System begünstige Immobilien mit hohem Marktwert, halte Präventionsmaßnahmen bei der Prämienkalkulation außen vor und stehe nun vor einer umfassenden Reform.
Als Alternative schlägt der BdV eine öffentliche Einrichtung zur Katastrophenvorsorge vor, die über einen Zuschlag auf die Versicherungssteuer oder die Grundsteuer finanziert werden könnte. Diese Stelle würde Prävention, Wiederaufbauhilfe und die Verwaltung eines bundesweiten Naturgefahrenportals bündeln und könnte nach Schweizer Vorbild als öffentlich-private Partnerschaft ausgestaltet werden, bei der die Versicherungswirtschaft Expertise in Risikoanalyse und Schadenregulierung einbringt.
Naturgefahrenportal als gemeinsame Forderung
In einem Punkt sind GDV und BdV einer Meinung: Deutschland braucht eine transparente und allgemein zugängliche Plattform, auf der Bürger, Verwaltung und Versicherer Naturgefahrenrisiken und den Stand von Schutzmaßnahmen nachvollziehen können. Der GDV setzt sich für ein bundesweites Naturgefahrenportal ein, das als Radar der Klimaanpassungsmaßnahmen dienen und adressgenaue Risikoeinschätzungen ermöglichen soll. Wer das eigene Risiko bereits heute einschätzen möchte, kann den GDV-Hochwasser-Check nutzen.
Der Verband der öffentlichen Versicherer hat mit „Elementa Zentrum Naturgefahren“ (www.elementa.org) inzwischen eine solche Plattform vorgestellt, die Risikoinformationen und Präventionsempfehlungen einschließlich eines Bauteilregisters kostenlos bereitstellt.
Der BdV schlägt darüber hinaus die gesetzliche Einführung eines Naturgefahrenausweises für Gebäude vor – vergleichbar dem Energieausweis –, der Risiken sichtbar macht, Präventionsmaßnahmen benennt und als verbindliche Grundlage für die Risikobewertung der Versicherer dienen soll.













