Die Wechselzahlen aus der GKV in die PKV haben 2025 mit rund zweihundertsechstausend Personen deutlich zugenommen. Was sind die Haupttreiber?
Esser: Die steigende Kostenbelastung in der GKV gewinnt aktuell an Bedeutung. Gleichzeitig schauen die Menschen genauer darauf, welche Leistungen sie für ihr Geld erhalten. Die PKV überzeugt viele mit ihren Leistungen und der Möglichkeit individueller Gestaltung. Entscheidend ist aber ein weiterer Aspekt: Die PKV setzt auf Kapitaldeckung und ist damit generationengerecht finanziert. Gerade in einer alternden Gesellschaft rückt die Frage in den Mittelpunkt, welches Finanzierungssystem auch künftig zuverlässig funktioniert. Die PKV gibt darauf eine überzeugende Antwort.
Die Leistungsausgaben in der PKV sind 2024 um zehn Prozent gestiegen, 2025 nochmals um sieben Prozent. Das belastet die versicherungstechnischen Ergebnisse und hat zu Beitragsanpassungsdruck geführt. Ist das medizinischer Fortschritt, demografischer Druck - oder hat die PKV ein strukturelles Kostenproblem?
Esser: Die private Krankenversicherung ist zukunftsfähig aufgestellt, kann sich aber nicht vom Gesundheitssystem entkoppeln. Denn privat wie gesetzlich Versicherte nutzen dieselben Kliniken, Ärztinnen und Ärzte, dieselben Zahnärzte, dieselben Apotheken und der Rahmen dazu ist politisch vorgegeben. Die gestiegenen Kosten wirken sich deshalb sowohl auf GKV wie PKV aus. Genau deshalb muss die Politik jetzt die wesentlichen Kostentreiber in den Blick nehmen und die notwendigen Strukturreformen angehen. Zur ehrlichen Einordnung gehört jedoch auch, dass Privatversicherte in der Regel mehr Leistungen erhalten als GKV-Versicherte und dennoch zu einem großen Teil weniger als den GKV-Höchstbeitrag zahlen. Der Unterschied zwischen GKV und PKV liegt in der Finanzierung: Die PKV bildet über Jahrzehnte hinweg Rückstellungen für ihre Versicherten und sorgt damit generationengerecht für die Ausgaben im Alter vor, während die GKV im Umlagesystem nicht spart, sondern ausgibt, was reinkommt. In unserer alternden Gesellschaft ist das ein Problem. Deshalb brauchen wir nicht weniger, sondern mehr private Krankenversicherung.
Es gibt Hinweise, dass privatärztliche Verrechnungsstellen bei der Übernahme der Abrechnung nicht unerhebliche Aufschläge erheben. Ich spreche bewusst von Größenordnungen um zwanzig Prozent. Ein Vorstand einer PKV hat mir das konkret belegt: Die Rechnung wurde erst nach Intervention nachträglich korrigiert. Wäre das ein Kostentreiber, der in den Leistungsausgaben Ihrer Versicherten landet?
Esser: Hinweise auf systematische Zuschläge durch privatärztliche Verrechnungsstellen in der genannten Größenordnung haben wir nicht. Auffälligkeiten, die wir sehen, hängen nach unserer Erfahrung vor allem mit den Interpretationsspielräumen der veralteten Gebührenordnung für Ärzte (GOÄ) zusammen. Deshalb prüfen wir Rechnungen konsequent und setzen uns für transparente, sachgerechte Abrechnungen ein. Die Modernisierung der GOÄ kann hier einen wichtigen Beitrag leisten, weil sie mehr Klarheit schafft und damit mehr Rechtssicherheit und weniger Interpretationsspielräume
Themenwechsel: bKV. Sie haben sich 2025 36 Prozent des gesamten Marktwachstums gesichert. Wie erklären Sie das, und wie sieht das bKV-Konzept der Allianz aus?
Esser: Unternehmen erkennen zunehmend, dass Investitionen in die Gesundheit der Mitarbeitenden und Arbeitgeberattraktivität eng zusammenhängen. Unser Erfolg als APKV basiert darauf, dass wir hierfür passgenaue Lösungen anbieten und die bKV einfach in den Unternehmensalltag integrieren. Für die Allianz ist die bKV deshalb ein zentrales Geschäftsfeld. Sie verbindet Wachstum mit einem gesellschaftlich wichtigen Ziel: die Gesundheitsversorgung von Beschäftigten spürbar zu verbessern.
Wie groß ist das Potenzial?
Esser: Das Wachstumspotenzial der bKV ist aus meiner Sicht noch riesig. Gesundheit entwickelt sich zunehmend zu einem strategischen Faktor zur Fachkräftesicherung und Mitarbeiterbindung. Gleichzeitig nutzt bislang nur ein vergleichsweise kleiner Teil der Unternehmen die Möglichkeiten der bKV. Deshalb stehen wir nicht vor einer Sättigung des Marktes, sondern am Beginn einer breiten Marktdurchdringung.
Es gibt aber erste Berichte über Beitragserhöhungen und Tarifschließungen. Ist das ein Problem?
Esser: Punktuelle Beitragserhöhungen oder Tarifanpassungen ändern nichts an der grundsätzlichen Aussage: Die bKV hat ein enormes Potenzial, und ich bin überzeugt, dass sie in den kommenden Jahren zum festen Standard in deutschen Unternehmen wird.

Trägt die Nachfrage sich mittlerweile selbst - oder müssen Sie noch aktiv in den Markt hineingehen?
Esser: Die Nachfrage ist stark gewachsen. Anfangs haben wir das Thema aktiv in den Markt getragen - wie das bei jedem jungen Geschäftsfeld ist. Inzwischen sehen wir eine starke Nachfrage aus dem Markt heraus.
Zur Pflege: Die stationären Eigenanteile sind für viele Familien existenzbedrohend. Was müsste der Bundesgesundheitsminister in dieser Legislatur angehen?
Esser: Der wichtigste erste Schritt ist Ehrlichkeit über die Finanzlage der Pflegeversicherung. Wir können die demografische Entwicklung nicht wegsubventionieren. Immer mehr Pflegebedürftige stehen immer weniger Beitragszahlern gegenüber, während die Ausgaben deutlich schneller wachsen als die Einnahmen. Das ist nicht tragfähig. Wir sollten deshalb wieder stärker zum Prinzip der Subsidiarität zurückkehren: Unterstützung dort, wo sie nötig ist, und Eigenverantwortung dort, wo sie möglich ist. Wir gehen zu sehr mit der Gießkanne vor. Dabei können viele Menschen einen erheblichen Teil ihrer Pflegekosten aus Einkommen oder Vermögen selbst tragen. Wenn jemand über ein Eigenheim oder Vermögen verfügt, ist es legitim, dieses im Pflegefall für die Erben schützen zu wollen. Aber es ist ebenso legitim zu fragen, ob die Allgemeinheit dafür in vollem Umfang aufkommen sollte. Heute finanzieren auch kleine und mittlere Einkommen wie LKW-Fahrer, Krankenschwestern oder Altenpfleger Leistungen mit, die teilweise der Vermögenssicherung anderer dienen. Das wird auf Dauer nicht funktionieren. Gleichzeitig gibt es Lösungen: Private Vorsorge kann gezielt helfen, Pflegekostenlücken zu schließen. Deshalb sollte in Deutschland die Pflegezusatzversicherungen gefördert werden. Am Ende geht es um Balance: mehr Zielgenauigkeit bei den Leistungen der Pflegeversicherung - und mehr Anreize zur eigenen privaten Vorsorge. Dabei bedeutet weniger Gießkanne nicht weniger Solidarität. Es bedeutet, die Solidarität stärker auf diejenigen zu konzentrieren, die sie wirklich benötigen. Nur mit dieser Balance bleibt Pflege auch für kommende Generationen finanzierbar
Braucht es mehr Aufklärung - auch vertrieblich? Bei meinem Allianz-Berater rangiert Pflege unter den Top fünf, nach Haus, Vorsorge und Auto. Dabei müsste das Thema eigentlich ganz oben stehen.
Esser: Absolut. Pflege und Krankenversicherung müssen bei jeder Beratung dabei sein - weil es Themen sind, die den Menschen ganz persönlich betreffen. Man kann schon den Eindruck haben, dass beim Auto manchmal großzügiger abgesichert wird als beim eigenen Körper.
Ich weiß, was eine Pflegezusatzversicherung in meiner Altersklasse kostet. Und ich weiß auch, was sie in jüngeren Jahren kostet.
Esser: Genau deswegen ist es so wichtig, früh anzufangen. Da wir mit dem Kapitaldeckungsverfahren arbeiten, gilt: Je früher man beginnt, desto günstiger bleibt der Beitrag - weil es am Ende ein Ansparprodukt ist.
Müsste man dieses Produkt also parallel zur BU gleich zu Beginn anbieten?
Esser: Absolut - je früher, desto besser.
Glauben Sie, dass Deutschland das Pflegeproblem in den nächsten zehn Jahren löst - oder laufen wir sehenden Auges in eine Krise?
Esser: Eine Versorgungskrise ist nicht unausweichlich. Aber sie wird wahrscheinlicher, wenn die Realität weiter verdrängt wird. Die Herausforderungen sind seit Jahren bekannt: mehr Pflegebedürftige, weniger Erwerbstätige und steigende Kosten. Ich setze darauf, dass die Politik mutig mit Reformen über die nächste Wahlperiode hinausdenkt. Dann kann für Deutschland eine zukunftsfähige Versorgung gelingen.
Und wenn nicht?
Esser: Dann wird das in einem umlagefinanzierten System dauerhaft nicht finanzierbar sein.
Zur Digitalisierung: Der PKV-Verband hat im Mai zum GDIG-Gesetzentwurf festgestellt, dass fast alle Praxisverwaltungssysteme und die meisten Apothekensoftwaresysteme heute nicht in der Lage sind, ePA-Daten von Privatversicherten zu befüllen. Das klingt nach einem totalen Versäumnis. Woran liegt das?
Esser: Das Problem ist nicht fehlender Wille bei den Ärzten oder Apothekern. Das Problem ist, dass die Politik bislang nicht verbindlich geregelt hat, dass die Praxen- und Apotheken-Software die Versorgung von Privatversicherten unterstützen muss. Solange das nicht geschieht, bleiben digitale Patientenrechte auf dem Papier stehen.
Auch beim E-Rezept funktioniert die Anbindung für Privatversicherte offenbar nicht durchgängig.
Esser: Wir haben in Deutschland beim E-Rezept und bei der ePA ein Umsetzungsproblem. Hier ist der Gesetzgeber gefragt, die letzten Lücken zu schließen, damit Digitalisierung wirklich für alle Versicherten funktioniert.
Der PKV-Verband fordert außerdem, dass digitale Services rechtssicher als tarifliche Leistung abgerechnet werden können - was derzeit gesetzlich nicht möglich ist. Was kostet diese Regelungslücke in der Praxis?
Esser: Bei dem Thema geht es vor allem um digitale Services wie Leistungen der Telematik Infrastruktur, zB die ePA, und wie sie genau bilanziell verbucht werden. Wir plädieren bei der Politik dafür, dass wir als PKVen diese als tarifliche Leistungen verbuchen können. So würde eine Gleichbehandlung mit der GKV hergestellt, wo dies im Leistungskatalog verankert ist.
Ich würde zum Abschluss noch gerne den Vertrieb ansprechen. Was raten Sie einem Makler, der PKV und bKV stärker in seinen Beratungsalltag integrieren möchte?
Esser: Wir erleben derzeit einen grundlegenden Wandel. Die Menschen sorgen sich mehr um ihre Gesundheitsversorgung und ihre Absicherung im Pflegefall. Gleichzeitig suchen Arbeitgeber nach Wegen, Fachkräfte zu gewinnen und zu binden. Mein Rat an Makler ist deshalb: Machen Sie das Thema Gesundheit zum Standard in jedem Kundengespräch. Gesundheit ist für Privatkunden und Unternehmen gleichermaßen relevant. Das Thema entwickelt sich zu einem der wichtigsten Beratungsthemen der kommenden Jahre. Wer hier kompetent berät, schafft echten Mehrwert für seine Kunden und erschließt zugleich neue Wachstumschancen.
Und die abschließende Frage: Was ist das hartnäckigste Missverständnis, das die Öffentlichkeit über die private Krankenversicherung hat - und warum hat die Branche das bislang nicht ausgeräumt?
Esser: Das größte Missverständnis lautet: Die Einführung einer Bürgerversicherung sei die Antwort auf alle Finanzierungsprobleme in unserem Gesundheitswesen. Tatsächlich würde eine Einheitskasse weder die Alterung der Gesellschaft noch die steigenden Gesundheitskosten beseitigen. Im Gegenteil: Gerade in einer alternden Gesellschaft brauchen wir mehr Kapitaldeckung, nicht weniger. Die PKV sorgt vor, die GKV verteilt um. Das zeigt ein einfacher Vergleich: Die Rücklagen der gesetzlichen Krankenversicherung reichen für wenige Tage, die Allianz Private Krankenversicherung dagegen hat für ihre Versicherten Rückstellungen für rund achteinhalb Jahre aufgebaut. Gleichzeitig bringt die PKV jedes Jahr Milliarden zusätzlich ins Gesundheitssystem. Deshalb ist die PKV nicht Teil des Problems, sondern ein wichtiger Teil der Lösung.















