Die Ertragslage der deutschen Lebensversicherer hat sich spürbar verbessert. Die bilanzielle Umsatzrendite liegt aktuell bei rund 18 Prozent – in den Niedrigzinsjahren war sie zeitweise auf unter zehn Prozent gefallen. Zwei Faktoren treiben die Entwicklung: höhere Neuanlagerenditen und die Rückflüsse aus der Zinszusatzreserve (ZZR). Der branchenweite ZZR-Bestand ist Ende 2025 erstmals wieder unter 80 Milliarden Euro gesunken, nach einem Höchststand von 96 Milliarden Euro im Jahr 2021. Ab 2027 erwartet Assekurata noch höhere jährliche Rückflüsse, die Umsatzrendite dürfte dann an die 20-Prozent-Marke heranreichen und diese ab 2028 übertreffen.
Das Zinsumfeld bleibt dabei zweischneidig. Die Europäische Zentralbank hat im Juni 2026 erstmals seit drei Jahren die Leitzinsen wieder angehoben: Der Einlagesatz stieg um 25 Basispunkte auf 2,25 Prozent. Hintergrund sind gestiegene Inflationsrisiken – die Teuerungsrate in der Eurozone lag im Mai bei 3,2 Prozent. „Höhere Zinsen stärken die Neuanlagerenditen und entlasten die Finanzierung der Garantien“, sagt Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse und Bewertung bei Assekurata. „Sie belasten aber die Marktwerte bestehender Anleiheportfolios, wodurch sich die hohen stillen Lasten verfestigen würden.“ Zum Bilanzstichtag 2025 lagen die stillen Lasten der Branche bei rund 100 Milliarden Euro – nahezu auf dem Höchststand aus dem Jahr 2022.
Robust zeigt sich auch die Solvenzlage. Die durchschnittliche Solvenzquote der Lebensversicherer lag Ende 2025 bei knapp 380 Prozent – gegenüber 298 Prozent im Vorjahr und weit über der aufsichtsrechtlichen Mindestanforderung von 100 Prozent. Übergangsmaßnahmen spielen nur noch in Einzelfällen eine Rolle. „Die Solvenzlage ist ein klarer Stabilitätsanker der Branche“, sagt Heermann. „Eine knapp vierfache Überdeckung der Mindestanforderung ist ein klarer Beleg dafür, dass die Lebensversicherer aufsichtsrechtlich stark kapitalisiert sind.“
Verwaltungskosten steigen, Vertragsbestand schrumpft
Weniger komfortabel ist die Situation auf der Kostenseite. Die Verwaltungsstückkosten je Vertrag liegen aktuell bei rund 27 Euro – vor fünf Jahren waren es 25 Euro, vor 15 Jahren noch unter 23 Euro. Gleichzeitig ist der Bestand an Lebensversicherungsverträgen seit 2011 um rund zehn Millionen auf zuletzt rund 79 Millionen gesunken. Die klassische Verwaltungskostenquote, gemessen an den gebuchten Bruttobeiträgen, entwickelt sich zwar langfristig leicht rückläufig. Bei Betrachtung nur der laufenden Beitragseinnahmen zieht sie zuletzt aber wieder an.
Ursache ist das Wachstumsmuster im Neugeschäft: Einmalbeiträge legten 2025 um 17 Prozent zu, die laufenden Beiträge stagnierten. „Die verbesserte Ertragslage darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass viele Geschäftsmodelle auf der Kostenseite strukturell angespannt sind“, ordnet Heermann ein.
Ab 2027 dürfte dieser Aspekt noch stärker an Bedeutung gewinnen. Die Reform der geförderten privaten Altersvorsorge macht Produkte transparenter und digital vergleichbarer – Kosten rücken damit stärker in den Fokus. Das neue Förderregime öffnet die Produktlandschaft für ein Altersvorsorgedepot ohne Garantie, lässt aber auch lebensversicherungsförmige Garantieprodukte weiterhin förderfähig. Assekurata erwartet, dass die meisten Lebensversicherer entsprechende Angebote früh im Jahr 2027 auf den Markt bringen.
Altersvorsorgereform verschärft den Produktwettbewerb
Gegenüber branchenfremden Wettbewerbern sieht Assekurata bei der Assekuranz einen Erfahrungsvorsprung aus der Riester-Welt. Zugleich mahnt die Rating-Agentur zur Wachsamkeit bei möglichen Wechselimpulsen aus bestehenden Riester-Verträgen. Übermäßige Abflüsse könnten nicht nur die Bestandsfestigkeit belasten, sondern auch erhöhte Anforderungen an das Liquiditätsmanagement in der Kapitalanlage stellen.
Wenn Kunden künftig zwischen zeitlich befristeten Auszahlplänen und Leibrenten wählen können, müssen Lebensversicherer den Mehrwert lebenslanger Renten aktiv kommunizieren. „Die lebenslange Verrentung ist kein Relikt aus alten Zeiten, sondern ein Kernnutzen der Lebensversicherung“, sagt Heermann. „Allerdings gerät sie stärker unter Erklärungsdruck und muss im Kundengespräch plausibel erläutert werden.“
Das geplante staatliche Standardangebot bewertet Assekurata kritisch. Zwar könne ein einfaches, kostengünstiges Produkt die Zugänglichkeit der geförderten Altersvorsorge verbessern. Ordnungspolitisch entstehe jedoch ein Spannungsfeld, wenn der Staat zugleich Regulierer und Marktteilnehmer sei. „Hier sind allerdings noch wesentliche konzeptionelle und operative Fragen offen, sodass wir derzeit nicht davon ausgehen, dass zu Jahresbeginn 2027 bereits ein staatliches Angebot verfügbar sein wird“, so Heermann.
Value for Money als Vertrauensfrage
Neobroker, Robo-Advisor und Fondsplattformen haben die Kundenerwartungen an Kosten, Transparenz und digitale Bedienbarkeit bereits geprägt. „Die Lebensversicherung leidet nicht an fehlendem Vorsorgebedarf, sondern an einer Erlebnis-, Preis- und Transparenzlücke gegenüber digitalen kapitalmarktnahen Angeboten“, sagt Heermann. Kunden müssten transparent erkennen, was sie für ihre Kosten als Gegenwert erhalten. Damit werde „Value for Money“ zunehmend zur Vertrauensfrage.
„Insgesamt haben die Lebensversicherer wieder mehr finanzielle Bewegungsfreiheit“, fasst Heermann zusammen. „Doch daraus entsteht kein Automatismus für neues Wachstum. Die Branche muss jetzt beweisen, dass sie ihre Stärken in eine einfachere, transparentere und kapitalmarktnähere Vorsorgelogik übertragen kann.“
















