Sie haben den Datenschutz gerade schon angesprochen: Wie sollte man dieses Thema künftig im Umgang mit KI gewichten?
Madsen: Wir müssen darüber aufklären, wohin man seine Daten gibt. Der bekannte Satz lautet ja: Wenn ein Produkt nichts kostet, bist du das Produkt. Viele Menschen sind bereit, eine große Menge an Daten preiszugeben – zum Beispiel für Treuepunkte von Handelsunternehmen. Ein wenig Eigenverantwortung ist da nicht verkehrt. Natürlich muss auch der Staat darauf achten, was mit den Daten passiert. Persönlich mache ich mir allerdings keine allzu großen Sorgen. Ich bin ziemlich sicher, dass ChatGPT längst weiß, wer ich bin. Die KI braucht nicht besonders viel Intelligenz, um zu erkennen, warum ich als Claus bestimmte Fragen stelle. Problematisch wird es natürlich, wenn Menschen Hobbys oder Interessen haben, die gesellschaftlich kritisch gesehen werden. Aber mein Hobby ist mein Rennrad. Deshalb kann ich gut damit leben, wenn ChatGPT weiß, dass ich häufig nach Schläuchen oder Ventilen suche. Und mal ganz ehrlich: Ist es wirklich so schlimm, dass die KI weiß, dass ich weiße Tennissocken mag, Rotwein trinke und donnerstagabends einkaufen gehe? Wo ist das Problem? Ich sehe keinen Fall, der mir schadet.
Die Angst vor Jobverlust durch KI ist weit verbreitet. Sie haben in einem Interview gesagt: „Ich glaube nicht, dass es in Zukunft weniger Jobs geben wird, weil die KI vieles übernimmt. Aber die Jobs werden anders sein.“ Was macht Sie so optimistisch? Und wie werden die Jobs sein?
Madsen: Ich sehe nicht, dass KI dazu führt, dass massenhaft Menschen entlassen werden. Vielleicht kann KI irgendwann Kraftfahrer ersetzen, aber dafür entstehen andere Aufgabenfelder. Vielleicht gibt es eines Tages einen Roboter, der Ziegelsteine aufs Dach legen kann, aber vorher muss jemand den Roboter bauen und ausliefern. Früher saßen Menschen am Rechner und entwarfen Logos für Lidl oder andere Unternehmen. Heute kann Software vieles davon selbst erledigen. Ich habe aber bisher kein Unternehmen erlebt, das seine Abläufe digitalisiert hat und danach weniger Mitarbeiter hatte. Das passiert nicht. Es gibt immer Berufe, deren Bedeutung abnimmt – dafür wachsen andere Bereiche. Dann brauchen wir eben mehr Kreative. Wie viele Content-Mitarbeiter hat mittlerweile jeder Fahrradladen? In Schleswig-Holstein werden künftig rund 97.000 Arbeitskräfte fehlen – allein wegen der Babyboomer, die in Rente gehen. Das kostet Milliarden an Wertschöpfung. Schon heute gibt es Handwerksbetriebe, die Aufträge gar nicht mehr annehmen können. Deshalb glaube ich, dass das Nichtnutzen von KI die viel größere Gefahr ist. Ich nutze immer gerne diese Metapher, wenn Menschen Angst vor technologischem Fortschritt haben: Vor 10.000 Jahren saßen wir alle in einer Höhle. Einige Menschen schauten hinaus und sagten: „Wir gehen jetzt raus und entdecken die Welt.“ Andere blieben drinnen und sagten: „Auf keinen Fall gehen wir da raus.“ Sie bestätigten sich gegenseitig darin und meinten: „Gut, dass wir nicht rausgegangen sind – die anderen sind schließlich nie zurückgekommen.“ Aber diejenigen draußen würden das vermutlich anders sehen. Ich glaube, es ist gut, wenn wir zu denen gehören, die sich aus der Höhle trauen. Auch bei KI.

Trafen sich zum Interview in Kiel: Claus Ruhe Madsen (rechts) und Cash.-Redakteur Kim Brodtmann (Foto: Florian Sonntag)
Die Versicherungsbranche geht davon aus, dass einfache Produkte wie Kfz-Policen künftig ausschließlich digital abgeschlossen werden – mit KI-Unterstützung. Anspruchsvollere Sparten wie die Berufsunfähigkeitsversicherung benötigten dagegen weiterhin individuelle persönliche Beratung, heißt es. Halten Sie das für realistisch?
Madsen: Da würde ich total widersprechen. Wir liegen falsch, wenn wir glauben, nur Standardaufgaben an die KI abgeben zu können. Wenn der Rechner mein Gesamtprofil bekommt und dem Versicherer sagen soll, welche Parameter aufgrund meines bisherigen Lebens, meiner Krankenhistorie und meines Berufs bei einer Berufsunfähigkeitsversicherung anzusetzen sind: Warum muss das ein Mensch machen? Warum nicht der Rechner? Was macht der Mensch denn heute? Er tippt das doch auch nur ein und der Rechner spuckt ihm das Ergebnis aus. Ich glaube eher, dass der Rechner uns gerade bei Spezialanwendungen noch stärker helfen kann.
Der „Spiegel“ fragte kürzlich: „Macht die KI uns dumm?“ Die Befürchtung ist, dass Schülerinnen und Schüler das Denken verlernen. Sehen Sie diese Gefahr auch?
Madsen: Als ich zur Schule ging, mussten wir einen Reim aufsagen mit Gemeinden rund um Fünen – um zu lernen, wo diese Städte liegen. Ob ich dadurch ein klügerer Mensch geworden bin, weiß ich nicht so genau. Da ist es doch sehr viel hilfreicher, wenn uns vermittelt wird, wie wir KI-Werkzeuge nutzen können, um Wissen zu erlangen. Meine Tochter macht gerade Abitur, und ihr hat KI sehr dabei geholfen, mathematische Fragestellungen und Lösungen besser nachvollziehen zu können. Das macht mich doch nicht dümmer, nur weil ich es nicht auswendig kann. Als Däne bin ich da wahnsinnig technologieoffen. Ich bin davon überzeugt, dass Menschen, die viel KI nutzen, einen Kreativitätsvorsprung haben.
Wenn wir mal 10 bis 20 Jahre vorausblicken: Werden dann noch immer die Menschen die KI beherrschen oder wird sich das umgekehrt haben?
Madsen: Vielleicht bin ich zu naiv, aber ich glaube, dass wir das im Griff haben werden. Was einem natürlich Sorgen machen kann, sind die autonomen Systeme im Bereich Kriegsführung. Wenn das immer stärker automatisiert wird und man gleichzeitig sieht, welche Despoten weltweit an der Macht sind, muss man sich schon fragen, ob KI nicht auch eine Bedrohung sein kann. Aber das finde ich viel zu düster, so bin ich nicht als Mensch. Ich sehe die Möglichkeiten. Wir stehen vor riesigen Klimaherausforderungen. Ich glaube, dass Technologien wie KI viel stärker dazu beitragen können, den Klimawandel zu stoppen. In der Pflege wird sich der Fachkräftemangel in den kommenden Jahren deutlich verschärfen, auch da kann Automatisierung helfen. Und wir leben in einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen eine ausgewogene Work-Life-Balance fordern. Wenn wir mehr Freizeit wollen, werden wir auch viele Prozesse automatisieren müssen.
Das Gespräch führte Kim Brodtmann, Cash.















