Prediction Markets auf Blockchain-Basis haben sich innerhalb kurzer Zeit von einer Nische für Krypto-Enthusiasten zu einem Markt mit zweistelligen Milliardenumsätzen entwickelt. Nach Angaben von Black Manta Capital Partners erreichten die Plattformen Polymarket und Kalshi Anfang 2026 zusammen ein monatliches Handelsvolumen von rund 26 Milliarden Dollar. Im September 2025 lag dieses noch bei weniger als fünf Milliarden Dollar.
Zusätzliche Aufmerksamkeit erhielt das Marktsegment durch eine Wette auf einen US-Luftschlag gegen die iranische Atomanlage Fordo. Recherchen der österreichischen Tageszeitung Der Standard und des Anti-Corruption Data Collective zufolge platzierte ein Nutzer rund zehn Stunden vor dem Angriff Wetten im Wert von knapp 9.000 Dollar auf genau dieses Szenario.
„Damit überrollt das Segment der Krypto-Prognosemärkte den legalen US-Sportwettenmarkt – und zieht sogar zunehmend institutionelle Anleger an“, sagt Oscar Riegler, Chief Operating Officer von Black Manta Capital Partners.
Regulatorische Unsicherheit in Europa
Mit dem schnellen Wachstum rückt die Frage nach einer angemessenen Regulierung in den Mittelpunkt. Während in den USA die Commodity Futures Trading Commission bereits gegen einzelne Angebote vorgeht, fehlt in Europa bislang eine einheitliche Linie.
Im Frühjahr 2026 reagierten Behörden in Spanien, den Niederlanden und Frankreich mit Warnungen, Geo-Blocking und Blacklisting. In Deutschland stuft die Gemeinsame Glücksspielbehörde der Länder sogenannte Gesellschaftswetten unter ausdrücklicher Nennung von Polymarket als illegales Glücksspiel ein.
„Prognosemärkte sind binnen kürzester Zeit zu einem milliardenschweren Marktsegment geworden, das zunehmend institutionelles Kapital anzieht“, sagt Oscar Riegler. „Genau das macht die fehlende regulatorische Linie in Europa zum Problem. Institutionelle Investoren brauchen Rechtssicherheit, bevor sie sich engagieren – und die gibt es hier bislang nicht.“
Finanzinstrument oder Glücksspiel?
Im Zentrum der Debatte steht die juristische Einordnung der sogenannten Event-Kontrakte. Entscheidend ist, ob sie als Finanzinstrumente nach der MiFID-II-Richtlinie gelten oder unter die nationalen Glücksspielgesetze fallen.
„Die entscheidende Frage ist, wonach man das rechtlich einordnet“, erklärt Dr. Robert Oppenheim, Rechtsanwalt bei Osborne Clarke Germany. „Kontrakte, die sich auf wirtschaftlich relevante Basiswerte wie Inflationsdaten oder Klimavariablen beziehen, könnten als Derivate unter MiFID II fallen. Wetten auf rein politische oder gesellschaftliche Ereignisse dürften dagegen mangels eines tauglichen Basiswerts eher als Glücksspiel zu werten sein. Und das ist in Deutschland außerhalb des Sports schlicht nicht erlaubt beziehungsweise auch nicht genehmigungsfähig.“
Nach Einschätzung von Riegler hat diese Einordnung weitreichende Folgen. „Die Einordnung von Event-Kontrakten ist keine akademische Übung. Sie entscheidet auch darüber, ob Europa ethische rote Linien für den Markt durchsetzen kann.“
Kontrolle oder regulatorisches Vakuum
Der Fall der Iran-Wette verdeutlicht aus Sicht der Experten die praktischen Konsequenzen. „Wäre ein solcher Kontrakt als Finanzinstrument qualifiziert, griffen die strengen Marktmissbrauchsregeln des Kapitalmarktrechts. Handel auf Basis von Geheimdienstinformationen wäre strafbar, und die Plattformen müssten Daten an die Aufsicht liefern“, sagt Oppenheim.
„Die aktuelle Praxis in Europa – das Segment pauschal als illegales Glücksspiel zu verbieten – schafft dagegen ein gefährliches Kontrollvakuum. Das Verbot stoppt den globalen Handel nicht, es entzieht ihn nur der Beobachtung europäischer Behörden.“
Nach öffentlicher Kritik löschte Polymarket Kontrakte zu US-Soldaten im Zusammenhang mit dem Iran-Konflikt eigenständig von der Plattform. Aus Sicht der Experten zeigt dies, dass ohne klaren Rechtsrahmen wesentliche Entscheidungen über zulässige Inhalte bei privaten Plattformbetreibern liegen.
Für Riegler könnte eine klare Regulierung dagegen zum Standortvorteil werden: „Unsere Erfahrung zeigt: Klare aufsichtsrechtliche Leitplanken sind kein Hemmnis, sondern die Voraussetzung dafür, dass ein Markt überhaupt institutionell skalieren kann.“ Oppenheim ergänzt: „Die Einordnung von Event-Kontrakten entscheidet darüber, ob Europa hier eigene, wirtschaftlich tragfähige Modelle entwickelt – oder das Feld den US-Plattformen überlässt.“














