In einer Analyse vom 16. Oktober 2026 macht die Ratingagentur Morningstar DBRS auf die Kreditrisiken einer möglichen KI-Blase aufmerksam. Im Mittelpunkt steht die Frage, was eine Abkühlung des KI-Investitionsbooms für die Kreditqualität der US-Technologiebranche bedeuten würde. Nach Schätzungen der Agentur sollen die weltweiten KI-Infrastrukturausgaben der vier Konzerne Amazon, Meta, Alphabet und Microsoft von 237 Milliarden US-Dollar im Jahr 2024 auf rund 1.104 Milliarden US-Dollar im Jahr 2028 klettern - binnen vier Jahren nahezu eine Verfünffachung.
Wie stark die KI-Ausgaben bis 2028 steigen sollen
Für die Jahre dazwischen geht DBRS von 409 Milliarden US-Dollar (2025), 751 Milliarden US-Dollar (2026) und 997 Milliarden US-Dollar (2027) aus. Die folgende Tabelle fasst die Schätzungen der Agentur zusammen.
| Jahr | KI-Infrastrukturausgaben (Milliarden US-Dollar) |
|---|---|
| 2024 (Ist) | 237 |
| 2025 (geschätzt) | 409 |
| 2026 (geschätzt) | 751 |
| 2027 (geschätzt) | 997 |
| 2028 (geschätzt) | 1.104 |
Die vier großen Tech-Konzerne erhöhen ihre eigenen Prognosen
Die jüngsten Zahlen der Hyperscaler stützen den von DBRS skizzierten Trend. Alphabet rechnet für 2026 nun mit Investitionsausgaben von 180 bis 190 Milliarden US-Dollar und kündigte für 2027 einen „signifikant“ höheren Kapitalbedarf an (Stand: Juni 2026). Microsoft gab für das im März 2026 beendete Quartal Kapitalausgaben von 31,9 Milliarden US-Dollar an. Für das Kalenderjahr 2026 erwartet der Konzern rund 190 Milliarden US-Dollar. Darin stecken etwa 25 Milliarden US-Dollar, die allein auf höhere Bauteilpreise zurückgehen.
Auch Meta legte zu. Am 29. Juli 2026 setzte der Konzern seine Jahresprognose auf 130 bis 145 Milliarden US-Dollar hoch, nachdem sie zuvor bei 125 bis 145 Milliarden gelegen hatte. Im zweiten Quartal 2026 erreichten die Investitionen inklusive Finance-Lease-Zahlungen 31,08 Milliarden US-Dollar, gegenüber 17,01 Milliarden ein Jahr zuvor. Der freie Cashflow brach im selben Zeitraum von 8,55 Milliarden auf 784 Millionen US-Dollar ein. Nach den Zahlen vom 30. Juli 2026 schraubte Amazon seine Prognose für 2026 auf rund 220 Milliarden US-Dollar nach oben, ebenfalls aufgrund steigender Preise für Speicherchips.
| Unternehmen | Capex-Prognose 2026 | Anmerkung |
|---|---|---|
| Alphabet | 180 bis 190 Milliarden US-Dollar | Stand Juni 2026; für 2027 „signifikant“ höherer Bedarf angekündigt |
| Microsoft | rund 190 Milliarden US-Dollar | Quartal bis März 2026: 31,9 Milliarden US-Dollar; davon rund 25 Milliarden US-Dollar durch höhere Bauteilpreise |
| Meta | 130 bis 145 Milliarden US-Dollar | angehoben am 29. Juli 2026; zweites Quartal 2026: 31,08 Milliarden US-Dollar (Vorjahr: 17,01 Milliarden US-Dollar) |
| Amazon | rund 220 Milliarden US-Dollar | angehoben nach den Zahlen vom 30. Juli 2026 (zuvor 200 Milliarden US-Dollar) |
BIZ warnt vor einer möglichen KI-Blase durch zirkuläre Finanzierung
Auch die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) befasst sich mit dem Risiko einer KI-Blase. Sie hält in ihrem Jahresbericht vom 28. Juni 2026 fest, dass die fünf größten Hyperscaler allein für die Jahre 2025 und 2026 Investitionen von zusammen über einer Billion US-Dollar im KI-Bereich vorsehen. Diese Ausgaben übersteigen die Unternehmensgewinne zunehmend. Besonders kritisch sieht die BIZ die zirkuläre Finanzierung zwischen Chipherstellern, Hyperscalern und KI-Labs, bei der ein und derselbe Vermögenswert wiederholt als Sicherheit eingesetzt werden könnte: „The terms of such deals are typically poorly disclosed, with risks of the same asset being pledged multiple times.“ Bleiben die erhofften Erträge aus, könnte der Investitionsboom laut BIZ in eine länger anhaltende Flaute kippen - „with potential knock-on effects on financial conditions“.
Telekom-Boom der 1990er-Jahre: der historische Vergleich von DBRS
DBRS zieht in der Analyse einen Vergleich zum US-Telekommunikationsausbau der späten 1990er-Jahre. Zwischen 1996 und 2000 wuchsen die Investitionen in diesem Sektor damals um 75,6 Prozent, ehe sie zu Beginn der 2000er-Jahre spürbar einbrachen. Laut Zahlen der Federal Reserve Bank of Richmond kletterten die US-Ausgaben für Telekommunikationsausrüstung im gleichen Zeitraum von etwa 62 Milliarden auf mehr als 135 Milliarden US-Dollar jährlich, gerechnet in konstanten 1996-Dollar. Nach dem Platzen der damaligen Blase lagen Schätzungen zufolge 85 bis 95 Prozent der in den 1990er-Jahren verlegten Glasfaserkabel ungenutzt brach - bekannt als „dark fiber“. Ob sich der aktuelle Zyklus ähnlich entwickelt, lässt die Analyse offen.
Wer in der KI-Lieferkette am stärksten gefährdet ist
DBRS unterscheidet deutlich zwischen robusten und anfälligen Akteuren der KI-Wertschöpfungskette. Die vier größten Hyperscaler gelten als widerstandsfähig. Größe, Marktmacht und starke Cashflows erlauben es ihnen, den Capex-Druck zu verkraften, ohne dass ihre „sehr starken“ Kreditprofile wesentlich leiden. Das zeigte bereits eine frühere DBRS-Analyse vom 6. Oktober 2026. Kleinere Teilnehmer im Ökosystem sind dagegen stärker exponiert - etwa weil sie von wenigen Großkunden abhängen, über begrenzten finanziellen Spielraum verfügen und schwerer an Kapital gelangen.
| Risikokategorie | Sektor | Zentrales Risiko bei einer Abkühlung |
|---|---|---|
| Geringes Risiko | Hyperscaler/große Cloud-Anbieter | Gefahr von Überinvestition in Rechenzentren, Prozessoren und Strom, bevor sich die Nachfrage als nachhaltig erweist |
| Geringes Risiko | Halbleiter-Foundries | Abhängigkeit von wenigen Chipdesignern, hohe Vorabinvestitionen |
| Geringes Risiko | Halbleiter-Ausrüster | Verzögerter Effekt; Gefahr stornierter Bestellungen bei langen Lieferzeiten |
| Mittleres Risiko | Rechenzentrumsbetreiber | Bau- und Genehmigungsrisiken; Fehlanpassung zwischen langfristiger Finanzierung und kürzerer Hardware-Lebensdauer |
| Mittleres Risiko | Advanced-Packaging-Anbieter | Kapazitätsausbau auf Basis temporärer Engpässe, schwer umnutzbare Spezialanlagen |
| Mittleres Risiko | Netzwerk-/Optik-Zulieferer | Überbestände, schnelle Standardwechsel, Preisdruck |
| Mittleres Risiko | Speicherchip-Hersteller | Gefahr des Umschlags von Knappheit in Überangebot bei Hochleistungsspeicher |
| Hohes Risiko | Spezialisierte GPU-Cloud-Anbieter | Hohe Kundenkonzentration, hohe Verschuldung, Abhängigkeit von wenigen Hardware-Optionen |
| Hohes Risiko | LLM-Entwickler/KI-Labs | Langfristige Compute-Verpflichtungen ohne gesicherte Erträge, Margendruck durch fallende Token-Preise |
Noch keine Überkapazität bei Rechenzentren - doch DBRS nennt Warnsignale
Aktuelle Marktdaten deuten bislang nicht auf eine akute KI-Blase im Rechenzentrumsmarkt hin. Laut dem Immobiliendienstleister JLL betrug die Leerstandsquote bei Rechenzentren in Nordamerika im ersten Halbjahr 2026 lediglich ein Prozent - bereits das dritte Jahr in Folge. Das Bauvolumen erreichte zugleich mit 66 Gigawatt einen Rekord, davon waren 95 Prozent schon vermietet. Auch die Nachfrage lag mit 25 Gigawatt auf Rekordniveau, doppelt so hoch wie im Vorjahreszeitraum. Dennoch führt DBRS steigende Leerstandsquoten ausdrücklich als eines der Frühwarnsignale an, die Investoren im Blick haben sollten.
Nvidia widerspricht dem Vorwurf zirkulärer Finanzierung
Auch Nvidia steht im Fokus der Diskussion über zirkuläre Finanzierungsmodelle. Konzernchef Jensen Huang trat dieser Kritik im Jahr 2026 mehrfach entgegen, etwa im Zusammenhang mit einer rund zwei Milliarden US-Dollar schweren Beteiligung an CoreWeave im Januar 2026 sowie dem Erwerb von MediaTek-Wandelanleihen im Wert von 3,5 Milliarden US-Dollar im September desselben Jahres. Bei einer Investorenkonferenz von Goldman Sachs sagt Huang: „It’s not circular because we put a little bit of money in, and a lot of money comes back.“
Was die DBRS-Warnung für Berater und Anleger bedeutet
Für Berater, Vermittler und Vermögensverwalter ist die Analyse besonders relevant. Denn die Bewertungen zahlreicher Technologie-, Infrastruktur- und Rentenprodukte sind inzwischen eng mit der Fortsetzung des Hyperscaler-Capex-Booms verknüpft. Das betrifft Technologieaktien, Unternehmensanleihen der beteiligten Konzerne und strukturierte Finanzierungen von Rechenzentren. Wer Kundenportfolios mit Technologie- oder Infrastrukturanteil berät, behält deshalb die Konzentrationsrisiken innerhalb der Lieferkette im Blick. Das betrifft besonders kleinere Anbieter mit wenigen Großkunden: Laut DBRS träfe eine Abkühlung sie deutlich härter als die Hyperscaler selbst.















