Das neue Altersvorsorgedepot kommt ohne die Beitragsgarantie, die für die Riester-Rente noch Pflicht war. Und der Kapitalmarkt soll bis in die erste Säule selbst vordringen, in die umlagefinanzierte Rente, die der Staat jahrzehntelang als das ruhige Gegenstück zur Börse verteidigt hat. Wer eine Rente wirklich für sicher hält, muss sie nicht an der Börse absichern.
Diese erste Säule ist kein Naturgesetz. 1957 stellte der Staat die Rente vom Kapitaldeckungs- auf das Umlageverfahren um, weil Krieg und Währungsreform das angesparte Kapital vernichtet hatten. Schon damals warnte Ludwig Erhard davor, die Kapitaldeckung ganz aufzugeben. Adenauer setzte sich durch. Der Preis dieser Abkehr waren Jahrzehnte, in denen die Beiträge ganzer Generationen keinen Cent Zinseszins erwirtschafteten.
Schauen wir auf das, was im Gesetzblatt steht. Das Rentenpaket 2025 friert das Sicherungsniveau bei 48 Prozent ein und setzt den Nachhaltigkeitsfaktor aus, also genau den Mechanismus, der die Renten bremsen soll, wenn auf immer mehr Rentner immer weniger Beitragszahler kommen. Die Deutsche Rentenversicherung hat selbst vorgerechnet, wohin das Niveau ohne diese Haltelinie liefe: 2031 auf 47, bis 2040 auf 46 Prozent. Laut Bundesrechnungshof kostet das Einfrieren den Bund bis dahin rund 145 Milliarden Euro zusätzlich. Das ifo-Institut nennt diese Kosten versteckt. Stabil ist daran nichts, gestützt wird es Jahr für Jahr durch politische Entscheidung.
Und während die erste Säule auf Zuruf gehalten wird, kehrt der Staat zur Kapitaldeckung zurück, die er 1957 gegen Erhards Warnung verworfen hatte. Am 23. Juni empfahl die von der Regierung eingesetzte Alterssicherungskommission, in die gesetzliche Rente einen kapitalgedeckten Baustein einzubauen, nach schwedischem Vorbild über einen staatlichen Fonds, gespeist aus einem Beitrag von bis zu zwei Prozent. Verpflichtend einbezogen werden sollen künftig auch Selbstständige, gerade jene, die freiwillig immer hätten beitreten können und es nie taten. Beworben wird das alles mit einem bemerkenswerten Versprechen: Jeder baue sich nun auf einem eigenen Konto selbst etwas auf. Das ist kein Versehen, das ist ein Geständnis. Wer den Kapitalmarkt ausgerechnet in die Säule holt, die lange als der verlässliche Kern der Vorsorge galt, räumt ein, was am Rednerpult niemand ausspricht: dass die Umlage sich nicht mehr selbst trägt.
Der eigentliche Unterschied liegt tiefer, und er hat mit Rendite nur am Rande zu tun. Eine gesetzliche Rente ist ein Versprechen, dessen Höhe der Bundestag festsetzt und jederzeit wieder absenken kann. Wer allein darauf baut, bleibt ohnehin abhängig von jeder künftigen Mehrheit und von jedem Wahlversprechen, das eine Rente sicher nennt oder ein Niveau anhebt. Eigenes Kapital dagegen gehört schlichtweg dem, der es bespart. Über seine Höhe entscheidet kein Bundestag, und es ist da, ob die nächste Koalition großzügig ist oder klamm.
Die Frage, die sich jeder Sparer jetzt stellt, ist nicht, ob der Staat es gut meint. Sie lautet, ob das eigene Alter auf einer politischen Variable ruht oder auf eigenem Kapital. Fast siebzig Jahre nach Erhards Warnung gibt der Gesetzgeber die Antwort selbst, im Gesetzblatt, und nicht am Rednerpult.
Celine Nadolny ist Sachbuchkritikerin, Finanzpublizistin und Gründerin von Book of Finance. Mit ihrem Blog hat sie sich auf Rezensionen von Finanz- und Wirtschaftsliteratur spezialisiert. Für ihre Arbeit erhielt sie rund 20 Auszeichnungen und wurde 2022 in die Forbes-30-under-30-Liste aufgenommen. Bild nannte sie „Deutschlands einflussreichste Sachbuch-Kritikerin“, Focus Online zählt sie zu den einflussreichsten Sachbuchkritikern. Bislang hat sie über 600 Bücher rezensiert. Für Cash. schreibt sie regelmäßig im Magazin und auf Cash.Online.













