Herr Warkentin, Sie haben bei Gerling gelernt, einem Haus mit großer Tradition. Die Übernahme durch Talanx-HDI war 2005. Jetzt sind Sie CEO beim Nachfolger Ihres früheren Arbeitgebers. Wie fühlt sich das an?
Warkentin: Ja, das stimmt: Ich habe beim großen Industrieversicherer Gerling gelernt und meine ersten beruflichen Schritte in einer Zeit gemacht, in der Kundenbriefe noch auf Schallplatten diktiert wurden und jede Kalkulation dem damaligen Bundesaufsichtsamt für das Versicherungswesen (BAV) zur Genehmigung vorgelegt werden musste. Das verdeutlicht, wie grundlegend sich unsere Branche seitdem verändert hat. Das Marktumfeld war damals deutlich stärker reguliert. Diese Zeit ist mit der heutigen schlicht nicht zu vergleichen. HDI Deutschland vereint unterschiedliche Traditionen und Stärken: das Privatkundengeschäft von HDI, das Bancassurance-Geschäft in Hilden und Hamburg sowie das Firmengeschäft mit Wurzeln im Gerling-Konzern. Entscheidend ist jedoch nicht, woher wir kommen, sondern wie wir unsere Zukunft gestalten. Wir schreiben heute unsere eigene Geschichte. Wir fokussieren uns darauf, unseren Kunden sowie Vertriebs- und Kooperationspartner mit unserer Expertise zur Seite zu stehen, nachhaltig zu wachsen und wirtschaftlich erfolgreich zu sein - unabhängig von den historischen Wurzeln der einzelnen Geschäftsbereiche.
Aus der Recherche habe ich mitgenommen, dass Sie IT zur Chefsache erklärt haben. Was bedeutet das konkret?
Warkentin: Das stimmt. Die gesamte Finanzdienstleistungsbranche ist seit jeher im hohen Maße IT-lastig. Kaum ein Geschäftsvorgang kommt heute noch ohne maschinelle Unterstützung aus. Deshalb halte ich es für entscheidend, dass erfolgreiche Manager - branchenübergreifend - technologische Entwicklungen verstehen und fundiert bewerten können. Ein eigenes Urteilsvermögen in technischen Fragen ist unabdingbar. IT und Digitalisierung gehören zu meinem zentralen Verantwortungsbereichen. Dementsprechend bin ich bei allen wesentlichen Entscheidungen eng eingebunden und gestalte diese aktiv mit. Ich habe mich schon immer für Technik interessiert, ich bin in gewisser Weise auch ein Technikfreak.
Welche Note würden Sie der Branche in Sachen IT und Digitalisierung geben und welche Ihrem Haus?
Warkentin: Ich bin überzeugt, dass die gesamte Versicherungsbranche das IT-Thema sehr ernst nimmt - nicht zuletzt vor dem Hintergrund regulatorischer Anforderungen wie dem Digital Operational Resilience Act (DORA). Themen wie Cybersecurity, Datenschutz und Kundenvertrauen - stehen ganz oben auf der Agenda und IT spielt hier eine zentrale Rolle. Dementsprechend hat die Branche erheblich investiert. Für eine Bestnote ist das Umfeld zu dynamisch und die Bedrohungslage zu komplex. Datenschutz, Hackerangriffe und neue Risiken fordern uns kontinuierlich heraus. Insgesamt halte ich die Branche für resilient aufgestellt. Auch wir entwickeln unsere Fähigkeiten laufend weiter und begegnen den sich rasant verändernden Rahmenbedingungen angemessen und auf Augenhöhe.
Stichwort DORA. Ist sie eine sinnvolle Leitplanke oder bremst sie den Wettbewerb?
Warkentin: Digitale Resilienz ist für die Versicherungsbranche von zentraler Bedeutung. Vertrauen ist unser höchstes Gut. Deshalb müssen Kundendaten und insbesondere sensible Gesundheitsdaten bestmöglich geschützt sein. Vor diesem Hintergrund sind sowohl DORA als auch die DSGVO aus meiner Sicht sinnvoll und absolut berechtigt. Regulierung ist eine Rahmenbedingung unseres Geschäfts. Unsere Aufgabe ist es, diese Anforderungen sicher und kostenbewusst umzusetzen. Gleichzeitig kann eine anspruchsvolle Regulierung auch einen Wettbewerbsvorteil für diejenigen schaffen, die damit professioneller umgehen. Was würde passieren, wenn unser Geschäft nicht reguliert wäre? Stellen Sie sich ein Versicherer-Manager-Forum vor - und auf einmal fällt die Regulierung weg. Wahrscheinlich säßen da viele Manager der Tech-Giganten. Insofern wirkt Regulierung auch als Markteintrittsbarriere für neue Wettbewerber.

Exzellenter Kunden- und Vertriebspartnerservice ist Ihre erklärte Mission. Könnten Sie Beispiele nennen, wo HDI durch die Digitalisierung heute wirklich besser ist als vor drei Jahren?
Warkentin: Digitalisierung ist ein breites Feld. Wir arbeiten seit Jahren daran, Prozesse zu automatisieren. Ein konkretes Beispiel dafür ist unsere KI-gestützte Anwendung „Alle Informationen auf einen Blick“, in die wir unsere Bedingungswerke in ein Large Language Model integriert haben. Mitarbeitenden müssen nicht mehr aufwendig recherchieren oder historische Bedingungswerke im Detail kennen. Ein Beispiel aus der Praxis, ist ein Bedingungswerk aus den siebziger Jahren für die verbundene Hausratversicherung, die VHB 74, die Gerling lange Zeit vertrieben hat: Ist ein Fahrrad darin versichert, ja oder nein? Heute reicht eine konkret gestellte Frage und die KI liefert innerhalb weniger Sekunden eine verlässliche Antwort. Das erhöht die Effizienz, verbessert die Servicequalität und schafft mehr Zeit für die eigentliche Kundenberatung. Solche Lösungen zeigen sehr konkret, wie Digitalisierung unseren Kunden- und Vertriebspartnerservice besser macht als noch vor wenigen Jahren.
Wie hoch waren die Investitionen in den vergangenen fünf Jahren?
Warkentin: Wir investieren kontinuierlich in die Weiterentwicklung unseres Unternehmens. Dafür haben wir ein Change Budget eingerichtet, das insbesondere Investitionen in IT, Digitalisierung und andere Zukunftsthemen umfasst. Ich glaube nicht an einen einmaligen Investitionsschub, weil sich die Technik fortwährend weiterentwickelt. Deshalb müssen Unternehmen ihre Systeme und Prozesse fortlaufend weiterentwickeln. Unser Investitionsvolumen bewegt sich dabei auf einem für unsere Unternehmensgröße üblichen Branchenniveau. Wir sprechen über einen mittleren zweistelligen Millionenbetrag.
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