Die Postbank hat am 19. August 2026 eine neue Auswertung ihrer Vorsorge-Erhebung veröffentlicht, und die zeigt einen klaren Trend: Erstmals nutzt die Mehrheit der privat vorsorgenden Berufstätigen in Deutschland Wertpapiere in der Altersvorsorge. 58 Prozent setzen auf Aktien, Fonds oder ETFs – sechs Prozentpunkte mehr als in der Vergleichserhebung aus dem Jahr 2024.
Zugleich zeigt die Befragung: 38 Prozent aller Erwerbstätigen können sich vorstellen, ein staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot zu nutzen. Unter denjenigen, die bereits Wertpapiere besitzen, liegt diese Offenheit bei knapp 60 Prozent. Allerdings räumt fast ein Drittel der Wertpapiernutzer, 32 Prozent, ein, die Verlustrisiken solcher Anlagen nur schwer einschätzen zu können – ein Befund mit direkter Relevanz für die Beratungspraxis.
Postbank-Sprecher Michael Koschatzki bewertet den Anstieg positiv. Es sei „eine gute und wichtige Entwicklung, dass immer mehr Menschen Wertpapiere nutzen“, so Koschatzki laut Mitteilung der Postbank, mit Blick auf die langfristigen Renditeaussichten. Sein Rat an Sparer: „Wer früh beginnt und langfristig investiert, kann Schwankungen ausgleichen.“
Für Cash.-Leser aus Beratung und Vertrieb zählt dabei vor allem eines: Der Prozentwert stammt aus einer einzelnen, wenn auch seriösen Marktforschungsreihe. Wie belastbar der Trend tatsächlich ist, zeigt sich erst im Zusammenspiel mehrerer unabhängiger Quellen – dazu weiter unten mehr.
Woher stammen die Zahlen?
Die Postbank beauftragt seit mehreren Jahren die YouGov Deutschland GmbH mit einer bevölkerungsrepräsentativen Online-Befragung zur Altersvorsorge. Für die aktuelle Erhebung befragte YouGov vom 2. bis 5. April 2026 insgesamt 2.059 Personen ab 18 Jahren; die Postbank gewichtet die Ergebnisse nach eigenen Angaben repräsentativ für die deutsche Bevölkerung.
Die Vorjahreswerte stammen aus einer vergleichbaren YouGov-Erhebung aus dem Jahr 2024. Wie bei jeder Auftragsstudie eines Finanzdienstleisters gilt jedoch: Die Fragestellungen sind auf das Geschäftsfeld der Postbank – das Wertpapiersparen – zugeschnitten. Das macht die Einordnung im Kontext unabhängiger Quellen umso wichtiger.
Warum das Vertrauen in die gesetzliche Rente sinkt
Die Postbank-Umfrage selbst liefert keine Vertrauenswerte zur gesetzlichen Rente. Für diesen Teil der Einordnung braucht es unabhängige Quellen, und hier zeigt sich ein Muster, das zur These vom Vorsorge-Umbau passt, allerdings auch Nuancen verdient.
Der Altersvorsorge-Index DIVAX-AV des Deutschen Instituts für Vermögensbildung und Alterssicherung (DIVA), erhoben in Kooperation mit dem Meinungsforschungsinstitut INSA, ist der aktuellste unabhängige Gradmesser. Die Frühjahrswelle 2026 mit rund 2.000 Befragten zeigt einen Rückgang des Gesamtindex von 1,2 auf minus 3,0 Punkte gegenüber Herbst 2025 – der Index kann Werte zwischen plus 100 und minus 100 annehmen.
Nur noch etwa jeder Vierte fühlt sich laut dieser Erhebung durch die gesetzliche Rentenversicherung gut abgesichert, ein Rückgang von über fünf Prozentpunkten binnen eines halben Jahres. Unpopuläre Reformvorschläge wie höhere Beitragssätze, ein niedrigeres Rentenniveau oder ein höheres Renteneintrittsalter finden bei den Befragten entsprechend kaum Rückhalt: Ihre Zustimmungswerte liegen bei 15,3 Prozent, 12,5 Prozent und 10,8 Prozent.
Bemerkenswert ist der Kontrast zu den objektiven Fakten: Mit dem sogenannten Rentenpaket 2025 hat der Gesetzgeber die Haltelinie für das Rentenniveau von 48 Prozent bis zur Rentenanpassung 2031 gesetzlich verlängert. Zum 1. Juli 2026 sind die Renten zudem um 4,24 Prozent gestiegen, der aktuelle Rentenwert liegt bei 42,52 Euro je Entgeltpunkt, wie die Deutsche Rentenversicherung Anfang März 2026 mitteilte. Kurzfristig ist das Leistungsniveau der gesetzlichen Rente also gesetzlich abgesichert. Das Misstrauen speist sich demnach eher aus der Sorge um die Zeit nach 2031 und aus grundsätzlichen Zweifeln an der langfristigen demografischen Tragfähigkeit des Systems als aus einer akuten Niveauabsenkung.
Ältere Erhebungen zeichnen zudem kein einheitliches Bild und zeigen, wie stark die Ergebnisse von Fragestellung und Erhebungszeitpunkt abhängen: Eine DIA-Studie aus Januar 2024 maß das Vertrauen auf einer Skala von null bis zehn bei 5,4 Punkten – ein leichter Anstieg gegenüber dem Vorjahr.
Eine Civey-Umfrage im Auftrag der Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft aus dem August 2024 kam dagegen zu einem deutlich negativeren Bild: 71 Prozent der Befragten hielten die gesetzliche Rente demnach nicht für ausreichend gegen Altersarmut, nur neun Prozent gaben „Vertrauen“ als vorherrschendes Gefühl gegenüber der Rente an. Wer das Vertrauen in die Rente belegen will, sollte deshalb immer Institut, Fragestellung und Zeitpunkt mitliefern – ein einzelner Indexwert lässt sich nicht unreflektiert verallgemeinern.
Die wichtigsten Kennzahlen im Überblick
| Kennzahl | 2024 | 2026 | Quelle |
|---|---|---|---|
| Wertpapiernutzung in der privaten Altersvorsorge (Berufstätige, die privat vorsorgen) | rund 52 bis 53 Prozent | 58 Prozent | Postbank/YouGov, Erhebung April 2026 |
| Deutsche Aktionäre gesamt (Aktien- und Fondsbesitzer) | 12,1 Millionen (2024) | 14,1 Millionen (2025, veröffentlicht Januar 2026) | Deutsches Aktieninstitut, Aktionärszahlen |
| Offenheit für ein staatlich gefördertes Altersvorsorgedepot (alle Erwerbstätigen) | 58 Prozent* | 38 Prozent | Postbank/YouGov (*Erhebung Juli 2024, andere Fragestellung – vor Verabschiedung des Gesetzes) |
| Vertrauensindex Altersvorsorge, DIVAX-AV (Skala minus 100 bis plus 100) | plus 1,2 (Herbst 2025) | minus 3,0 (Frühjahr 2026) | DIVA/INSA |
Zur Tabelle ist eine Einschränkung wichtig: Die Werte zur Offenheit für ein Altersvorsorgedepot aus 2024 und 2026 sind nur bedingt vergleichbar. 2024 fragte YouGov nach einem noch abstrakten, staatlich geförderten Modell als Anreiz; die Erhebung 2026 fand hingegen statt, nachdem der Bundestag das konkrete Altersvorsorgedepot bereits verabschiedet hatte. Der Rückgang von 58 auf 38 Prozent lässt sich daher nicht ohne Weiteres als sinkendes Interesse lesen – er kann ebenso bedeuten, dass Sparer ein konkretes, jetzt bekanntes Produkt nüchterner bewerten als eine vage Idee.









