Die Menschen in Deutschland werden immer älter – doch viele unterschätzen, wie lange ihr Ruhestand tatsächlich dauern wird. Die Deutsche Aktuarvereinigung (DAV) hat deshalb einen öffentlich zugänglichen Lebenserwartungsrechner entwickelt, der versicherungsmathematische Modelle in verständliche Informationen übersetzt. Nutzerinnen und Nutzer können damit in wenigen Sekunden ihre statistische Lebenserwartung berechnen.
„Viele Menschen orientieren sich an den Lebensaltern der Generationen ihrer Eltern oder Großeltern“, sagt Dr. Volker Priebe, Vorsitzender des Ausschusses Leben und Vorstand der DAV. „Weil aber die Lebenserwartung in Deutschland seit vielen Jahren steigt, wird dadurch unterschätzt, wie lange finanzielle Vorsorge für das Alter tatsächlich reichen muss.“ Priebe betont, dass fundierte Entscheidungen für die eigene Lebensplanung ein realistisches Verständnis der möglichen Bandbreite individueller Lebensdauer voraussetzen.
Hinzu kommt eine verbreitete Fehlannahme: Die statistische Lebenserwartung wird häufig mit einer individuellen Vorhersage verwechselt. Sie ist jedoch ein Durchschnittswert, der auf dem bereits erreichten Alter und der verbleibenden mittleren Lebensdauer basiert. Lebensstil und weitere individuelle Faktoren können die tatsächliche Lebensdauer erheblich vom statistischen Mittelwert abweichen lassen.
Heute 62-jährige Frauen leben im Schnitt bis 92
Der Rechner veranschaulicht das anhand konkreter Beispiele. Für einen 25-jährigen Berufseinsteiger beträgt die statistische Lebenserwartung rund 90 Jahre. Für eine heute 62-jährige Frau, die möglicherweise kurz vor dem Renteneintritt steht, ergibt der Rechner eine durchschnittliche Restlebenserwartung von 30 Jahren – sie würde demnach mit 92 Jahren sterben. Von 100 heute 62-jährigen Frauen erleben statistisch rund 80 ihren 85. Geburtstag, rund 20 sogar den 99. Geburtstag.
Diese Streuung zeigt, wie stark die individuelle Lebensdauer vom Durchschnittswert abweichen kann – und welche Konsequenzen das für die Ruhestandsplanung hat. Ob vorhandene Mittel zehn, 20 oder mehr als 30 Jahre reichen müssen, ist eine Frage, die sich ohne belastbare Orientierungswerte kaum seriös beantworten lässt. „Der Anstieg der Lebenserwartung ist grundsätzlich als positive Entwicklung zu bewerten“, sagt Dr. Priebe. „Der Anstieg bedeutet zugleich, dass der eigene Ruhestand über einen längeren Zeitraum finanziell abgesichert werden muss.“
Der Rechner ist auch politisch relevant: Die steigende Lebenserwartung steht im Mittelpunkt der Debatte über eine mögliche Kopplung des Renteneintrittsalters an die Lebenserwartung.
Grundlage: Sterbetafel DAV2004R
Der DAV-Lebenserwartungsrechner basiert auf den Beobachtungsdaten der Sterbetafel „Deutsche Aktuarvereinigung 2004 Rentensterbetafel“ (DAV2004R), die in Deutschland insbesondere für private Rentenversicherungen verwendet wird. Die zugrunde liegende Generationensterbetafel berücksichtigt, dass die Lebenserwartung künftiger Jahrgänge infolge medizinischer Fortschritte und verbesserter Lebensbedingungen weiter steigen kann.
Die Datengrundlage umfasst Rentenversicherungsbestände deutscher Lebensversicherer, die deutsche Bevölkerungsstatistik sowie Daten aus der gesetzlichen Rentenversicherung. Ergänzend wurden internationale Entwicklungen in den Vergleich einbezogen.














