China zählt zu den wichtigsten Absatzmärkten der deutschen Exportwirtschaft. 2025 lieferten deutsche Unternehmen Waren im Wert von rund 81 Milliarden Euro dorthin. Doch der Markt birgt zunehmend Risiken: Laut dem aktuellen Zahlungsmoralbarometer des internationalen Kreditversicherers Atradius berichten 83 Prozent der befragten chinesischen Unternehmen von zumindest teilweise verspäteten Zahlungen im B2B-Geschäft. Rund ein Drittel aller Rechnungen ist überfällig. Damit liegt China über dem asiatischen Durchschnitt – nur Taiwan und Indien verzeichnen noch höhere Werte.
„China bleibt einer der wichtigsten Absatzmärkte für die deutsche Exportwirtschaft und ein bedeutender Standort für Direktinvestitionen. Gleichzeitig verlangt das Zahlungsumfeld dort eine andere Risikostrategie als in Europa“, sagt Frank Liebold, Country Director Deutschland bei Atradius.
Qualitätsmängel und Lieferstreitigkeiten als Hauptursache
Wer nach China exportiert, muss die dortige Logik von Zahlungsverzögerungen verstehen – denn sie funktioniert anders als in Europa. 55 Prozent der befragten Unternehmen nennen Qualitätsmängel oder abweichende Lieferungen als häufigsten Grund für verspätete Zahlungen. Komplexe Zahlungsprozesse folgen mit 41 Prozent, während Liquiditätsprobleme der Kunden mit 24 Prozent eine vergleichsweise untergeordnete Rolle spielen. Klassisches Mahnwesen greift in diesem Umfeld entsprechend selten.
„Wer nach China liefert, muss verstehen, dass Streitigkeiten über Qualität und Lieferung dort gezielt genutzt werden können, um Zahlungen zu verzögern“, sagt Frank Liebold. Chinesische Unternehmen reagieren darauf mit Zurückhaltung bei der Kreditvergabe: Weniger als 40 Prozent der B2B-Transaktionen erfolgen auf Kreditbasis. Viele setzen zudem konsequent auf kürzere Zahlungsziele, um das eigene Risiko zu begrenzen.
Dennoch lassen sich Forderungsausfälle auch mit strengen Kontrollen nicht vollständig vermeiden. 21 Prozent der befragten Unternehmen in China melden Ausfälle von mehr als fünf Prozent ihres Forderungsbestands – gegenüber zwölf Prozent im asiatischen Durchschnitt.
Forderungen eskalieren schnell zu Abschreibungen
Ein weiteres Charakteristikum des chinesischen Marktes: Die schrittweise Alterung von Forderungen, wie sie in europäischen Märkten häufig vorkommt, spielt dort eine geringere Rolle. Zahlungen werden entweder zügig beglichen oder eskalieren rasch in Ausfälle – häufig verbunden mit Rechtsstreitigkeiten. Um den Druck auf das Working Capital intern abzufedern, schränken 51 Prozent der chinesischen Unternehmen lieber ihre eigenen Investitionen ein, als den Druck an Lieferanten weiterzugeben.
Der Ausblick bleibt angespannt. Für die kommenden Monate erwarten 56 Prozent der befragten Unternehmen steigende Insolvenzen, weitere 38 Prozent rechnen mit dauerhaft hohen Insolvenzraten. Besonders betroffen sind kleinere Firmen mit eingeschränktem Zugang zu externer Finanzierung.
Auch die Gewinnperspektiven trüben sich ein: Mehr Unternehmen in China als im asiatischen Durchschnitt erwarten sinkende Gewinne – ein Signal, das Exporteure bei ihrer Risikoeinschätzung berücksichtigen sollten.
Cybersicherheit und Geopolitik als zusätzliche Belastungsfaktoren
Chinesische Unternehmen reagieren auf das angespannte Zahlungsumfeld auch mit überdurchschnittlich häufiger Nutzung von Frühzahlungsanreizen und Kreditversicherungen. „Das chinesische Zahlungsumfeld folgt anderen Regeln als europäische Märkte. Wer dort erfolgreich sein will, muss die lokalen Risikofaktoren und Eigenheiten des Marktes verstehen und seine Strategien entsprechend ausrichten“, sagt Frank Liebold.
Neben den Zahlungsrisiken rücken weitere Belastungsfaktoren in den Fokus. Laut der Befragung gehören Cybersicherheit, Betrug und geopolitische Instabilität zu den drei größten Risiken, die das B2B-Zahlungsverhalten in den kommenden zwölf Monaten prägen dürften. Makroökonomische Faktoren wie Konjunkturschwäche oder Inflation, die in europäischen Märkten häufig dominieren, spielen in China dagegen eine nachgeordnete Rolle.















