„EZB droht, Fehler von 2008 und 2011 zu wiederholen“

Ann-Katrin Petersen, Leiterin Kapitalmarktstrategie Deutschland, Schweiz, Österreich und Osteuropa bei BlackRock: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat den Leitzins heute bei 2 % belassen, zugleich aber erneut ihre Wachsamkeit und Bereitschaft signalisiert, das Zinsniveau bei Bedarf anzuheben. Es handelt sich um ein „hawkisches“ Stillhalten. Eine geldpolitische Richtungsänderung erfordert aus Sicht der EZB mehr Klarheit darüber, wie stark stagflationär der Nahostkonflikt wirkt – zumal die geopolitische Unsicherheit weiterhin hoch bleibt. Wir sehen nur begrenzten Spielraum für die Notenbank, über erhöhte Energiepreise und Angebotsstörungen hinwegzusehen.

Warum? Ein länger anhaltender Angebotsschock würde den bereits bestehenden Inflationsdruck verstärken – etwa durch den strukturellen Rückgang der Erwerbsbevölkerung sowie eine etwas lockerere Fiskalpolitik, die den Spielraum für weitere Zinssenkungen ohnehin begrenzt hatte. Zudem ist sich die EZB bewusst, dass die Energiekrise von 2022 Unternehmen und private Haushalte preissensibler gemacht hat. Das erhöht das Risiko einer Verfestigung der Inflation über einen Lohn‑Preis‑Kreislauf.

Derzeit bewegt sich die wirtschaftliche Entwicklung zwischen dem von der EZB im März veröffentlichten Basisszenario und einem ungünstigeren Szenario. Sollte es nicht zu einer raschen geopolitischen Entspannung kommen – etwa in Form eines kurzfristigen Abkommens zwischen den USA und dem Iran, das die Energiepreise deutlich senkt –, steigt die Wahrscheinlichkeit einer Zinserhöhung im Juni. Wir bleiben neutral gegenüber Staatsanleihen des Euroraums positioniert.

Ann-Katrin Petersen
Ann-Katrin Petersen (Foto: Blackrock)
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